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Für Peking gibt es kein „Ende der Geschichte“ 

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

„Studiert Geschichte!“ Chinas alleinherrschender Parteichef Xi Jinping ruft seit Antritt seiner Amtszeit Ende 2012 immer wieder seine Landsleute dazu auf. Schon im März 2013 drängte er: „Nehmt die Geschichte als Spiegel“ (以史为镜): „Lernt von den historischen Erfahrungen, um das Auf und Ab (来龙去脉) unserer Partei und unserem Staat korrekt verstehen zu können.“ Das sei auch besonders wichtig, „um die Zukunft gestalten zu können. Geschichte ist dafür das beste Lehrbuch.“ (历史是最好的教科书). 

Peking geht es nicht um das hehre Ziel, Chinas Bevölkerung in Sachen historischer Wahrheit aufzuklären. Im Gegenteil: Offen bekennt sich Xi, er wolle die Geschichte seiner Partei und Entwicklung der Volksrepublik neu deuten, ebenso wie die Unterrichtswerke und Curricula in den Schulen und Universitäten entsprechend revidieren. Wie das aussieht, zeigte die Partei zu Ehre ihres 100. Geburtstag 2021. Xi ließ die einstigen Verfolgungskampagnen unter Mao als missglückte Suche nach neuen Wegen verharmlosen, relativierte sogar Maos alles zerstörende Kulturrevolution, oder strich Verbrechen der Parteiführung wie ihr Tianan’men-Massaker 1989 aus der öffentlichen Erinnerung. Wer darauf besteht, die Geschichte so darzustellen, wie sie tatsächlich verlief, macht sich des „historischen Nihilismus“ schuldig. Juristisch ist das ein Straftatbestand.  

Vergangenes Jahr begnügte sich Peking nicht mehr, nur die Geschichte neu zu erzählen. Er wolle sie verändern, versprach Xi in einer Rede im Januar vor der Parteihochschule: „Zeit und Momentum sind dafür auf Chinas Seite“  ( 时与势在我们一边). Unter diesem Leitmotiv verspottete er das vom Politologen Francis Fukuyama 1989 nach dem Kollaps des Sowjetblocks proklamierte „Ende der Geschichte.“ Die Zeit habe dem voreiligen Urteil ein wirkliches „Ende“ bereitet. China dagegen trete in eine „neue Ära“ ein und schreibe die Geschichte der Zukunft. 

Dabei hatte Chinas Führung einst versucht, über ihren Schatten zu springen. 2006 schenkte mir ein befreundeter Diplomat einen illustrierten 670-seitigen Prachtband ausgewählter historischer Schriftstücke, herausgegeben vom Archiv des Pekinger Außenministeriums. Auf dem goldfarbenen Umschlag stand: „Entklassifizierte Diplomatische Dokumente 1949-1955“. Er pries es mir an als Zeichen für „mehr Offenheit und Transparenz in unserer Geschichte. “         

Archive: China gab 2006 erstmals ein Buch über deklassifizierte Dokumente heraus - die Haltung zur Geschichte änderte sich jedoch wieder.
Überraschende Öffnung der Archive: Chinas Außenministerium gab 2006 erstmals ein Buch über deklassifizierte Dokumente 1949 bis 1955 heraus. Es gab nie einen zweiten Band.

Der Hintergrund: Peking erlaubte, die  Entwicklung der Volksrepublik anhand historischer Originalquellen aufzuarbeiten. Provinzen und auch das Außenministerium durften dafür ihre Archive öffnen. Chinas Außenministerium gab ab 2004 erstmals Tausende interner Dokumente über Jahrzehnte zurückliegender Ereignisse zur öffentlichen Einsicht frei. 2006 entsiegelte es weitere 25.651 Akten für den Zeitraum 1956 bis 1960. Der renommierte Historiker Shen Zhihua, Konfliktforscher zur chinesischen Geschichte des Kalten Krieges an der Shanghaier Universität, lobte das geöffnete Archiv als „Blume im Garten der chinesischen Reformen.“

Obwohl das Archiv nur ein Drittel seiner Bestände freigab und amtliche Schriftstücke zur außenpolitischen Entscheidungsfindung unter Verschluss hielt, entdeckte Shen Fundstücke, die neues Licht auf Pekings Verhalten im Koreakrieg (1950 bis 1953) warfen und erklärten, warum Mao – als Sieger des Bürgerkriegs – sich 1950 Taiwan nicht einverleiben konnte. Sie beleuchten auch Pekings einst schwieriges Verhältnis zum „großen Bruder“ Sowjetunion, das 1960 zum abrupten Abzug aller sowjetischen Experten aus der Volksrepublik führte. Das Thema ist heute aktuell und brisant, wo China und Russland nach außen ihre angeblich beste Freundschaft und Zusammenarbeit aller Zeiten feiern lassen.     

So viel Transparenz schlug im Ausland Wellen. Christian F. Ostermann, Direktor des Washingtoner „Woodrow Wilson International Center“ nannte es ,“Archiv-Tauwetter in China“. Seine 2007 veröffentlichte Spezialdokumentation über den „Kalten Krieg in China“ konnte erstmals neben den Quellen aus den seit 1992 offenen Archiven in Moskau und Osteuropa auch Chinas Dokumente auswerten.

Das Tauwetter hielt nur wenige Jahre an. Peking gab keinen weiteren Band mit freigegebenen Dokumente mehr heraus. Der Forscher Kazushi Minami von Japans Osaka-Universität schreibt: Ende 2012 „als Xi Jinping an die Macht kam, ließ die chinesische Regierung das Archiv abrupt schließen.“ Es wurde danach nur noch sporadisch geöffnet. 90 Prozent seiner einst zugänglichen Dokumente wurden wieder weggesperrt

Als Minami im Juli 2017 das Archiv besuchte, war er dort fast allein. Er empfand, dass „Forscher unwillkommen sind. Ich fühlte mich unter ständiger Beobachtung.“ Der 19. Parteitag 2017, auf dem Xi seine absolute Herrschaft über Partei und Land durchsetzte, habe seine Schatten vorausgeworfen. „China scheint entschlossen, die Vergangenheit neu umzuschreiben. Alles beginnt bei den Archiven. Es ist unwahrscheinlich, dass die Regierung Xi in absehbarer Zeit ihre Kontrolle über wertvolle historische Quellen wieder lockern wird.“ 

Neue Erkenntnisse über das, was in China einst passierte, verdanken internationale Wissenschaftler nicht nur offenen Archiven. Sie konnten auch, wie etwa der Maos-Kampagnen erforschende Frank Dikötter,  Erinnerungen von Zeitzeugen nutzen, die in der Vor-Xi-Zeit in Massen erschienen, schreibt Geschichtsforscher Charles Kraus vom Wilson-Zentrum. Entdeckungen lassen sich auch auf den noch unregulierten Secondhand-Buch- und Sammlermärkten in China machen, wo alte Tagebücher, private Dossiers und zeitgenössische Fotos bis heute noch angeboten werden.  

Chinas Geschichte: Zwischen den Zeilen der Essgewohnheiten Maos, von seinem Haushälter aufgeschrieben, verbirgt sich Zeitgeschichte.
Memoiren bieten Enthüllungen im Plauderstil: 2012 erschien im ZK-Verlag das Buch des Haushälters Maos über die Küche und Essgewohnheiten des Vorsitzenden. Zwischen den Zeilen versteckt sich Zeitgeschichte.

In manchen Memoiren verstecken sich Enthüllungen, wie in den 2012 im Pekinger ZK-Verlag für Dokumente erschienenen Plaudereien des Funktionär Wu Liandeng, der bis zum Tode Maos die Aufsicht über den Haushalt des Großen Vorsitzenden führte. Seine Anekdoten verraten, wie der Diktator oft beim Essen viel über seine Launen und wirklicher Sicht der Dinge preisgab, darunter etwa seinen Groll auf sowjetische Führer.

Im Juli 1962, als Mao ein Curry-Gulasch mit Rindfleisch aufgetischt wurde, nimmt er es zum Anlass, den sowjetischen KP-Chef zu verhöhnen. Der hätte den „Gulasch-Kommunismus“ zum gesellschaftlichen Ideal erhoben, wo jeder Sowjetbürger in Zukunft einmal pro Tag Kartoffeln mit Rindfleisch auf den Tisch bekäme. Mao ließ sich feixend das Curry schmecken: „Lasst uns jetzt Chruschtschow essen.“ Dabei beschimpfte er Moskaus Führer, der alle sowjetischen Experten von China abgezogen hatte. „Sie wollen uns damit erdrosseln. Ich glaube nicht, dass sich die Welt zu drehen aufhört, wenn China mit der Sowjetunion bricht.“ Der Zynismus des Diktators in dieser Essensszene ist grenzenlos. Ein Jahr zuvor waren wegen seines utopischen Großen Sprung nach Vorn noch Millionen Bauern verhungert.

In einer anderen Szene wollen Funktionäre dem im Sommer 1958 nach Wuhan gekommenen Mao frisch gefangene Spatzen als gebratene Delikatesse anbieten. Mao will irritiert wissen, wie das möglich sei. Man habe ihm doch versichert, dass die gefiederten „Übelwichte“ auf seinen Befehl hin restlos ausgerottet wurden. „Es sind nur noch diese Wenigen übrig“, reden sich seine Gastgeber verschreckt heraus. Aber Mao ist guter Laune:  „Dann lasst sie uns gemeinsam endgültig vertilgen.“ 

Propagandabroschüre von 1957 zur Kampagne gegen Spatzen: Jagt die Spatzen!
Propagandabroschüre von 1957 zur Kampagne gegen Spatzen: Jagt die Spatzen!

Zwei Jahre hatte zuvor eine der absurdesten Massenkampagnen durch China getobt. Mao hatte die „Ausmerzung der Vier Üblen“ angeordnet, das Quartett von Schädlingen, zu denen Ratte, Stechmücke, Fliege und der Sperling gehörte. Der Diktator hatte gehört, dass ein Spatz pro Jahr bis zu vier Pfund Getreide stibitzen würde. Um die Gefahr für Chinas Ernährung abzuwenden, ließ er sechshundert Millionen Chinesen zur Ausrottung von damals geschätzten vier Milliarden Spatzen mobilisieren.  

Im September 1957 setzte Mao das Thema auf die Tagesordnung seines achten Parteitags und forderte: „China muss zu einem Land werden, in dem es keinen einzigen der vier Schädlinge mehr gibt.“ Landesweit und kollektiv wurde zur Hatz geblasen. Höhepunkt war 1958, als die Behörden in ganz China 2,11 Milliarden getötete Spatzen registrierten. Erst als Mao von Forschern der Akademie der Wissenschaften erfuhr, dass Spatzen vor allem Pflanzen-Schädlinge vertilgen und Berichte seiner Agrarbeamten las, wie seine Kampagne die Forstwirtschaft mitten in der Agrarkrise zusätzlich schädigte, ließ er die Jagd auf die Spatzen stoppen. Sie wurden von der Liste der vier Ungeziefer gestrichen und durch die „Schaben“ ersetzt.

Propagandabild von 1957 zu einer der absurdesten Kampagnen Maos: Die Hatz auf die Vier Ungeziefer-Übel, darunter den Spatzen.
Propagandabild von 1957 zu einer der absurdesten Kampagnen Maos: Die Hatz auf die Vier Ungeziefer-Übel, darunter den Spatzen.

Das Ende der Geschichte trifft nach Lesart Xis heute nur auf die untergehenden USA und den Westen zu, nicht aber auf die aufsteigende Volksrepublik, der die Zukunft gehört. Peking glorifiziert dafür seine Vergangenheit und möchte keine anderslautenden Dokumente aus seinen Archiven sehen, auch nicht an seine Irrsinnskampagnen gegen die Spatzen erinnert werden. Es will auch nicht wissen, was russische Forscher wie Alexander Pantsow in den Moskauer Archiven gefunden haben wollen. Zur schnelleren Erholung der fast völlig dezimierten Spatzenbestände ließ Peking heimlich von Anfang der 60er-Jahren an mehr als eine Million sibirische Spatzen vom Erzfeind Sowjetunion einführen

Karikatur von Hua Junwu 1958 zur erfolgreichen Ausrottung von Milliarden Spatzen. Vogelscheuche und Katze leiden nun an "Einsamkeit und Langeweile."
Karikatur von Hua Junwu 1958 zur erfolgreichen Ausrottung von Milliarden Spatzen. Vogelscheuche und Katze leiden nun an „Einsamkeit und Langeweile.“

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