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Kissingers heimliche Leidenschaft für Pekings Himmelstempel

Von Johnny Erling
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Im November 2019 war Kissinger zuletzt in Peking – und traf dort auch mit Präsient Xi Jinping zusammen.

Peking wünscht sich von ausländischen Politikern, die Provinzen zu besuchen, statt nur auf Kurztrips in die Hauptstadt zu kommen, um China besser zu verstehen. Deutsche Kanzler folgten dem Ratschlag. Helmut Schmidt fuhr beim Antrittsbesuch 1975 nach Xinjiang, Helmut Kohl 1987 als erster Regierungschef nach Tibet. Am umtriebigsten war Angela Merkel unterwegs. Zuletzt bereiste die Kanzlerin im September 2019 die zentralchinesische Stadt Wuhan. Seit ihrem Amtsantritt kam sie zwölfmal nach China und schaute sich in rund 40 Prozent aller chinesischen Provinzen um.

Henry Kissinger schlägt sie jedoch alle. Er brachte es auf fast 100 Reisen in die Volksrepublik, nach seinem ersten geheimen Peking-Besuch vor 50 Jahren am 9. Juli 1971, der zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen Chinas mit den USA führte. Vergangene Woche feierte ihn Vizepräsident Wang Qishan dafür. Online zugeschaltet erinnerte sich der 98-jährige Kissinger in seiner 15-minütigen Video-Botschaft, wie es gelang, China zum „Teil des internationalen diplomatischen Systems“ zu machen. Er rief die USA und China zum Dialog auf, damit es auch künftig so bleibt. Beide Nationen sollten sich jeweils einen Emissär wählen, der „das Vertrauen ihrer Präsidenten hat, um diese Diskussion zu führen.“

Der Gedanke, dass Washington und Peking sich gegeneinander aufstellen und dabei sind, „andere Nationen dafür auf ihre Seite zu ziehen“ bereitet Kissinger schlaflose Nächte. Als Historiker sorgt ihn, ob sich das Reich der Mitte durch seinen Aufstieg unaufhaltsam zum Rivalen der westlichen Ordnung entwickelt und sich aus dem internationalen System abkoppelt.

Kissingers entdeckt seine Liebe für den Himmelstempel

Bei seinen Chinareisen entdeckte Kissinger einst einen Platz, wo er trefflich darüber nachdenken konnte. Es war der Tiantan (天坛) im Süden Pekings, auch bekannt als Himmelstempel. Ich erfuhr davon, als ich einst die Verwalter der mingzeitlichen Tempelanlage interviewte. Stolz erzählten sie mir, wie vernarrt Kissinger in ihren Park war. Er habe ihn fünfzehnmal besucht, brachte im Juni 2013 als damals 90-Jähriger sogar seinen Enkel mit.

Was faszinierte ihn so sehr an der 1406 bis 1420 erbauten Anlage, die dem Kaiser als Altar diente, um den Himmel um gute Ernten anzuflehen? Als „Sohn des Himmels“ leitete der Kaiser die jährliche Opferzeremonie in der dreistöckigen runden Halle mit ihrem Dach aus blauglasierten Ziegeln. Ihre geniale Holzkonstruktion kam ohne Nägel aus. Der runde Tempel auf quadratischem Platz verkörperte den Himmel über der Erde und auch die hierarchische Weltordnung „Tian Xia“(天下) – Alles unter Chinas Himmel.

Kissinger bewunderte den Tiantan als „Meisterstück klassischer Baukunst“ und liebte den anliegenden Zypressenwald mit uralten Bäumen. Das „altchinesische“ Ambiente zog ihn auch aus anderem Grund in Bann. Es war die Zeit, als er über dem Mysterium China brütete. Seine Erkenntnisse veröffentlichte er in zwei Büchern, 2011 in „China: Zwischen Tradition und Herausforderung“ und 2014 im übergeordneten Werk „Weltordnung“. Er ging von der Frage der traditionellen Diplomatie aus, „wie sich ein Gleichgewicht miteinander rivalisierender Kräfte herstellen und so die Interessen von Staaten und der Widerstreit der Nationalismen austarieren lässt“. Die Antwort sah er in den Paktsystemen des Westfälischen Friedens (1648) und des Wiener Kongress (1815). Europa gelang es so, „die internationale Ordnung neu zu definieren.“

Zum ersten Mal besuchte Kissinger den Tiantan-Park im Oktober 1971, drei Monate nach seinem Coup am 9. Juli. Er war wieder in Peking, um mit China den Entwurf für ein Gemeinsames Kommuniqué vorzuverhandeln, das beim Besuch Richard Nixons im Februar 1972 veröffentlicht werden sollte. Sein Verhandlungspartner war Vizeaußenminister Qiao Guanhua, (乔冠华), der 1937 in Deutschland an der Universität Tübingen über den altchinesischen Philosophen Zhuangzi promoviert hatte. Der Biograph Luo Yingsheng beschreibt, dass sich beide Unterhändler nach zwei Tagen an der Frage festbissen, eine akzeptable Sprachregelung zur Taiwanfrage zu finden. Qiao schlug Kissinger eine halbtägige Pause vor, um mit ihm durch den Himmelstempel zu spazieren. Dort stritten beide weiter. Doch Qiaos Kalkül ging auf: „Manche Dinge kann man nur beim Spaziergang direkt ansprechen“. Kissinger habe eingelenkt.

Auch ein zweites Mal 1973 verabredeten sich Kissinger und Qiao nach einem Verhandlungs-Impasse erneut zum Gang durch den Tiantan-Park. Qiao zeigte ihm die im 18. Jahrhundert fertig gebaute, ovale Stein-Umfassung um den vorderen Opfertempel, die von den Einheimischen Echo-Mauer genannt wurde, weil sie durch ihre Bauweise den Schall weiterleitete. 60 Meter voneinander entfernt konnten sich beide hören und verstehen. Kissinger nannte sie das erste „schnurlose Mauertelefon der Welt“. Wenn ihm Peking ein paar der Steine mitgeben würde, hätte er den ersten „heißen Draht zu China“. 

Pekings Beitritt in die WTO

Kissinger und alle US-Präsidenten von Nixon über Bush bis Obama hielten an der Strategie fest, China weiterhin in die internationale Ordnung des westlich-westfälischen Konzepts einbinden zu wollen, auch nachdem ihr anfänglich gemeinsames Interesse keine Rolle mehr spielte, die sowjetische Gefahr abzuwehren. Sie sahen daher im Beitritt Pekings in die Welthandelsorganisation WTO einen wichtigen Schritt.

Kissinger legte die „Saat für eine Politik des Engagements, die zum Betriebssystem für die amerikanisch-chinesischen Beziehungen wurde“, schrieb der US-China Forscher Orville Schell in einem brillanten Essay. Das ging so lange gut, „bis China unter Xi Jinping aggressiv und angriffslustig zu handeln begann.“ Schell zitiert dann Kurt Campell, den führenden Asien-Spezialist im Nationalen Sicherheitsrat der Regierung Biden. Dieser erklärte im Mai offiziell, was jeder bereits wusste: „Das Engagement ist zu Ende“. Derzeit gebe es in den USA „einen wachsenden parteiübergreifenden Konsens, von Kissingers Engagement-Politik zu einer Strategie des strategischen Wettbewerbs überzugehen, einschließlich härterer konfrontativer Maßnahmen, um mit Peking zu konkurrieren“, schlussfolgert Schell.

Kissinger meldete sich zuletzt mit immer stärkeren Warnungen zu Wort. Er fragt, ob die derzeitige Entwicklung zum großen Konflikt führt, so unvermeidlich, wie sich einst auch der Erste Weltkrieg nicht verhindern ließ. Die Antworten dazu findet er heute nicht mehr im Himmelstempel.

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