Themenschwerpunkte


Ist eine strategische Zusammenarbeit mit China möglich?

Von Michael Spence
Michael Spence schreibt über die Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit China.
Michael Spence, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften

Wenn man sich die Wirtschaftslandschaft im Jahr 2021 ansieht, kommt man nicht umhin, das Auftauchen neuer Hindernisse für einen robusten Aufschwung zu bemerken. Die Vereinigten Staaten, Europa, China und andere stehen vor einer wachsenden Liste bemerkenswert ähnlicher kurz- und langfristiger Herausforderungen.

Die Pandemie bleibt die größte Sorge. Ohne eine umfassende weltweite Impfung werden weiterhin neue COVID-19-Varianten auftauchen, die die Regierungen möglicherweise dazu zwingen, erneut teilweise oder vollständige Lockdowns zu verhängen. Das Coronavirus stellt somit eine ständige Belastung für den Aufschwung dar.

Eine zweite Herausforderung ist die Blockade der globalen Lieferketten, die zusammen mit angebotsseitigen Verschiebungen auf den Arbeitsmärkten einen anhaltenden Inflationsdruck erzeugt hat, wie er seit über einem Jahrzehnt nicht mehr zu beobachten war. Ohne grenzüberschreitende Bemühungen zur Behebung von Lieferengpässen und Verknappungen könnten die Zentralbanken gezwungen sein, die derzeitige Nachfragesteigerung durch eine Straffung der Geldpolitik zu bremsen.

Blockade der Lieferketten weltweit bringt Inflation

Ein weiteres gemeinsames Thema ist die komplexe Aufgabe, die digitalen Technologien und Sektoren, die inzwischen einen immer größeren Anteil an den meisten Volkswirtschaften ausmachen, angemessen zu regulieren. Die Regulierungsbehörden in Europa, den USA, China und Indien haben ihre Bemühungen in dieser Hinsicht intensiviert; neue Regeln für Datensicherheit, -zugriff und -nutzung wurden aufgestellt und Untersuchungen über den möglichen Missbrauch von Marktmacht, insbesondere durch die Mega-Plattformen, eingeleitet. Da sich der Finanzsektor auf digitale Zahlungsmethoden und Währungen verlagert und auf den Märkten für Kredite, Versicherungen und Vermögensverwaltung neue Marktteilnehmer auftauchen, müssen die Vorschriften dringend angepasst werden, um einen fairen Wettbewerb, den Zugang zu wertvollen Daten und die finanzielle Stabilität zu gewährleisten.

Es ist kein Geheimnis, dass in den letzten Jahrzehnten ein erheblicher Teil des neu geschaffenen Wohlstands in Technologiesektoren wie E-Commerce, Zahlungsverkehr, FinTech und soziale Medien entstanden ist. Das Ergebnis ist eine hohe Konzentration neuen Reichtums, was wiederum Bedenken hinsichtlich eines unzulässigen Einflusses auf die Politik aufkommen lässt. Diese Bedenken sind in den USA und China besonders ausgeprägt, auch wenn die beiden Länder sehr unterschiedliche Regierungssysteme und damit auch unterschiedliche Kanäle für die Einflussnahme haben.

Auch wenn die Terminologie in den USA und China unterschiedlich ist, kämpfen beide Länder darum, die zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen und die abnehmende soziale Mobilität umzukehren. In den USA sprechen viele Politiker davon, für ein integrativeres Wachstum zu sorgen. In China hat die Regierung eine neue Kampagne gestartet, um „gemeinsamen Wohlstand“ zu erreichen. Hitzige Debatten in beiden Ländern darüber, wie diese Ziele am besten zu erreichen sind, spiegeln die Sorge wider, dass ein übertriebener oder zu enger Ansatz bei der Umverteilung die wirtschaftliche Effizienz und Dynamik beeinträchtigen könnte.

Technologiesektoren gewinnen an Einfluss

Die Ähnlichkeit dieser nationalen politischen Bemühungen lässt darauf schließen, dass die USA und China ein gemeinsames Interesse daran haben, neue Spielregeln für die Weltwirtschaft und den Finanzsektor aufzustellen. Beide müssen sich den neuen Realitäten anpassen, die sich aus der digitalen Revolution und den sich verschiebenden globalen Machtverhältnissen ergeben. Es besteht auch ein klarer Bedarf an neuen Abkommen zur Begrenzung der missbräuchlichen Nutzung von Digital- und Cyber-Technologien und zur Freigabe gutartiger grenzüberschreitender Technologieströme (in den Bereichen Gesundheit, Bildung und anderen Sektoren), die aus Gründen der nationalen Sicherheit blockiert zu werden drohen.

Schließlich ist da noch die globale Herausforderung des Klimawandels. Ohne den freien und reibungslosen Verkehr der erforderlichen Technologien und Finanzmittel wird die Welt keine Chance haben, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Auch hier wird der Erfolg davon abhängen, ob die USA und China zusammenarbeiten können.

Bei so vielen gemeinsamen Herausforderungen hätte man erwarten können, dass die führenden Weltmächte ein schwieriges, aber vernünftiges Gleichgewicht zwischen strategischem Wettbewerb und strategischer Zusammenarbeit anstreben. Schließlich würden sowohl China als auch die USA davon profitieren, wenn sie anerkennen würden, dass sie zwingende gemeinsame Interessen und nicht nur unvermeidliche Meinungsverschiedenheiten haben.

Verschärfter strategischer Wettbewerb zwischen USA und China

Dies ist jedoch größtenteils nicht geschehen. Obwohl sich US-Präsident Joe Biden und der chinesische Präsident Xi Jinping kürzlich darauf verständigt haben, Raum für eine Zusammenarbeit beim Klimawandel und der Energiewende zu schaffen, haben die USA unter Berufung auf Bedenken hinsichtlich der nationalen Sicherheit den strategischen Wettbewerb verschärft. Wir sind noch weit davon entfernt, in den Genuss eines freien Technologieflusses zu kommen, der notwendig ist, um die globalen Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf null zu reduzieren.

Schlimmer noch: Auf beiden Seiten verhärten sich die Haltungen, wobei jede Regierung in der bequemen, aber unproduktiven Gewissheit verharrt, dass sie die moralische Überlegenheit besitzt. In den USA geht man nicht mehr davon aus, dass Chinas Regierungssystem entweder scheitern oder sich in eine Art demokratischen Kapitalismus verwandeln wird. Politiker in beiden großen Parteien glauben nun, dass China seinen Aufstieg seiner hartnäckigen Weigerung zu verdanken hat, sich an die Regeln zu halten.

Auf chinesischer Seite wird die US-Strategie als Versuch gesehen, Chinas wirtschaftlichen und technologischen Fortschritt zu behindern oder sogar umzukehren. Die parteipolitische Polarisierung und soziale Spaltung in den Vereinigten Staaten wird als Beweis für ein politisches und wirtschaftliches Systemversagen dargestellt.

Keine Garantie für einen Erfolg – aber auch keine Alternative

In der Zwischenzeit erlebt die Weltwirtschaft weiterhin mindestens vier große strukturelle Veränderungen: die multidimensionale digitale Revolution, das Streben nach sauberer Energie und ökologischer Nachhaltigkeit, große Durchbrüche in der biomedizinischen Wissenschaft und Biologie sowie der Aufstieg Asiens. Alle vier Entwicklungen bieten große Chancen für die Verbesserung des globalen Wohlstands in vielen verschiedenen Dimensionen. Aber jede von ihnen wird auch disruptive Übergänge mit sich bringen, die größere Anpassungen der bestehenden globalen Institutionen und Rahmenbedingungen erfordern.

Unter diesen Umständen können wir uns nicht den Luxus leisten, uns ausschließlich auf den Wettbewerb zu konzentrieren oder Kämpfe um innenpolitische Vorteile auszutragen. Die Risiken für die globale Gesundheit und den Wohlstand sind zu hoch. Um den gefährlichen Weg des Wettbewerbs ohne Zusammenarbeit zu verlassen, bedarf es nachhaltiger Führungsstärke auf beiden Seiten und in allen Bereichen der Gesellschaft. Es gibt keine Garantie für den Erfolg, aber es gibt keine Alternative zum Versuch.

Michael Spence, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, ist emeritierter Professor an der Stanford University und Senior Fellow an der Hoover Institution. Übersetzung :Andreas Hubig.

Copyright: Project Syndicate, 2021.
www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema:

    Chinesische Handelskammer sieht Stimmungstief
    Die chinesische Handelskammer in der EU sieht die Geschäftsstimmung auf einem Tief. Ein zunehmend komplizierteres politisches Umfeld, neue Handels-Tools der EU und eine sich verschlechternde öffentliche Meinung über China seien dafür die Hauptfaktoren, hieß es im Jahresbericht der chinesischen Handelskammer in Brüssel (CCCEU) in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen Roland Berger. Die Handelskammer drückte zudem Besorgnis […] weiterlesen →
    Bild von Newsdesk Table
    von Table Newsdesk
    Präsenz in Taiwan – und ein aufgepepptes Zitat
    Während deutsche Abgeordnete in Taipeh ihre Termine wahrnehmen, poltert Peking in üblicher Form über die „Einmischung“. Ein vermeintliches Zitat des Delegationsleiters Klaus-Peter Willsch machte derweil international die Runde – es handelte sich aber um die Rückübersetzung einer allzu enthusiastischen Übersetzung in Mandarin. weiterlesen →
    Bild von Demes David
    von David Demes