Themenschwerpunkte


Kinder denken nicht geopolitisch

Von Liya Yu

Ein deutsches Kinderbuch des Carlsen Verlags versuchte, über das Coronavirus aufzuklären. Darin gab es einen Satz, der auf den ersten Blick harmlos schien: Kindern wird erklärt, dass das Virus, das unser Leben umgekrempelt hat, zu einschneidenden Einschränkungen des Alltags, Arbeitslosigkeit und finanziellen Nöten der Eltern sowie dem Verlust von Freunden und Familienangehörigen geführt hat, aus China kommt.

Deutsch-chinesische Eltern spüren augenblicklich beim Lesen dieses Satzes einen Stich im Herz, weil sie vor Augen haben, wie ihre Kinder in Kitagruppen und Grundschulklassen (die Buchreihe wird zum Vorlesen ab drei Jahren empfohlen) diese Worte im Kreis ihrer Mitschüler*innen vorgelesen bekommen. Sie wissen, dass ihre Kinder Scham und Verwirrung darüber fühlen werden, dass das Land, aus dem die Eltern oder ein Elternteil kommt, so viel Schreckliches und Böses angerichtet, für eine globale Katastrophe, Krankheit und Tod gesorgt hat.

Distanzierung: „Ich hasse China“

Kindergehirne sind schon im frühen Alter hochsensibel gegenüber sozialer Ausgrenzung und den Gefahren des Herausstechens aufgrund von Andersartigkeit. Evolutionär betrachtet ergibt es Sinn: Wer heraussticht, vor allem negativ, wird zur Angriffsfläche der sozialen Gruppe, weil die volle Mitgliedschaft und positive Anerkennung verwehrt wird. Oft ist dann die Gegenreaktion, sich von seiner chinesischen oder asiatischen Identität zu distanzierten „Ich bin keine Chinesin!“ oder „Ich hasse China!“ zu rufen, ist dann oft traurige migrantische Überlebensstrategie, um Verachtung und Hänseleien durch andere Mitschüler*innen zu vermeiden. Ich weiß das, weil ich selbst eines dieser deutsch-chinesischen Kinder war.

Doch, so der Einwand, das Virus kommt doch aus China. Warum soll ein wahrer Satz Zensur unterliegen? Ich argumentiere, dass die Vermeidung des Satzes in diesem speziellen Kontext der Kinderlektüre keine Zensur darstellt, sondern verhindert, dass kleine Kinder schon von früh negativ gegenüber einer kulturellen und ethnischen Gruppe kognitiv geprägt werden. Dazu reicht ein Satz wie dieser schon aus, vor allem wenn er völlig kontextlos präsentiert wird. Die Forschung zeigt, dass diese Art der Prägung sehr früh beginnt.

Personalisierung der schlimmen Pandemie

Kindergehirne, vor allem solche im jungen Alter, suchen einfache Kausalitäten und verstehen keine geopolitischen Zusammenhänge. Vorschul- und Grundschulkinder wissen nicht, wer China regiert, oder welche Rolle die chinesische Regierung bei der Pandemiebekämpfung spielte. Stattdessen ist der Welthorizont von Kindern sehr viel konkreter und kleiner: Sie wissen, dass die Klassenkameradin, die „irgendwie anders aussieht“, aus China kommt. Nun wird ihnen in diesem Buch ohne weitere Erklärung mitgeteilt, dass dieses blöde Virus aus China kommt, weshalb sie ihre Freunde nicht treffen dürfen, ihre Eltern bis spät in die Nacht besorgt diskutieren und die Oma ins Krankenhaus geliefert wurde.

Ihre Gehirne verbinden also all diese negativen, einschneidenden Erlebnisse der vergangenen Monate mit konkreten Menschen um sie herum, welche die Abstraktion „China“ für sie verkörpern können. Es ist Kindern in dem Alter nicht bewusst, dass chinesische Klassenkamerad*innen aus der Kita oder Schule gar nichts mit dem „China“ zu tun haben, welches der Satz im Buch anspricht. Verlagshäuser wie Carlsen müssen verstehen, dass Kinderhirne Informationen nicht so differenziert wie Erwachsene oder sogar Teenager verarbeiten können. Es ist daher auch nicht die Schuld der Kinder, die aus dem Satz die falschen Schlüsse ziehen, sondern die Verantwortung der Erwachsenen, nicht zu negativen kognitiven Prägungen beizutragen.

Ausgrenzung der asiatisch Aussehenden

Das Resultat dieser Prägung ist das Ansteigen von Ausgrenzung und Hänseln chinesischer und asiatischer Mitschüler*innen sowie potenzielle Dehumanisierung. Auf Hirnebene, so zeigen Studien, die mit fMRI Gehirnscanning-Methoden arbeiten, führt Assoziation einer spezifischen Gruppe mit einem Ekel hervorrufenden Phänomen wie das eines tödlichen Virus zu Empathieabsprechung und Dehumanisierung dieser Gruppe. Das hat nicht nur Konsequenzen in Form von Ausgrenzung, sondern auch darauf, dass man diese Gruppe kognitiv nicht versteht (sprich: nicht mehr „mentalisieren“ kann).

Dies, so mein Argument, kann auch unerwünschte Folgen für das spätere politische Bewusstsein haben: Wenn Kinder von klein auf schon so geprägt werden, dass sie China nicht mentalisieren können, dann werden sie auch nicht das Interesse haben, sich über China zu informieren und China zu verstehen. Selbst aus Sicht des größten Chinakritikers ist dies nicht wünschenswert, weil ein fehlendes Mentalisierungsverständnis Chinas Deutschland letztendlich schadet. Statt also Aufklärungsarbeit über die Kommunistische Partei Chinas (KP Chinas) und ihre Rolle in der Pandemie zu leisten, wie sich die Verteidiger des Satzes in dem Kinderbuch erhoffen, kann dieser Schuss womöglich nach hinten losgehen.

Das Ziel der KP Chinas: Spaltung der Diaspora

Er geht vor allem auch nach hinten los, weil sich chinesisch-deutsche Eltern durch Erfahrungen wie diese selbst dehumanisiert von Deutschland fühlen. Dies wird in der Forschung als „Metadehumanisierung“ beschrieben, sprich, das Gefühl von anderen in der Gesellschaft dehumanisiert zu werden. Das Problem mit Metadehumanisierung ist, dass sie zu größerer Feindlichkeit und Gespaltenheit führen kann, mehr als andere Ausgrenzungserfahrungen. Dies ist genau das Ziel der KP Chinas: Die chinesische Diaspora zu spalten, ihr den Eindruck zu geben, dass die westlichen Demokratien in denen sie leben sich nicht um ihre Menschlichkeit und Repräsentation scheren, und daher die KP Chinas der wahre und einzige Repräsentant für sie ist.

In meinem Buch „Vulnerable Brains: The Neuropolitics of Divided Societies“, welches dieses Jahr erscheint, argumentiere ich, dass wir die Ausgrenzungsmechanismen, die unsere Gehirne universell und kulturübergreifend besitzen, verstehen und verhindern müssen, damit unsere gespaltenen Demokratien eine Chance haben ins 21. Jahrhundert hinein zu überleben. Es sollte deshalb auch auf politisch strategischer Ebene Ziel Deutschlands sein, der chinesischen Diaspora ein alternatives, demokratisch-inkludierendes Narrativ anzubieten, von dem sie sich repräsentiert und humanisiert fühlen. Die deutsch-chinesischen Eltern und ihre Interessen in der ganzen Diskussion um das Kinderbuch zu ignorieren, kommt daher einer doppelten Entmenschlichung gleich: Als zählten ihre Sorgen um ihre Kinder nicht; als hätten sie kein individuelles, berechtigtes Interesse daran, sich für ihre Kinder einzusetzen.

Gleichzeitig wirft dieser Fall die schwierige Frage auf, wie wir die Coronapandemie historisch, politisch und pädagogisch eines Tages an die jüngste Generation vermitteln sollen. Momentan hat niemand klare Antworten auf diese Fragen. Natürlich sollen ältere Kinder später lernen, woher das Virus kam, wie dies in Bezug zu anderen historischen Pandemien steht, was alles in dieser Pandemie schief gelaufen ist und wie so ein Ausbruch in der Zukunft verhindert werden kann. Wir müssen uns Gedanken machen, wie das geschehen kann, ohne dass asiatische Minderheiten als Sündenböcke herhalten.

Dr. Liya Yu ist Politikwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Sie hat an der University of Cambridge, U.K. und der Columbia University in New York zur politischen Neurowissenschaft des Rassismus und Dehumanisierung geforscht. Ihr Buch „Vulnerable Brains“ erscheint 2021 bei Columbia University Press. Sie lebt in Berlin und Taipei.

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