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Wie der Vorsitzende Mao einst Chinas Diplomaten zu Opferlämmern machte

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Chinas Botschafter üben heute als Lobbyisten der Interessen einer künftigen Weltmacht immer anmaßender Einfluss auf ihre Gastländer aus. Pekings Außenministerium sitzt ihnen mit seiner Wolfskrieger-Mentalität im Nacken, seit Präsident Xi Jinping im November 2014 die Diplomatie aufforderte, sich nicht mehr zurückzuhalten: Von nun an sollen sie „die besondere Außenpolitik einer Großmacht“ vertreten.

Zur Zeit der Kulturrevolution standen die Entsandten aus der Volksrepublik unter anderem Druck. Weil sie angeblich mit dem kapitalistischen Ausland fraternisierten, sich vom dortigen bourgeoisen Lebensstil anstecken ließen, zwang Mao Zedong sie zur Selbstkritik und verordnete ihnen proletarische Umerziehung. Er machte sie zu seinen kulturrevolutionären Opferlämmern. Für den diplomatischen Dienst forderte er: „Revolutionäre Veränderungen müssen her. Sonst wird das sehr gefährlich. Wir sollten damit zuerst in Wien anfangen.“ (来一个革命化,否则很危险。可以先从维也纳做起). 

Mao Kulturrevolution Botschaften
Mao verlangte am 9. September 1966 von allen Botschaften Chinas, bei sich revolutionär aufzuräumen.

Der Vermerk des Großen Vorsitzenden – später in Kurzform „Maos Weisung vom 9.9.“ genannt – versetzte Chinas Botschafter weltweit in Angst und Schrecken. Mao kritzelte ihn am 9. September 1966, abends auf einen Brief, der ihm am gleichen Tag von Außenminister Chen Yi zugeschickt worden war.

Als damalige Absender des Schreibens, das seit 55 Jahren in Pekings Parteiarchiven ruht, zeichneten „Genossen“ aus der Gruppe um die „Rote Fahne“, dem Sprachrohr der Österreichischen Marxisten-Leninisten (MLÖ). Damals unterstützten sie als eine der ersten pro-maoistischen Gruppen in Westeuropa die Kulturrevolution. Die Salonrevoluzzer beschwerten sich über den bürgerlichen Lebensstil, den sie in der chinesischen Handelsmission in Wien beobachtet hatten (eine Botschaft gab es erst nach 1971). Pekings Vertreter hätten die „fortschrittliche Arbeiterklasse“ verraten, würden feinste Hemden aus weißer Seide und teure Anzüge tragen. „Sie lassen sich nicht von den taiwanesischen Kettenhunden Tschiang Kai-sheks unterscheiden, fahren gleich zwei Mercedes.“ Die Wiener Bevölkerung würde darüber „tuscheln und spotten. Es schmerzt uns, das mit anzuhören (…) wir fordern mit Nachdruck dieses bourgeoise Verhalten den Zuständigen zu melden und Maßnahmen dagegen zu treffen.“

Statt Wolfskrieger einst Opferlämmer: Maos Bannerslogan für seine kulturrevolutionäre Kampagne gegen Chinas Diplomaten. „Revolutionäre Veränderungen müssen her. Sonst wird das sehr gefährlich.“

Mao kommt der Brief für seine Kampagne gelegen

Ihre Beschwerde schickten sie an das Pekinger ZK-Institut zur Herausgabe der Werke von Marx, Engels, Lenin und Stalin. Es wurde übersetzt, dann an das Außenministerium und dort von Minister Chen an Mao weitergeleitet.

Dem Vorsitzenden kam der Brief wie bestellt, nachdem er am 5. August mit seinem Aufruf „Bombardiert das Hauptquartier“ die ihm verhasste Regierungsbürokratie erschüttert hatte. Nun konnte er weiteres Öl ins Feuer seiner Kulturrevolution gießen. „Diese Kritik ist sehr gut geschrieben“, lobte Mao die Österreicher. „Alle unsere Auslandsvertretungen müssen sie beachten.“ Die neue Kampagne soll daher „zuerst in Wien starten“.

Der frühere chinesische Botschafter in Wien, Wang Shu, erzählte mir davon, als ich ihn fragte, ob er auch unangenehme Erinnerungen an seine Zeit in Österreich habe: „Nur indirekt“, sagte er. Wegen der Sache mit dem Brief der MLÖ. Denn Maos Weisung richtete sich nicht nur gegen Diplomaten, sondern wirkte sich auch auf Journalisten wie ihn, die damals im Ausland für die Nachrichtenagentur Xinhua arbeiteten. „Wir alle mussten uns selbst kritisieren.“

In Zeitungen aus der Zeit der Kulturrevolution stieß ich auf Nachdrucke des Briefes und Maos Weisung. Das Schreiben der MLÖ ging fast zeitgleich mit einem am 29. August 1966 abgeschickten Beschwerdebrief eines afrikanischen Mao-Sympathisanten aus Tansania in Pekings Außenministerium ein. Er denunzierte ebenfalls das „Luxusleben“ der Diplomaten an der dortigen chinesischen Botschaft und legte seinem Brief Fotos der Frau des Botschafters bei. Bei Empfängen trug sie ein traditionelles Qipao-Seidenkleid. Im Fuhrpark der Botschaft standen westdeutsche Luxusautos, bei Empfängen wurden teuerste Delikatessen und Whiskey, Cognac und Importbier aufgetischt.

Einen Tag nach Maos Intervention vom 9. September rief Außenminister Chen Yi eine Krisensitzung ein. Maos Weisung wurde an alle Vertretungen Chinas in der Welt geschickt mit dem Aufruf: „Zerstört das Alte. Baut Neues auf.“ Der geschockte Wiener Handelsdelegierte und seine Vertreter gelobten sofortige Besserung: Sie telegrafierten Peking, sie wollten ihre Dienstwagen nicht mehr nutzen, und mit der Bahn nur noch zweite Klasse fahren. Sie boten an, ihre Tagesspesen von damals 20 Schilling auf 10 Schilling zu halbieren.

Nur kulturrevolutionäre Fotos und Bücher über Mao

Weltweit versicherten Diplomaten, all ihre Tätigkeiten, auch im Privatleben, revolutionieren zu wollen, in den Botschaften nur kulturrevolutionäre Fotos und Bücher über Mao auszustellen und chinesische Antiquitäten, Porzellane oder Kunsthandwerk zu entfernen. Am 24. September kürzte Peking den Lohn für alle Diplomaten. Ma Jisen, einst Mitarbeiterin in der Westeuropaabteilung des Außenministeriums, schrieb in ihrem 2003 in Hongkong erschienenen Buch „Kulturrevolutionäre Ereignisse im Außenministerium“ (马继森, 外交部文革纪实), dass damals ein Drittel aller Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes nach China zurückbeordert wurden. Sie mussten an der Kulturrevolution teilnehmen, sich der Kritik stellen und Selbstkritik üben.

Erst nach einem halben Jahr fuhr Mao am 7. Februar 1967 seine zornige Kampagne herunter, damit die Botschaften wieder arbeiten konnten. Chinas Diplomaten aber waren verstört und liefen noch lange – so erinnert sich der Außenbeamte Li Jiazhong – weiter nur in Sun Yatsen-Anzügen (die berühmte Mao-Kleidung) und in Stoff- statt Lederschuhen herum. Die Frauen motteten ihre Qipao-Gewänder ein und trugen nur noch Hosen oder Röcke.

Die Wiener MLÖ-Absender des Briefes erfuhren jahrelang nicht, was sie einst mit ihrem Brief anrichteten. Wie auch in anderen europäischen maoistischen Gruppierungen jener Zeit arbeiteten nur wenige kritisch auf, warum sie einst den Großen Vorsitzenden und seine grausame Kulturrevolution verherrlicht hatten. Auch Chinas Geschichtsschreibung verschweigt heute, wie Diktator Mao seine Diplomaten kulturrevolutionär erniedrigte und zur Schnecke machte. Nun soll eine neue Generation von Diplomaten und diesmal im Auftrag von Xi die Welt von der Überlegenheit des chinesischen Sozialismus belehren. Als seine Wolfskrieger.

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