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Chinas Parteigeschichte: Die Kulturrevolution bleibt auf der Strecke

Von Johnny Erling
Die Kommunistische Partei Chinas: Die Kulturrevolution bleibt auf der Strecke in der Parteigeschichte
Banner zur Artikel-Reihe "100 Jahre Kommunistische Partei Chinas" von der China.Table-Redaktion.

Am 1. Juli inszeniert die 1921 gegründete Kommunistische Partei Chinas (KP Chinas) ihren hundertjährigen Geburtstag als ganz großes Spektakel. Die allein herrschende und mitgliederstärkste KP der Welt hat dazu ihre neue „Kurze Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas“ (中国共产党简史) veröffentlicht. Ihr Schlusskapitel über Parteichef Xi Jinping als neuen starken Mann Chinas macht allein rund 25 Prozent des Inhalts aus. Dafür gibt es kein eigenes Kapitel mehr über die Kulturrevolution.   

„Kurze“ Geschichte ist mit 531-Seiten ein Understatement. Dank 92 Millionen Parteimitgliedern ist das Buch jedoch trotz der schweren Kost bereits ein Bestseller. Den etwas irreführenden Titel hat Chinas Parteigeschichte einst von der Sowjetunion übernommen. 1938 erschien dort erstmals die „Geschichte der KPdSU (B) – Kurzer Lehrgang“. Spötter führten das Adjektiv „kurz“ auf die radikale Überarbeitung jeder neuen Ausgabe zurück. In Ungnade gefallene Parteiführer wurden herausgekürzt. Das ging so lange gut, bis sich die KPdSU mit dem Fall der Sowjetunion 1991 selbst verflüchtigte.

Seither hält nur Chinas Partei noch die Fahne hoch. Alle zehn Jahre gab sie ihre eigene „Kurze Geschichte“ heraus. Keine der seit 1991 erschienenen Ausgaben wurde jedoch so stark verändert wie die jetzige Neufassung. Obwohl Xi erst knapp zehn Jahre die 100-jährige Partei führt, kommt ihm die Hauptrolle zu. Unter der Überschrift „Chinas besonderer Sozialismus tritt in ein neues Zeitalter“ füllt das Kapitel über Xi ein Viertel des Buches. Es endet 2021 mit seinem Ausblick auf das Jahr 2035. China soll dann die nächste Wegmarke auf seinem bis 2050 geplanten langen Marsch zur Weltmacht erreicht haben. Dafür muss es bis 2035 „sozialistisch modernisiert“ werden, in allen Hightech-Bereichen die Nase vorn haben und sein Militär auf Weltniveau aufrüsten.  

Es bleibt also noch viel zu tun für den bald 67-jährigen Xi. Als Begründer der „neuen Ära“ hat er durch Änderung von Verfassung und Parteistatut dafür gesorgt, dass er ohne zeitliches Limit weiter über China herrschen darf. Er muss es sich 2022 vom 20. Parteitag nur noch absegnen lassen.

Personenkult um Xi auf die Spitze getrieben

Wie liest man im Ausland zwischen den Zeilen in Chinas Partei-Geschichte? Peking hilft zumindest sprachlich nach. Laut Xinhua wird sie gerade von 40 Übersetzern Nonstop in sieben Weltsprachen übersetzt. Erstmals ist sie auch illustriert. Fünf Farbportraits zeigen zum Einstieg, wer von den zahlreichen KP-Führern seit 1921 parteiideologisch überlebt hat. In historischer Reihenfolge grüßen Mao Zedong, Deng Xiaoping, Jiang Zemin, Hu Jintao und Xi. Doch der kommt an erster Stelle, wenn es um die Zahl seiner Fotos im Buch (12) geht – noch vor Mao (elf). Auf die anderen entfallen nur halb so viele Bilder. Weitere Hinweise gibt die Dreiteilung, wenn es um die Verdienste der Parteiführer geht: Mao hat sich unsterblich gemacht, weil er die Volksrepublik „aufstehen“ ließ, so wie Reformarchitekt Deng, weil er China „reich werden“ ließ. Xi aber macht die Nation „stark“. ( 站起来-富起来-强起来). 

Unter ihm sei „China noch nie in seiner Geschichte so nah ins Zentrum der Weltbühne gerückt, wie heute“, stünde „noch nie so kurz vor der Wiedergeburt seiner Nation wie heute“. Das wirke sich nach innen wie nach außen aus. China trumpft auf. Xi habe im November 2014 vor dem Auswärtigen Ausschuss des ZK verkündet: Von nun an müsse China „seine eigene besondere Großmacht-Außenpolitik verfolgen.“ Dengs berühmte Warnung an seine Landsleute, kühlen Kopf zu bewahren und „ihr Licht unter den Scheffel zu stellen“ (韬光养晦) ist nicht mehr up to date.

Maos Kulturrevolution in positives Licht gerückt

Die gravierendste Änderung der neuen Parteigeschichte ist ihre relativierende Darstellung der Kulturrevolution (1966 -1976). Anders als die Vorgängerbände, die Maos verheerende Politik noch in eigenen Kapiteln dazu verdammten, genügen der neuen Ausgabe gerade 20 Seiten, um die Verfolgungskampagnen zu schildern und neu zu bewerten – unter der Überschrift: „Erkundungen beim Aufbau des Sozialismus und seine Entwicklung in Windungen und Wendungen.“

Zwar sei es zu linksradikaler Willkür gekommen und schwerwiegende Fehler gemacht worden. Millionen wurden zu Unrecht verfolgt. Der Vorsitzende hätte aber in guter Absicht geirrt, um neue Wege zum Aufbau des Sozialismus zu erkunden. Selbst Maos einstige Rechtfertigungen werden wieder gedruckt. Er wollte mit der Kulturrevolution China „vor der Gefahr einer kapitalistischen Restauration schützen und Korruption, Privilegien und Bürokratie in Partei und Regierung beseitigen“.

Unter Aufzählung der im Zeitraum 1966 bis 1976 erzielten militärischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Großleistungen versucht die neue Parteigeschichte nachzuweisen, dass die Katastrophe doch nicht so schlimm war. In der Parteigeschichte von 2001 stand dagegen, dass alle Fortschritte „auf keinen Fall als Erfolg der Kulturrevolution gewertet werden dürfen, sondern im Gegenteil erzielt wurden, weil sich die Verantwortlichen den Störungen durch die Kulturrevolution widersetzten.“ ( 当然,这一切决不是“文化大革命“的成果,恰恰相反,是抵制“文化大革命“的干扰而取得的.) Ebenfalls 2001 hieß es: „Mao Zedong trägt die hauptsächliche Verantwortung für die überall gemachten und langandauernden linken Fehler in der Kulturrevolution“. 

Anspruch der Unfehlbarkeit

Nun ist die Partei wieder „korrekt“ und war es immer. Dort, wo es zu Fehlern kam, wurden sie von ihr selbst korrigiert. Sofort nach Amtsantritt verlangte Xi, einen Schlussstrich unter die unterschiedliche Aufarbeitung der 30-jährigen Herrschaft Maos 1949 bis 1978 und der 30-jährigen Reformzeit danach zu ziehen. Beide Entwicklungen dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern seien aus einem Guss. Am 15. Januar 2013 hielt Xi die entsprechende Rede. Sie steht in seinem neuen Buch: „Xi Jinping: Über die Geschichte der Kommunistischen Partei“. Es ist das Pendant zur „Kurzen Geschichte“. Xi gibt den Kurs vor. Um seine Rolle noch augenfälliger zu machen, erschien als getrennte Lektüre ein ergänzender Sammelband der anderen Führer: „Mao, Deng, Jiang und Hu über die Geschichte der Kommunistischen Partei“.

Die Lektüre der „kurzen“ 100-jährigen Geschichte lässt einen mit einem unguten Gefühl zurück. Der Kult um KP-Chef Xi, die Glorifizierung der Partei und die Tabuisierung jeder kritischen Bewältigung der Vergangenheit wirft einen dunklen Schatten über Chinas künftige Entwicklung zur verantwortlichen Weltmacht.

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