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Von der hohen Kunst der Einflussnahme

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling aus dem Jahre 2017

Auf Pekings Flohmarkt Panjiayuan verstecken sich unter Secondhand-Büchern manchmal bemerkenswerte Funde. Vor einigen Jahren erwarb ich einen exklusiven Jubiläums-Bildband von 1990, herausgegeben zur Feier des siebzigsten Geburtstages von Juan Antonio Samaranch, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees. 

Der 1920 geborene IOC-Chef war gewohnt, dass er überall – dank seines Einflusses auf die Vergabe der Spiele – hofiert und reich beschenkt wurde. Peking punktete bei ihm mit einer Morgengabe. Auf ihrem Titel stand in Englisch: „Ein wahrer Freund Chinas“ und in chinesischer Schönschrift gepinselt: „Samaranch und China.“ (薩馬兰奇與中國)

Die Kalligrafie stammte von Deng Xiaoping. Er hatte sie in traditionellen, nicht vereinfachten Zeichen geschrieben. Der eitle Spanier zeigte sich tief bewegt. Der Kaiser von China hatte dem König des IOC persönlich seinen Geburtstagsgruß entrichtet.

Samaranch: Gastgeschenke als Einflussnahme

Solche kleinen Gesten gehören zur hohen Schule des chinesischen Lobbyismus. In vielen guten Stuben prominenter deutscher Chinareisender hängen an den Wänden auf seidene Rollbilder aufgezogene Schriftzeichen, geschrieben von hohen Funktionären. Das Phänomen ist nicht umkehrbar. Ich habe noch von keinem Chinesen gehört, der sich einen handgeschriebenen Sinnspruch oder Namen eines Ausländers zu Hause aufhängen würde. 

Längst hat Beijing mehr als nur Schriftzeichen zu bieten. Die offizielle Würdigung, ein „alter Freund zu sein, hat sich für Dutzende hochrangiger Ex-Spitzenpolitiker bezahlt gemacht, von Henry Kissinger, Tony Blair bis Gerhard Schröder. Mit Consulting-Firmen, als Vortragsreisende oder Türöffner profitieren sie vom boomenden China-Geschäft. Zugleich hat China gelernt, neben solchen Fürsprechern, weltweit viel direkter Einfluss zu nehmen. Wie Moskau mischt es sich auch in US-Verhältnisse ein. Der frühere New York Times-Korrespondent David Barboza überschrieb seine aktuelle Recherche dazu: „The New Influencers„.  

Bei Samaranch, der als IOC-Chef von 1980 bis 2001 amtierte, zog Peking alle Register, verlieh ihm Orden, baute ihm ein Museum. Er hatte nicht nur Chinas Rückkehr 1984 in das IOC eingefädelt, nachdem es 32 Jahre nur eine Zaungastrolle gespielt hatte. Samaranch half auch dem Sprint Pekings nach, sich um die Olympischen Sommerspiele zu bewerben: Während der Bewerbung für die Spiele im Jahr 2000 empfing der Oberbürgermeister von Peking, Chen Xitong, Samaranch mit den Worten: „Du bist unser Gott„. Als Fußnote der Geschichte muss angemerkt werden, dass Chen später zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, aber nicht, weil er Samaranch zu korrumpieren versuchte, sondern, weil er selbst bestechlich gewesen sein soll.

Peking war Favorit, als das IOC im September 1993 über die Vergabe der Spiele für 2000 entschied. Doch es scheiterte. Samaranch verlas das knappe Endergebnis: Sydney gewann mit 45 zu 43 Stimmen. Die Niederlage hatte sich China selbst eingebrockt, verriet mir Shanghais politischer Biograf Ye Yonglie. Er erfuhr bei seinen Recherchen in Nordkorea, dass das entscheidende Nein von Pjöngjang kam. Nordkoreas Führung war wütend, weil die Volksrepublik im August 1992 diplomatische Beziehungen zu Südkorea aufgenommen hatte. Chinas Zensur strich Yes brisante Enthüllung aus seinem im März 2008 in Shanghai veröffentlichten Buch: „Das wahre Nordkorea“.

Nach dem Rückschlag 1993 schaffte es China im zweiten Anlauf 2001, die Sommerspiele für 2008 zu gewinnen. Jahre später gelang Peking ein weiterer Coup. Als erste Hauptstadt der Welt darf sie auch die Winterspiele 2022 ausrichten. Das IOC störte nicht, dass Peking bis auf Schlittschuh-Laufen keine anderen Ski- und Eissport-Traditionen vorweisen konnte. Es nahm auch keinen Anstoß daran, dass die Stadt nur gewann, weil alle Konkurrenten bis auf Kasachstans Almaty ihre Bewerbung zurückgezogen hatten.

Staatschef Xi Jinping versprach dem in den Fußstapfen von Samaranch wandelnden IOC-Chef Thomas Bach Winterspiele, „die (korruptionsmäßig) so sauber und rein wie Eis und Schnee sind.“ Das wirkte unfreiwillig komisch, weil Peking und Nordchina im Winter so trocken sind, dass aller Schnee künstlich hergestellt werden muss. Vor allem umgarnte Xi den IOC-Chef mit seinem Versprechen, aus knapp 30 Millionen chinesischer Fans des Wintersports bis 2022 eine Armee von rund 300 Millionen Eis- und Schnee-Enthusiasten und die Volksrepublik zum weltgrößten Wintersport-Markt zu machen.

samaranch: Gastgeschenke als Einflussnahme

Viele Ausländer sind für Chinas Einflussnahme leicht empfänglich, weil sie idealisierte Vorstellungen auf die Volksrepublik projizieren. Das führt immer wieder zu Missverständnissen, die Bücher füllen könnten. Eines ist noch heute verbreitet, das dereinstige Chefdolmetscher Charles W. Freeman enthüllte, der mit US-Präsident Richard Nixon 1972 nach China reiste. Im Gespräch über weltpolitische Ereignisse antwortete der damalige Premier Zhou Enlai auf die Frage, wie er die Französische Revolution einschätze, mit einem berühmt gewordenen Bonmot: „Es ist noch zu früh, ihre Folgen beurteilen zu können.“ Bis heute werten viele Zeitgenossen seinen Spruch als Ausdruck, wie weise und über lange Zeiträume das jahrtausendealte Kulturvolk der Chinesen nachdenkt, bevor es ein Urteil fällt.

Übersetzer Freeman verriet 2011, was Zhou Enlai wirklich meinte. Er sprach im Februar 1972 nicht über die Französische Revolution von 1789, sondern über die vom Mai 1968, als die Studenten in Paris auf die Barrikaden gingen. Freeman schrieb, er hätte 1972 das Missverständnis nicht mehr korrigieren können. „Es war eben das, was die Leute hören und glauben wollten.“

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