Themenschwerpunkte


Kotau vor China: Wie tief darf man sich verneigen?

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Chinas Kaiser erwarteten von allen Untertanen, sich ihrer Macht zu unterwerfen. Besucher mussten dreimal im Kotau niederfallen und jeweils dreimal mit ihrer Stirn 頭‎ (tou) den Boden berühren 磕 (ke). Das Ritual mit neun Stirnaufschlägen (三拜九叩) endete nach Abschaffung der Kaisertums 1911. Aber auch danach verlangt Chinas Führung bis heute mit verbalem Kotau, ihr absolute Loyalität zu schwören. 

Der Kotau. Karikatur des deutschstämmigen Zeichners Kurt Wiese, der in den 1920er Jahren in China lebte und ein Essays von Lin Yutang über den Kotau illustrierte.
Der Kotau. Karikatur des deutschstämmigen Zeichners Kurt Wiese, der in den 1920er Jahren in China lebte und einen Essay von Lin Yutang über den Kotau illustrierte.

Peking macht sich auch Ausländer mit wirtschaftlichem Druck gefügig. Vor allem, wenn sie mit Handel oder ihren Worten vermeintlich chinesische Interessen verletzen. Mächtige Politiker und Wirtschaftsführer im Westen ließen sich so vorführen. Walt Disneys Präsident Michael Eisner erniedrigte sich 2008 ebenso wie zehn Jahre später Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche. Heimlich verrichteten sie verbale Kniefälle vor Chinas Machthabern. Bekannt wurde das, nachdem Pekings Führer selbst damit prahlten. 

Kotau gehört zu den chinesischen Begriffen, die erfolgreich in die deutsche Sprache eingingen. Das war so mit Maos spöttischer Worterfindung Papiertiger (纸老虎), die wir heute als Synonym verwenden, wenn etwas furchterregender wirkt, als es ist. Kotau bezeichnet ein unterwürfiges Verhalten mit der Bitte um Vergebung. Offen ist die Frage, wie tief sich ein Ausländer beim Kotau vor der Macht in China verbeugen soll. Der Fall des Lord Macartney, einst Abgesandter des englischen Königs, Georg III.. gab den Anstoß für eine Debatte, die bis heute geführt wird. Denn der Earl verweigerte am 14. September 1793 bei der Audienz vor Kaiser Qianlong den Kotau. Dabei wollte er eigentlich alles tun, um für die Krone einen Handels- und Freundschaftsvertrag mit dem Kaiserhof zu schließen, eine Botschaft in Peking zu eröffnen und den Handel durch Öffnung chinesischer Häfen auszuweiten.

So wie der Ausdruck Kotau ging auch der Begriff "Papiertiger" in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch ein.  Chinas Vorstellung von einem Papiertiger. Illustration von 1958:  "Why is US-Imperialism a Paper-Tiger?" aus der Propagandazeitung Beijing Review Nr.41/1958.
So wie der Ausdruck Kotau ging auch der Begriff „Papiertiger“ in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch ein. Chinas Vorstellung von einem Papiertiger. Illustration von 1958: „Why is US-Imperialism a Paper-Tiger?“ aus der Propagandazeitung Beijing Review Nr.41/1958.

Der Kaiser empfing ihn. Doch Macartney beugte vor ihm nur das Knie. Als er am 3. Oktober ein weiteres Mal den Kaiser aufsuchen durfte, um dessen Antwort auf seine Bitte nach Öffnung Chinas zu hören, kam es zum Eklat. In einem langen kaiserlichen Edikt besiegelte ein Satz sein Scheitern: „Unser himmlisches Reich besitzt innerhalb seiner Grenzen alle Dinge im Überfluss, Wir haben keinen Bedarf für Produkte, die in Eurem Land hergestellt werden und die wir von den Barbaren einführen müssten.“   

Harrison: Zweifel an Aufzeichnungen zu Macartneys Kotau

Macartneys Abfuhr wurde oft als “ Kampf der Kulturen“ gewertet, als beabsichtigter Bruch zwischen Ost und West. In einem neuen Buch erzählt die Oxford-Professorin Henrietta Harrison ein anderes Narrativ, verfolgt Leben und Arbeit der beiden Dolmetscher der Mission, Li Zibiao und George Thomas Staunton Für ihr „The Perils of Interpreting“ erforschte die Sinologin zehn Jahre lang die gescheiterte Mission von Macartney. Diese „hat Generationen von Historikern fasziniert, weil sie in Teilen noch ein Rätsel ist.“ Macartney hätte nicht verstehen können, warum Chinas Beamten, „so handelten, wie sie handelten.“  Und diese widerrum begriffen ihn nicht. Ungeklärt sei auch, was wirklich beim Kotau geschah. Harrison meldet Zweifel an den schriftlichen Aufzeichnungen an, sowohl der Briten als auch in den kaiserlichen Archiven. Sie spricht von Manipulationen des kulturellen Verständnisses und Probleme der Übersetzung.  

Der Kotau Macartney 1793 vor Kaiser Qianlong in China - zeitgenössische Spottzeichnung. Der Umschlag des Buchs (Princeton 2021) mit neuen Erkenntnissen über die Macartney-Mission von Henrietta Harrison "The Perils of Interpreting" (Die Gefahren der Übersetzung).
Der Kniefall Macartney 1793 vor Kaiser Qianlong – zeitgenössische Spottzeichnung. Der Umschlag des Buchs (Princeton 2021) mit neuen Erkenntnissen über die Macartney-Mission von Henrietta Harrison „The Perils of Interpreting“ (Die Gefahren der Übersetzung).

Der Erste, der den Kotau ablehnte, soll 1656 der russische Gesandte Feodor Isakovitch Bankov gewesen sein, der deshalb prompt auch nicht in Peking empfangen wurde. 140 Jahre später waren Macartney und Chinas Kaiser längst zu Kompromissen bereit. Qianlong bestand nicht mehr auf neunfachem Niederwerfen. Ein einfacher Kotau hätte ihm genügt. Macartney bot einen Kniefall an, wie er auch am britischen Königshof üblich war. Die Mission scheiterte, weil es an kulturellem Verständnis fehlte. Erst 1816 machte London mit Lord Amherst (1733-1858) einen erneuten Versuch. Amherst aber lehnte von Anfang an jeden Kotau ab. Die Audienz beim Nachfolge-Kaiser Jia Qing kam nicht zustande.  

Der Westen setzte auf Gewalt, um Chinas Märkte zu öffnen. Der Sinologe und Missisonar Richard Wilhelm, einer der besten Kenner chinesischer Gebräuche, bewertete den europäisch-chinesischen Streit um den Kotau als „trauriges Kapitel gegenseiten Missverständnises grundsätzlich verschiedener Standpunkte“ . Die „Unkenntnis chinesischer Sitten führte zu einer weitgehenden Entwürdigung des englischen Gesandten Macartney“.  Er verweigerte den Kotau, „der in chinesischen Augen normalen Huldigung vor dem chinesischen Kaiser, doch gab er wenigstens so weit nach, dass er ein Knie beugte.“ Damit aber, schreibt Wilhelm 1905 in seinem Aufsatz „Chinesische Umgangsformen“ trat Macartney nur in ein weiteres Fettnäpfchen. Denn diese Sitte war unter der mongolischen Yuan-Dynastie „erstmals eingeführt worden, galt als barbarisch und war für gewöhnlich am Kaiserhof ausgeschlossen.“    

Die Briten lernten aus dem Fiasko ein anderes extremes Verhalten. Als Xi Jinping gut 220 Jahre später im Oktober 2015 auf Staatsbesuch nach London kam, wurde ihm ein majestätischer Empfang bereitet. Der KP-Chef durfte in einer Goldenen Königs-Kutsche gemeinsam mit Königin Elisabeth fahren. Heikle politische Fragen wurden ihm nicht gestellt. Am Ende des Besuches wurde gar ein neues „goldenes Zeitalter“ in den Handelsbeziehungen ausgerufen. Die neue Euphorie aber hielt nicht lange.   

Der Chinakenner Ian Buruma spottete über den käuflichen Westen, der gegenüber China zu jeder Art von Kotau bereit ist, „Die Versuchung, vor der Sowjetunion zu Kreuze zu kriechen, ist nie derart mächtig gewesen, da dort kein Geld zu machen war. China lockt uns mit seinen Reichtümern, solange wir seine Kaiser lobpreisen.“

Walt-Disney-Medienchef: verbaler Kotau nach Tibet-Film

Weil es um Chinas Markt geht, hat Pekings Führung alle Hebel in ihrer Hand. Damit zwang sie sogar den einflussreichen Walt-Disney-Konzern, sich selbst zu verleugnen. Auslöser seiner Unterwerfung war der neue Film „Kundun“, den Disney 1997 über das Leben des heutigen Dalai Lama drehen ließ, der Peking tief verhasst ist. Als Kundun in die Kinos kam erpresste Chinas Außenhandelsministerium den Konzern: „Wir überdenken unser gesamtes Geschäft.“ Disney schränkte zunächst den Kinoumlauf des Films ein. Im Oktober 1998 jettete der Medienchef des Konzerns, Michael Eissner,  zur Schadensbegrenzung nach Peking. Als Berater hatte er Henry Kissinger engagiert, der ihm hinter den Kulissen ein vertrauliches Gespräch mit Chinas Premier Zhu Rongji vermittelte.  

Zhu empfing Eissner am 26. Oktober 1998 Im „Palais des Purpurenen Lichts“ , wo ausländische Gesandte einst den Kotau vor dem Kaiserhof ausführten, in Zhongnanhai, das Pekings Führer 1949 als ihren Parteisitz wählten. Eissner übte den verbalen Kotau: „Wir haben mit dem Film Kundun einen törichten Fehler begangen. Er ist nicht nur eine Kränkung für unsere Freunde, sondern wir haben viel Geld ausgegeben. Die schlechte Nachricht ist, dass wir diesen Film gedreht haben. Die gute Nachricht ist: Außer Journalisten hat ihn bisher kaum jemand gesehen. Ich entschuldige mich mit Bedauern. So etwas wird nicht wieder vorkommen.“  Großmütig lobte Zhu Eissners Mut, „einen Fehler zu korrigieren. Das zeigt Ihren unternehmerischen Weitblick“. 

Zhu selbst hat den Wortlaut seines Gesprächs mit Eissner auf sieben Seiten veröffentlicht. Es ist Teil seiner 2011 erschienenen „Originalreden 1991 bis 2004“ . Wäre Eissners Reuebekenntnis schon 1988 publik geworden hätte er in den USA wohl seinen Hut nehmen müssen.

Daimlers Kotau in China

Zehn Jahre später, 2018, war es an der Daimler-Führung, ihren Canossa-Gang anzutreten. Stein des Anstoßes wurde ein unpolitischer Sinnspruch auf dem Instagramm-Kanal von Mercdes Benz, der ein Werbefoto für eine Limousine zeigte. Unter dem Hashtag „Monday Motivation“ stand: „Betrachte eine Situation von allen Seiten und du wirst offener werden“. Pekinger Patrioten schauten auf den Namen des Verfassers: „Dalai Lama.“

Sie starteten online ein Kesseltreiben und ließen von Daimler nicht ab, auch als der Konzern das Foto löschte. Daimler Vorstandschef Dieter Zetsche und sein Chinavertreter Hubertus Troska schrieben darauf eiligst dem chinesischen Botschafter Shi Mingde in Berlin eine Entschuldigung. Staatsmedien wie Xinhua und Global Times ziterten genüsslich: Daimler erkenne „voll und ohne Einschränkung“ die „Ernsthaftigkeit des Vorfalls“  und „zutiefst das Leid, den der fahrlässige Fehler dem chinesischen Volk gebracht hat“. Sie hätten „keine Absicht, in irgendeiner Weise Chinas Souveränität und territoriale Integrität in Frage zu stellen oder herauszufordern.“ Zetsche musste deutschen Medien den Inhalt seines Briefs bestätigen. Der FAZ schrieb er: Sein Konzern liefere „keine Unterstützung oder Hilfe“ an Menschen, die die chinesischen Gebietsansprüche „vorsätzlich untergraben“ oder dies beabsichtigten.“

Die „Gefühle des chinesischen Volkes“ sind leicht verletzt

Zetsche war nicht der Einzige, der sich so verrenkte. Immer wieder drehen Chinas Blogger hyperpatriotisch auf, müssen westliche Unternehmen und  Marken sich für angebliche „Beleidigung der Gefühle des chinesischen Volkes“ entschuldigen. Die Financial Times riet den betroffenen Firmen: „Schnell handeln, die Schuld auf einen isolierten, menschlichen Fehler schieben und begeistert der Sicht der Dinge zustimmen, wie sie die Kommunistische Partei vorgibt.“      

Die Antwort auf die Frage, wie tief man sich beim Kotau vor Chinas Macht verneigen darf, hat allerdings nicht nur mit Selbstachtung zu tun, sondern auch mit physischer Konstitution.  Der Sinologe Rainer Kloubert fand bei Recherchen für sein kommendes Buch über die Verbotene Stadt heraus, wie chinesische Würdenträger einst „körperlich die Tortur des Kotau überstanden.“. Für sie gab es eine praktische, chinesische Lösung. Zur Amtsrobe eines Hofbeamten gehörte eine Perlenkette, die beim erforderten Stirnaufschlag zuerst den Boden berührte. Damit war dem Kotau Genüge getan. Je älter der Zeitgenosse war, desto länger durfte seine Amtskette sein. 

Auch der weltbekannte Shanghaier Satiriker Lin Yutang nahm den Kotau sportlich. In seinem 1930 erschienenen Essay „With Love and Irony“ verspottete er den Kotau als  „einzigartige chinesische kulturelle Kunst“ und zugleich als „effiziente Turnübung. Wie beim Rudern beanspruche sie jeden Muskel im Körper“. Für Lin waren der Kotau und die typisch chinesische Angst vor Gesichtsverlust zwei Seiten derselben Medaille, über die die Welt sich sorgen sollte: „Erst, wenn jeder Chinese sein Gesicht verliert wird aus China eine demokratische Nation werden können.“ Darauf, und auf das Ende aller Kotaus, warten nicht nur die Chinesen bis heute.  

Mehr zum Thema

    Großmacht der Geheimnisse  
    Seltene Erden: Der Fund in Schweden rettet uns nicht
    Neujahrsfest unter Pandemie-Bedingungen
    Risiken gemeinsamer Forschung