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Im Vergleich war Jiang gar nicht schlecht

Nach dem Abtritt eines Politikers entwickelt sich dessen Bild in der Öffentlichkeit weiter – und das zuweilen in unerwarteter Weise. Der Ausbruch des Ukraine-Krieges holte Angela Merkel abrupt von ihrem Podest als große Staatsführerin. George W. Bush ist heute weniger negativ in Erinnerung, weil wir den Vergleich mit Donald Trump haben.

Jiang Zemin war jahrelang Gegenstand von Gespött. Doch jetzt, zu seinem Tod, wirkt sein Image viel besser als früher.

Als er an der Macht war, wurde er nicht gemocht – und zwar vor allem wegen seines extravaganten Stils. Er sprach mit großer Geste und dramatischer Mimik. Jiang veröffentlichte Gedichte; er spielte Klavier; er dirigierte Chor und Orchester; er sang Peking-Oper, Elvis Presleys Love Me Tender, das italienische O Sole Mio und Volkslieder. Und er gab Wörter und Sätze in vielen Dialekten und Sprachen zum Besten, darunter Kantonesisch, Englisch, Russisch, Japanisch, Rumänisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Urdu. Die Liste lässt sich fortsetzen.

War er darin gut? Nein, leider nicht. Bei diesen Darbietungen schwankte er zwischen Anfänger- und Mittelstufe.

Dann war da seine Tirade gegenüber einer Hongkonger Journalistin im Jahr 2000, als er sich von einer Frage angegriffen fühltt. Sein Wutanfall gilt wohl immer noch als Nummer eins im Ranking der besten politischen Theateraufführungen in China, viel unterhaltsamer noch als Hu Jintaos unfreiwilliger Abgang auf dem jüngsten 20. Parteikongress.

Aufgrund diese Besonderheiten galt Jiang bei diplomatischen Anlässen als Possenreißer. Einige fanden ihn einfach nur peinlich.

Jiang Zemin: Einfluss nach Ausscheiden

Er sammelte weiter Minuspunkte, weil er nach dem offiziellen Ende seiner Amtszeit im Hintergrund weiter Strippen ziehen wollte. Die Leute hatten es satt, dass alte Männer im Ruhestand hinter den Kulissen mitmischen. Nach seinem Ausscheiden aus den Ämtern des Parteigeneralsekretärs (2002) und des Staatspräsidenten (2003) klammerte er sich an das Amt des Vorsitzenden der Zentralen Militärmission und gab diesen Posten erst zwei Jahre später ab.

Danach übte er immer noch Einfluss aus, hauptsächlich durch die Shanghai-Fraktion in der KP. Er war auch eine der Schlüsselfiguren, die Xi Jinping schließlich im Kampf um die Nachfolge von Hu Jintao im Jahr 2012 an die Spitze hievten.

Nach dem roboterähnlichen Auftritt Hu Jintaos und insbesondere nachdem Xi Jinpings sich politisch als so kompromisslos und durchsetzungsstark erwiesen hat, wandelte sich die Sicht auf Jiang. Die Menschen hielten ihn bei weitem nicht mehr für so schlecht.

Jiang kam 1989 nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung an die Macht. Nachdem er einige Jahre lang die älteren Konservativen in der Partei besänftigt hatte, reagierte er positiv auf Deng Xiaopings Ruf nach mehr Öffnung und marktorientierten Wirtschaftsreformen. Er ist der Entscheidungsträger, der China in das globale Wirtschaftssystem bugsierte.

Er war dem Ausland gegenüber nicht kriegerisch gesinnt und bemühte sich um gute Beziehungen zu den Vereinigten Staaten und zu Europa. Während seiner Amtszeit öffnete sich China immer mehr nach außen.

Innenpolitisch wurde die Gesellschaft toleranter. Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit nahmen mehr Raum ein. Liberale Medien begannen in Großstädten wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Eine rudimentäre Zivilgesellschaft entwickelte sich.

In seinen letzten Jahren als Parteisekretär führte er die Theorie des „Dreifaches Vertretens“ ein, die den Weg für die potenziell weitreichende Wandlung der Kommunistischen Partei ebnete. Sie sah vor, nicht nur die Arbeiterklasse, sondern auch Unternehmer und andere gesellschaftliche Eliten zu vertreten.

Als er 2002-2005 die politische Bühne verließ, sah alles in China hoffnungsvoll aus, trotz grassierender Vetternwirtschaft und Korruption.

Jiang sprach wie ein normaler, kultivierter Mensch

All dies steht in scharfem Kontrast zu Xi, unter dem sich China an allen Fronten zurückentwickelte, was Ängste vor einer weiteren Kulturrevolution und vor einem Krieg um Taiwan auslöst.

In Bezug auf die persönliche Neigung gibt es einige Eigenschaften in Jiang, die ihn von der überwiegenden Mehrheit der chinesischen Führer unterschieden: Obwohl Jiang selbst ein mieser Entertainer war und keine Fremdsprachen konnte, hegte er echte Liebe für Kunst, Literatur, Kultur und Wissen, die guten Dinge im Leben. Sein Geschmack war gar nicht schlecht. (Vergessen Sie vorübergehend seine Liebe zum Film Titanic, niemand ist perfekt.) Er hatte echten Respekt vor Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen. Außerdem war er wirklich neugierig auf die Welt.

Außerdem sprach und benahm er sich wie ein echter Mensch. Sein Sprechstil war schrullig, aber ausdrucksstark, er lachte herzlich, er zeigte seine Wut. Er kratzte sich auf der zentralen Bühne in der Großen Halle des Volkes an seinem juckenden Ohr und schlief ein, als Hu Jintao eine lange, langweilige Rede hielt.

Während Jiang sowohl eine traditionelle alte Schulausbildung als auch eine vierjährige Universitätsausbildung im westlichen Stil erhielt, war Xi Jinpings höchster formaler Abschluss die Volksschule. Wegen des Ausbruchs der Kulturrevolution im Jahr 1966, als Xi 13 Jahre alt war, wurden alle Schulen geschlossen. Er ging Mitte der 1970er Jahre an die Tsinghua-Universität, aber die chinesischen Universitäten befanden sich damals noch in einem halb gelähmten Zustand.

Es war nicht seine Schuld, aber all das hat höchstwahrscheinlich Xis Weltbild beeinträchtigt. Er hat kein Interesse an Kunst und Kultur, obwohl er während seiner offiziellen Reden bei seinen Auslandsbesuchen bekanntermaßen erstaunlich lange Listen großartiger Bücher präsentierte, die er angeblich gelesen hatte. Einige supermoderne Architekturwerke in Peking wurden unter Jiang genehmigt, darunter das Nationale Zentrum für darstellende Kunst neben dem Tiananmen-Platz. Als Xi Chef wurde, sagte er im Kontrast dazu: China solle aufhören, den Bau „bizarrer Gebäude“ zuzulassen.

Im Gespräch greift Xi auf den für chinesische Bürokraten typischen trockenen Stil und die hochmütige Haltung zurück. Seine Reden sind oft von umgangssprachlichen Redewendungen durchsetzt und durch falsche Aussprache von Schriftzeichen beeinträchtigt.

Als der Unterschied zwischen Xi und Jiang allmählich klar wurde, stieg wie gesagt die Wertschätzung des letzteren. So ganz kann man ihn immer noch nicht ernst nehmen, aber dass Jiang menschlicher, offener und viel lustiger sei – darauf können sich die Leute einigen.

Es gibt jedoch immer noch eine auffällige Gemeinsamkeit zwischen ihnen: Beide verteidigten mit allen Mitteln die Herrschaft der Kommunistischen Partei. Was Jiang über das, was Xi in den letzten zehn Jahren getan hat, dachte, ist zwar nicht bekannt. Zumindest schien er ihm nicht im Weg zu stehen. Bei Bedarf tauchte Jiang bei Veranstaltungen unter dem Vorsitz von Xi auf, um Solidarität zu zeigen. Ihre Beziehung schien bis zum Tod von Jiang gut gewesen zu sein. Nach all der echten oder falschen Nostalgie war Jiang also nur das kleinere von zwei Übeln.

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