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Maos Geheimprojekt Nummer eins

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Klagen über dreiste Fälschungen sind seit Jahrzehnten ein Dauerthema beim Smalltalk unter Ausländern in Peking. Chinas Justiz verfolgt zwar inzwischen den Raub geistigen Eigentums, aber vor allem dort, wo es um den Schutz von Innovationen und Patenten chinesischer Hightech-Unternehmen geht. Manche betrogenen Geschäftsleute glauben, dass Chinas Raubkopierer kulturell sogar ermuntert werden. Das Imitat gilt dieser Legende zufolge als besondere Form der Hochachtung, die dem besseren Produkt erwiesen wird. Solcher Unsinn wird in Broschüren zum besseren interkulturellen Verständnis des Reichs der Mitte noch immer verbreitet.

Urkunde der Anerkennung für das Imitat des Tian'anmen-Tors in Peking.
Diese Urkunde lobt die Bauplaner, die am Neubau des Tors des Himmlischen Friedens in Peking beteiligt waren. Sie wurde vor 20 Jahren auf einem Antikmarkt feilgeboten.

Eines aber stimmt: Chinas traditionelle Handwerker erwarben sich über Jahrhunderte meisterliche Techniken des Kopierens. Leider haben sie es auch zur Perfektion gebracht, ihre Imitate als echt auszugeben. Vor 100 Jahren schrieb der Sinologe Richard Wilhelm: „In China hat man das Verhältnis der Fälschungen zu echten Gegenständen auf zwei zu eins geschätzt. Ich halte diese Schätzung für sehr optimistisch und möchte sie wenigstens auf 999 zu eins erhöhen, und diese Zahl immer noch sehr bescheiden nennen.“

Schon um 1800 wusste Immanuel Kant, wie trickreich sich Chinas Fälscher anstellten. „Sie betrügen ungemein künstlich“, urteilte er spitz: „Sie können ein zerrissenes Stück Seidenzeug so nett wieder zusammennähen, dass es der aufmerksamste Kaufmann nicht merkt; und zerbrochenes Porzellan flicken sie mit durchgezogenem Kupferdraht in der Art zu, dass Keiner anfänglich den Bruch gewahr wird. Er schämt sich nicht, wenn er auf dem Betruge betroffen wird. Als nur insofern er dadurch einige Ungeschicklichkeit hat blicken lassen.“

Als Korrespondent stieß ich oft auf Fälle unglaublicher Kopien. Die genialste Trickserei gelang Chinas Führung unter Mao Zedong im Dezember 1969. Auf Anordnung des Politbüros wurde das 66 Meter lange, 37 Meter breite und 32 Meter hohe alte Tor des Himmlischen Friedens (Tianan’men), das heutige Wahrzeichen der Volksrepublik, bis auf seine Fundamente abgerissen und wieder neu aufgebaut. Die als „Geheimprojekt Nummer 1“ (一号机密工程) getarnte Aktion dauerte 112 Tage.

Volle 30 Jahre lang gab Peking seine Kopie als Original aus. Eher zufällig kam ich dem Geheimnis auf die Spur. Um das Jahr 2000 hatte ich auf einem Antikmarkt im Pekinger Baoguangsi-Tempel eine Urkunde entdeckt. Sie zeigt ein Foto des Tian’anmen-Tores und vier Schriftzeichen: „Zur Erinnerung an den Wiederaufbau“. In Maos Handschrift steht auf ihr: „Legt große Sorgfalt auf Entwurf und Bauausführung. Bei der Konstruktion wird es bestimmt Fehler und Misserfolge geben. Sie müssen rechtzeitig korrigiert werden. Mao Zedong, am 4. Februar 1970.“  

Die Zeitung
Die Zeitung „Hauptstadt-Wind“ berichtete 1999 über Pekings „Geheim-Bauprojekt Nr. 1“

Bei Recherchen stieß ich auf die neue Pekinger Zeitung „Hauptstadt-Wind“ (都市风). Ihre erste Ausgabe erschien am 7. Januar 1999 unter der Überschrift: „Warum ist das Tian’anmen-Tor 87 Zentimeter höher?“ Enthüllt wurde, wie das Tor im Winter 1969 demontiert und bis April 1970 wiederaufgebaut wurde. Es sei aber wegen größerer Dachgiebel um 87 Zentimeter höher als das Original.  

Aufbau trotz größter Widrigkeiten

Im Jahr 1969 stand China kurz vor einem Krieg mit der Sowjetunion. Mao hatte mit seiner Kulturrevolution Chaos angerichtet. Peking aber trieb eine andere Sorge um. Bauexperten hatten ihre Führung im Jahr zuvor alarmiert, dass das in der Ming-Zeit erbaute Tian’anmen nicht mehr zu reparieren sei. Seine Holzkonstruktion, darunter 60 bis zu 12 Meter hohe Stützsäulen, seien morsch, die Fundamente durch den fallenden Grundwasserspiegel eingesunken, das Bauwerk durch das Erdbeben 1966 im 300 Kilometer entfernten Xingtai angeknackst. Kurzum – das hochsymbolische Tor, von dem aus Mao 1949 die Volksrepublik ausgerufen hatte, drohte einzustürzen. In einer Krisensitzung stimmte das Politbüro dem Abriss und Neubau zu

Logistisch wurde die Geheimaktion zum Albtraum. Vom 12. bis 15. Dezember 1969 wurde zuerst die „größte Hülle der Welt“ aus Spießtannenholz konstruiert, mit geflochtenen Matten aus Schilfrohr verklebt und mit Stahlrohren am Boden stabilisiert. Als Deckel schlossen Bambusmatten das Dach ab. Innen sorgte ein Geflecht von Warmwasserröhren, die aus einem Boiler hinter dem Tor gespeist wurden, für eine Arbeitstemperatur von 18 Grad, während draußen Minustemperaturen herrschten.  

Von außen sah das Tor wie eine verpackte Riesenarche aus. Ein seltenes Foto veröffentlichte eine Pekinger Tageszeitung im April 2016 in einer umfassenden Reportage über die verdeckte Operation.

Niemand wusste, worum es ging

Auch der damalige Bauleiter Xu Xinmin und Experten für die kaiserliche Bauweise der Holzkonstruktion, die ohne Nägel auskam, wie Yao Laiquan, oder der Tischlermeister Sun Yonglin, berichteten nun. Sieben Tage lang brauchte der Abriss. Bei jedem Balken wurde notiert, wo er und wie einst saß und Tausende Fotos gemacht. Die bis zu 2.700 eingesetzten Bausoldaten, darunter Kunsthandwerker, Tischler, Maler und Schreiner, kampierten in den Parkanlagen hinter dem Tor.

Mao verlangte, keinen „Zoll beim Wiederaufbau zu verändern“. Trockenes Holz besorgten sich die Bauleiter, die später zur Erinnerung Maos Urkunde bekamen, von alten abgerissenen Stadttoren Pekings. Ebenholz lieferte ihnen die Armee von Chinas subtropischer Insel Hainan. Die riesigen Stützbalken ließen sie aus Gabun und Nordborneo importieren. Peking scheute keine Kosten. Sechs Kilo Blattgold wurden allein für die Wandmalereien gebraucht. An den Zulieferungen beteiligten sich 216 Fabriken und Institute aus 21 Provinzen Chinas. Niemand erfuhr, worum es ging.

Chinas Herrscher demonstrierten ihre absolute Macht, ihre Projekte über Jahre geheim zu halten und sie dennoch unter widrigsten Bedingungen zum Erfolg zu bringen. Auf diese politische Kunst versteht sich Peking bis heute.

Dafür war selbst ein Mao bereit, über seinen Schatten zu springen. Sein sozialistisches China hielt sich an alte geomantische Traditionen, als beim Abriss des Tian’anmen-Tores Glücksbringer-Amulette gefunden wurden. Sie waren vor Jahrhunderten bei der Richtfestzeremonie exakt in der Mitte der Dachgiebel in einer Miniaturkiste aus Zedernholz hinterlegt worden. Mao ließ an gleicher Stelle einen 17 Zentimeter hohen und 12 Zentimeter breiten jadeähnlichen Marmorstein mit goldener Aufschrift einsetzen: „Wiederaufgebaut: Januar bis März 1970“.  

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