Themenschwerpunkte


Für China ist Taiwan eine emotionale Frage

Wenn China heute anfinge, Taiwan gewaltsam zu erobern: Die große Mehrheit der chinesischen Bevölkerung würde dies aus vollem Herzen unterstützen. Wer sich jedoch offen dagegen ausspräche, würde bestenfalls als Verräter beschimpft werden. Im schlimmsten Fall drohen Gefängnis oder körperliche Gewalt durch patriotische Landsleute. Mit „Chinesen“ sind in diesem Text sowohl die chinesische Bevölkerung als auch Staatsbürger außerhalb des Landes gemeint, sowie Menschen, die ihre prägenden Jahre im Land verbracht haben, nun aber ausländische Pässe besitzen.

Taiwan ist für die Chinesen ein emotional hochgradig aufgeladenes Thema. Es steht an der Spitze einer langen Liste von Problemen, die ihre Wurzeln in der Geschichte eines von den westlichen Mächten im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geplagten Chinas haben. Ebenfalls auf dieser Liste stehen Hongkong, Macao und Territorien, die von Russland geraubt wurden, was wiederum eine große Rolle bei der Abspaltung der heutigen Mongolei spielt.

Diese Themen nehmen in den Geschichtslehrbüchern, bei Schüler und Studenten und in den offiziellen Medien Chinas eine immense Rolle ein. Sie finden immer wieder Erwähnung und fördern neben einer schwer überwindbaren nationalen Opfermentalität auch ein niemals verheilendes Trauma. Die Kommunistische Partei nutzt diese Ausgangslage. Sie bettet die Demütigungen in ein Narrativ ein, in der sie sich selbst als den alleinigen Retter der Nation aus ihrer tiefen Erniedrigung präsentiert. Dies ist einer der Gründungsmythen der Volksrepublik und wird bis heute als eine der wichtigsten Legitimationen für die Herrschaft der Partei eingesetzt.

Nancy Pelosi trieb die Emotionen auf einen neuen Höhepunkt

Der bereits erwähnte Verlust von Territorien an Russland im 19. Jahrhundert wurde in den letzten Jahren aus offensichtlichen Gründen heruntergespielt. Aber das von den USA unterstützte Taiwan wird immer wieder zu einem Brennpunkt in den internationalen Beziehungen. Jede neue Episode ruft die bittere Vergangenheit in Erinnerung: Genau wegen solcher Einmischung aus dem Ausland, vor allem seitens der USA, konnte die Volksrepublik bei ihrer Gründung Taiwan nicht übernehmen. Und nun wollen die USA und ihre Verbündeten Taiwan immer noch daran hindern, sich mit der Heimat wiederzuvereinigen. Nach Ansicht der Chinesen dient Taiwan den USA letztendlich als das, was US-General Douglas MacArthur einen „unsinkbaren Flugzeugträger“ nannte, um China kleinzuhalten.

Was die Chinesen noch mehr erzürnt, ist die Tatsache, dass Taiwan seit den 1990er-Jahren erheblich von Exporten nach China und Investitionen in China profitiert hat. Das Land ist wirtschaftlich so wichtig, dass sich manche taiwanischen Popstars in Großstädten wie Shanghai niederließen, um näher an ihrem größten Markt zu sein. Auch wenn sie, angesichts der sich verschlechternden Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße – bei denen es keine Anzeichen für eine Besserung gibt – dies vielleicht noch einmal überdenken sollten.

Der jüngste Besuch der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi hat den Hass der Festlandbevölkerung auf die USA und Taiwan auf einen neuen Höhepunkt getrieben. In den sozialen Medien wurde lautstark der Abschuss von Pelosis Flugzeug gefordert und dann auch tatsächlich erwartet. Die sichere Landung ihres Flugzeugs in Taipeh löste große Enttäuschung und sogar Frustration aus, die sogar die darauffolgenden Militärübungen irgendwie glanzlos erscheinen ließ.

Ja, über militärische Handlungen kann man in China tatsächlich leichtfertig spekulieren. Generell sind die Chinesen Realisten, die in den internationalen Beziehungen auf Geld, militärische Gewalt, Sozialdarwinismus und schiere Stärke vertrauen. „Politische Macht kommt aus den Gewehrläufen“ ist ein Zitat von Mao Zedong, das jeder auswendig kennt und das im Reich der Mitte stets großen Anklang findet.

„China ist einzigartig“

Doch wie ist es um den Willen des taiwanischen Volkes bestellt? Was wäre, wenn das Ergebnis eines hypothetischen Referendums in Taiwan ein klares Ja zur Unabhängigkeit wäre?

In der chinesischen Öffentlichkeit gibt es unterschiedliche Auffassungen zu diesen Fragen.

Die erste ist Zynismus über die öffentliche Meinung in Demokratien: Sie sei nicht vertrauenswürdig, weil sie lediglich das Ergebnis von Manipulationen durch machthungrige Politiker sei, die letztlich nur die Reichen oder verschiedene Gruppen von Reichen vertreten. Die zweite Frage ist einfacher zu beantworten: Taiwan ist unser Land – was die dort lebenden Menschen denken, ist schlichtweg irrelevant. Falls taiwanische Politiker den Mumm hätten, ein Referendum zu initiieren, wäre das an sich schon eine strafbare Provokation.

Die Befürworter einer gewaltsamen Wiedervereinigung würden sich auch auf Beispiele in der vordemokratischen Geschichte großer ausländischer Demokratien berufen – oder auf Beispiele aus der Gegenwart. Am populärsten sei dabei der Umgang Russlands mit nach Unabhängigkeit strebenden Republiken wie Tschetschenien. Sollte die Ukraine letztendlich in Putins Hände fallen, wäre dies ein Paradebeispiel.

Unabhängigkeitsreferenden in Schottland und Quebec oder die friedliche Abspaltung der Tschechischen Republik und der Slowakei werden von der Mehrheit gar nicht erst wahrgenommen. Und wer sich damit doch etwas auskennt, kann sie bequem mit der Patentlösung erklären: Es muss ein wirtschaftliches oder finanzielles Interesse hinter den Vorgängen stecken. Oder ein weiteres Totschlagargument für alle Fragen, die China betreffen: China sei einzigartig, die Taiwan-Frage unterscheidet sich von allen anderen Konstellationen – war es doch schon seit der Antike chinesisches Territorium.

Taiwans verworrene Vergangenheit

Konfrontiert man einen chinesischen Bürger mit der Frage, ob der chinesische Enthusiasmus für die Wiedervereinigung Taiwans mit China auf Manipulation beruht, so wäre die Antwort kategorisch: „NEIN! Wie können Sie es wagen?“ Willkommen im Land der Irrtümer, nicht unähnlich den Trugschlüssen von Trump-Anhängern und Verschwörungstheorien.

Die Geschichte Taiwans seit dem Zeitalter der Entdeckungen ist weitaus komplizierter als die der meisten Teile Chinas. Das Land wurde zweimal kolonisiert: von den Niederländern im 17. Jahrhundert und von den Japanern zwischen 1895 und 1945. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es an die Republik China unter der Führung von Chiang Kai-shek zurückgegeben. Seine Regierung vertrat China als eines der wichtigsten Gründungsmitglieder der UNO. Jedoch wurden Chiang Kai-shek und seine Anhänger im Bürgerkrieg 1945-49 von den Kommunisten besiegt und zogen sich daraufhin nach Taiwan zurück.

Die einheimische Bevölkerung Taiwans musste sich damals mit einer korrupten Regierung der Republik China abfinden, deren brutale Herrschaft eine große Narbe im Bewusstsein der Taiwaner und eine tiefe Kluft zwischen ihnen und dem Festland hinterließ. Zu allem Überfluss wurde Taiwan aus der UNO ausgeschlossen und verlor nach dem diplomatischen Tauwetter zwischen den USA und der Volksrepublik im Jahr 1972 schrittweise die diplomatischen Beziehungen zu allen Ländern bis auf wenige Ausnahmen.

Das „Waisenkind Asiens“ (Orphan of Asia) ist sowohl der Buchtitel eines taiwanischen Schriftstellers als auch der Titel eines Popsongs. Ersteres schildert die Identitätskrise der Taiwaner, letzteres beklagt die Isolation des Landes. Der in diesen Werken auf rührende Weise geschilderte Schmerz wird jedoch leider bei den nationalistischen Zuhörern auf dem Festland zweifellos auf taube Ohren stoßen.

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