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Antikommunistische Parolen sind in China ihr Geld wert

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Die Geldscheine sind echt. Sie zeigen Staatsgründer Mao Zedong auf der Vorderseite in allen Nominierungen vom grünen Ein-Yuanschein (15 Cent) bis zur rötlichen 100 Yuan-Note (15 Euro). Die brisanten Botschaften finden sich auf der Rückseite als politische Parolen oder als Eigenwerbung wie „Falun Gong ist gut“ für die 1992 in China gegründete Heilslehre. Laut ihrer Webseite versteht sie sich als buddhistisch inspirierte Schule zur spirituellen Selbstkultivierung, die mit körperlichen Meditationsübungen nach „Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht“ strebt und zugleich die Gesundheit fördert. Peking hat sie seit 1999 als „krimineller Kult“ brandmarken lassen, verfolgt ihre Anhänger mit allen Mitteln seiner Staatsmacht. Falun Gong wirft Chinas Regierung Massenhaft mit unzähligen Todesfällen und barbarische Verbrechen an ihren Anhängern vor.

Falun-Gong-Anhänger ließen chinesische Geldscheine mit politischen Botschaften bedruckt - in ähnlicher Farbe wie die offiziellen Muster. Auf der Zehn-Yuan-Note steht beispielsweise: "Bringt Jiang Zemin vor Gericht", auf der Zwanzig-Yuan-Note: "Falun Gong steht für Warheit, Barmherzigkeit und Nachsicht."
Die Rebellen haben diese Geldscheine mit politischen Botschaften bedruckt – in ähnlicher Farbe wie die offiziellen Muster. Auf der Zehn-Yuan-Note steht beispielsweise: „Bringt Jiang Zemin vor Gericht“, auf der Zwanzig-Yuan-Note: „Falun Gong steht für Warheit, Barmherzigkeit und Nachsicht.“

Gesetzliche Zahlungsmittel absichtlich zu beschädigen, verstößt in aller Welt gegen das Recht, ganz zu schweigen, wenn Geld zu Flugblättern umfunktioniert wird. Zu zehn Jahren Haft wurden Falun-Anhänger verurteilt, meist mittelalte Frauen und Männer, weil sie wiederholt das Geld in Umlauf brachten. Meist fallen sie damit nicht auf. Die aufgedruckten Slogans passen sich den Bildmotiven und Grundfarben der Banknoten an, werden auf den ersten Blick nicht bemerkt. Der Volksmund sagt zu ihnen „Geld mit Schriftzeichen“ (带字币). Die Behörden sprechen von Geld mit „reaktionären Aufschriften“ (反动标语). Falun Gong nennt seine Widerstandsaktion „aufrichtiges Geld“ (真相币).

Vor allem Ein-, Fünf- und Zehn-Yuan-Banknoten sind mit immer neuen Texten und Symbolen im Umlauf – und das seit vielen Jahren. Als ich mein Wechselgeld durchforschte, entdeckte ich erst, wie verbreitet die Scheine sind. Die höchste bedruckte Note im Wert von 20 Yuan (drei Euro) erhielt ich von einem Taxifahrer. Ich befragte Zeitungsverkäufer, Markthändler, Bedienungen in Restaurants, was sie mit solchem Geld machen. „Wir geben es weiter.“ Keiner sagte, er würde es der Bank zum Umtauschen bringen, oder der Polizei melden. Das bedeute nur unnötig Ärger.

Die Polizei sucht nach den Druckmaschinen

Das groteske Phänomen belegt den trotz brutaler Unterdrückung bis heute ungebrochenen Widerstand von Falun-Gong-Aktivisten. Es zeigt aber auch, wie lückenhaft Chinas gigantische Überwachungs- und Kontrollbürokratie im Alltag ist. Flugblätter, die von Brücken oder Hochhäuser herabgeworfen werden, oder an Mauern kleben, würden den allgegenwärtigen Videokameras nicht entgehen. Beim Geld aber schaut niemand so genau hin

Die Polizei versucht, die modernen Farbdruckereien im Untergrund aufzuspüren. Offizielle Anti-Sekten-Webseiten verkünden Erfolge. Der größte Bust gelang 2014, als die Polizei in drei Razzien allein in Wuhan 34 Spezialdrucker und Computer beschlagnahmten und 38 Beteiligte verhaftete. Die Zentralbank versuchte es auf andere Weise. Im Januar 2016 ließ sie als Pilotprojekt in fünf Städten Shandongs alle Ein-Yuan Banknoten durch Münzen ersetzen. Die Onlineseite der Volkszeitung erklärte, dass so „die Weiterverbreitung reaktionärer Losungen durch Kriminelle über Banknoten gestoppt werden soll.“ 2019 erneuerte die Zentralbank alle Banknoten in China durch eine neue Serie, die genauso aussah wie die alte. Die Farben leuchten aber stärker, das Papier ist glatter beschichtet. Offenbar soll das Bedrucken erschwert werden.

Pekings Kampf gegen Falun Gong begann am 25. April 1999. Auslöser wurde eine drei Tage davor organisierte Demonstration von Falun-Gong-Anhängern in der Nachbarstadt Tianjin vor dem Redaktionsbüro einer Zeitschrift. Diese hatte zum Verbot der spirituellen Lehre als Aberglauben und Gesundheitsrisiko aufgerufen. Die Polizei ließ einige Aktivisten festnehmen. Darauf mobilisierte die nationale Führung der Falun-Gong mit modernen Kommunikationsmitteln und über E-Mail, ihre Anhänger zum Großprotest nach Peking zu kommen. 10.000 Falun-Praktizierende reisten aus vier Provinzen an. Vom Morgen bis in die Nacht belagerten sie schweigend und im friedlichen Sit-In das gesamte Regierungsviertel mit Sitz der Partei in Zhongnanhai, bis ihre Führer die geforderten Zugeständnisse erhielten.

„Weder Mensch noch Teufel haben etwas gemerkt“

Es war eine Meisterleistung moderner Kommunikation und Logistik. Chinas damaliger Parteichef Jiang Zemin wurde zum ersten Mal bewusst, welche Macht spirituelle Bewegungen besitzen. Falun Gong war bis dahin beim Sportministerium als Meditations-Gruppe für traditionelle Heilgymnastik registriert gewesen mit amtlich gezählten 2,1 Millionen Anhängern, darunter viele Mitglieder der KP Chinas.

Noch am 25. April abends schrieb der geschockte Jiang einen Brief an seine Kollegen im Politbüroausschuss, der sechs Jahre später veröffentlicht wurde. Er fing mystisch an. „Was heute passierte, ist wert, tief darüber nachzudenken. Weder Mensch noch Teufel hat etwas gemerkt. Plötzlich hatten sich vor den Toren unseres Machtzentrums Zehntausend Menschen versammelt und umzingelten es den ganzen Tag.“ Die Aktion sei der größte Protest seit dem Tiananmen-Aufruhr von 1989. Chinas Sicherheitsapparat hätte versagt. Er selbst habe erst aus dem Internet erfahren, wie effizient Falun Gong organisiert ist und dass sie einen neuen sozialen Trend darstellten. Wozu sei die Staatssicherheit mit Computern ausgerüstet, wenn sie die moderne Informationstechnik nicht nutzten?

Im Juli startete Peking die landesweite Verfolgung der als „Sekte“ und Staatsgefahr kriminalisierten Falun Gong. Was Jiang besonders erregte, steht im letzten Satz seines Briefes: „Könnte es sein, dass die marxistische Theorie von uns Kommunisten, der Materialismus und Atheismus, an die wir glauben, nicht dieses Zeug besiegen kann, das von Falun Gong verbreitet wird? Wenn das so wäre, würde das nicht ein Witz sein – so groß wie der Himmel?“ Die Angst, mit ihrer hohl gewordenen Ideologie Chinas Menschen spirituell nicht mehr zu erreichen, treibt die Partei und ihre Führer bis heute um.

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