Themenschwerpunkte


Echte Kerle auf Großer Mauer 

Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Die im Chinesischen „Zehntausend Meilen Lange Mauer“ (万里长城) genannte Große Mauer sollte seit mehr als 2.000 Jahren allen Dynastien als uneinnehmbares Bollwerk dienen, um Eindringlinge abzuwehren. Immer wieder wurde sie neu erbaut, zuletzt während der Ming-Zeit. Inzwischen hat die Volksrepublik sie als nationales Wahrzeichen ihrer imperialen Größe entdeckt, nutzt sie als Softpower-Symbol für reale Macht und Anerkennung ihres globalen Anspruchs nach außen.

Pekings bekanntestes Mauerstück Badaling ist inzwischen längst zum internationalen Laufsteg geworden. Bis zum Ausbruch der Covid 19-Pandemie zeigten sich 520 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt auf Pekings Mauer und wetteiferten, wer auf ihren Stufen höher steigt.    

In der Nacht auf den 24. Februar 1972 schneite es heftig in Peking. Gegen 21.30 Uhr stand Premier Zhou Enlai im Sportstadium abrupt auf. Er verließ, ohne ein Wort zu sagen, seinen Ehrengast US-Präsident Richard Nixon. Bald kam Zhou wieder und sah sich mit dem Ehepaar Nixon das Ende der Wettkämpfe an. Danach ließ er beide ins Staatsgästehaus Diaoyutai fahren.  

China liebt sie alle: Am 3.Dezember 2002 kletterte Wladimir Putin mit seiner damaligen Frau auf die Große Mauer und signierte das Foto. Bereits im Februar hatte das Ehepaar George W. Bush an der gleichen Stelle gestanden, ein Jahr zuvor Joe Biden. Alle drei erhielten die Mao-Urkunde: Ihr seid echte Kerle.  
China liebt sie alle: Am 3.Dezember 2002 kletterte Wladimir Putin mit seiner damaligen Frau auf die Große Mauer und signierte das Foto. Bereits im Februar hatte das Ehepaar George W. Bush an der gleichen Stelle gestanden, ein Jahr zuvor Joe Biden. Alle drei erhielten die Mao-Urkunde: Ihr seid echte Kerle.  

50 Jahre später enthüllte der Hongkonger TV-Sender Phönix, warum der Premier damals derart plötzlich verschwand. Er wies Pekings Behörden an, alle Kräfte zu mobilisieren, damit Nixon am nächsten Morgen die Große Mauer beim Pass Badaling besuchen konnte.   

Bis in den frühen Morgen räumten und kehrten Heerscharen von Helfern alle Zufahrten vom 80 Kilometer entfernten Staatsgästehaus bis zur Mauer eis- und schneefrei. Die Stadtführung trommelte 800.000 Mann für den Einsatz zusammen. Nixon beeindruckte die Organisationskraft von Maos Kommunisten so stark, dass er in seinen Erinnerungen warnte: Die USA müssten sich China „in den nächsten Jahrzehnten widmen, es fördern und entwickeln, noch während es seine Stärke und sein Potenzial als Nation entfaltete. Anderenfalls wären wir eines Tages mit dem beachtlichsten Gegner konfrontiert, den es in der Weltgeschichte je gab.“  (Richard Nixon, Memoiren, Ullstein 1981. S. 594.)

Heute wird in Washington hitzig debattiert, ob solche und ähnliche Annahmen zu einer naiven China-Strategie der USA beitrugen, die die Volksrepublik erst zum heute so gefürchteten Gegner gemacht hat.  

Gastgeber Mao Zedong ging 1972 auf die USA zu, weil er sie als Gegengewicht zur immer bedrohlicheren Sowjetunion gewinnen wollte. Für Nixon ließ er daher alle Register chinesischer Gastfreundschaft ziehen. Der Ausflug zur Großen Mauer krönte das aufwändige Besuchsprogramm. Mao selbst verstand die westliche Begeisterung für die verfallenen, verwitterten Ruinen und Überbleibsel feudalistischer Zeiten nicht. Kein Foto zeigt ihn mit oder auf der Mauer. 1952 ließ er sich aber von seinem Freund, dem Universalgelehrten und Kulturminister Guo Moruo überreden, wenigstens einen Teil dieses Bollwerks als Sehenswürdigkeit renovieren zu lassen. 

Mit Nixon beginnt der Run auf die Mauer

Premier Zhou übernahm die Aufgabe. Von 1952 bis 1958 ließ er den noch am besten erhaltenen Pekinger Pass bei Badaling auf 3.741 Meter Länge restaurieren. Im Oktober 1954 begleitete er Indiens Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru als ersten ausländischen Besucher auf die Mauer. In den fünfziger Jahren arrangierte Peking für nur drei Staatsgäste Ausflüge zur Mauer. Neun kamen in den 1960er-Jahren hinzu. Erst mit Nixons Besuch und nach Beginn der Reformen und Öffnung 1978 startete der große Run auf die Mauer, die 1987 Unesco-Welterbe wurde.

Um das Bauwerk besser zu vermarkten, entdeckten Chinas Propagandisten ausgerechnet bei Mao einen zündenden Werbeslogan. „Wer nicht bis zur Mauer kommt, ist kein echter Kerl“ (不到长城非好汉) hatte Mao einst gedichtet. Für internationale Staatschefs wurde es von da an zum Muss, die Mauer von Badaling zu erklimmen und als Anerkennung ein Mao-Faksimile zu erhalten, dass sie  „echte Kerle“ seien.   

Mehr als 520 Spitzenpolitiker (darunter sechs US-Präsidenten und fast zehn deutsche Kanzler und Bundespräsidenten) stiegen nach Nixon auf die Badaling-Mauer, gab Chinas Kulturbehörde im Februar 2022 zum Start einer Serie von Kurzvideos bekannt: „外国领导人登长城“. Mauerexperte Xie Jiuzhong, Verfasser amtlicher Chroniken über „Chinas Staatsgäste und die Mauer“, führte über die illustren Besucher Buch. Badaling sei zu einem „ewigen Monument in der diplomatischen Geschichte Chinas“ geworden. 

Die Namen verraten alles: In den 70-Jahren pilgerten zuerst die Vertreter diplomatischer Neuerwerbungen nach China: die Staatschefs von Japan, aus Westeuropa und den USA und kletterten die Mauer hoch. In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre begaben sich nach dem Ende des Schisma zwischen Peking und Moskau die Führer des noch sozialistischen Ostblocks auf Klettertour. Polens Jaruzelski und Erich Honnecker (1986), die Tschechen Štrougal und Husák oder Bulgariens Todor Schiwkow – sie alle zog es auf die Mauer. Es war der letzte Auftritt „echter Kerle“ des Realsozialimus. Am Ende, als sich der Fall der anderen 1962 gebauten Mauer schon ankündigte, stieg auch noch Gorbatschow mit seiner Raissa am 17. Mai 1989 auf das Bauwerk. 

China liebte sie alle, und sie liebten Chinas Mauer: Despoten, Demokraten, Kaiser (Japans Akihito) oder Könige (Elisabeth II): Am 3. Dezember 2002 posierte Wladimir Putin mit seiner damaligen Frau Ljudmila Putina auf der Großen Mauer. Im Februar hatte sich dort schon das Ehepaar George W. Bush fotografieren lassen, ein Jahr zuvor auch Joe Biden, damals als Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses im Senat. Alle drei erhielten die begehrte Trophäe, „echte Kerle“ zu sein. 

Etikettenschwindel: 1935 schrieb Mao ein Gedicht. Die vierte Zeile in seiner von rechts nach links und von oben nach unten geschriebenen Kalligrafie lautet:
Etikettenschwindel: 1935 schrieb Mao ein Gedicht. Die vierte Zeile in seiner von rechts nach links und von oben nach unten geschriebenen Kalligrafie lautet: „Wer nicht bis zur Großen Mauer kommt, ist kein echter Kerl.“  Mao meinte damit aber gar nicht die heutige Mauer bei Badaling, wo sein Slogan so tatkräftig vermarktet wird.

Dabei meinte Maos Lob sie gar nicht. Es stammte aus seinem Gedicht von Oktober 1935, als er auf dem Langen Marsch das Liupanshan-Bergmassiv in Nordwestchinas Ningxia überquert hatte. Der Guerillaführer wollte seine erschöpften Truppen anspornen. Sie wären nicht mehr weit weg von Nordchina, wo die Große Mauer lang läuft. Bis dorthin müssten sie es schaffen, wenn sie echte Kerle seien.   

Ende 1978 veröffentlichte die Zeitschrift „Kulturgüter der Revolution“ (革命文物) Maos 1961 kalligraphische Abschrift seines Gedichts. Die Zeile über die echten Kerle verselbstständigte sich zum geflügelten Wort. US-Präsident Bush fühlte sich im Februar 2002 angespornt. Der Texaner stieg bis hinter den dritten Wachturm hinauf. Zuvor fragte er ständig, wie weit einst Richard Nixon gekommen war, erinnerte sich ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums. Als sie die Stelle erreichten, wo Nixon am 24. Februar 1972 bei Höhenmeter 760 die Puste ausging, frohlockte Bush: „Jetzt gehe ich weiter.“ 

Auch Helmut Schmidt erklomm die Große Mauer

Auch unter den Deutschen herrschte Konkurrenz, beispielsweise zwischen SPD-Kanzler Helmut Schmidt und seinem Widersacher, CSU-Chef Franz Josef-Strauß, erzählte mir Chinas ehemaliger Bonner Botschafter Wang Shu, der beide begleitete. Schmidt habe ihn beim Aufstieg Ende Oktober 1975 gefragt, wie weit Strauß (der Januar 1975 auf die Mauer geklettert war) gekommen sei. Als Wang auf die Stelle deutete, quälte sich der Hamburger mit Frau Loki die Mauer weiter hinauf. „Für mich gibt es keine andere Wahl. Ich muss höher kommen.“

William Lindesay erforscht die Große Mauer.
Seit 1978 erforscht der britische Autor William Lindesay die Große Mauer, kämpft für ihren Erhalt und gegen touristische Vermüllung. Er lebt am Fuß des Pekinger Mauerstücks Jiankou. Foto bei ihm zu Hause.

Heute ist aus Chinas Großer Mauer ein Trampelpfad des Massentourismus geworden. „Erstmals kommt der Feind von innen“, beklagte der britische, in China lebende Historiker und Autor Willam Lindesay. Seit 1987 widmet er sich der Erkundung und vor allem dem Schutz der Großen Mauer vor Vermüllung und Umweltzerstörung.  

Auf langen Exkursionen erforschte er den Verlauf der Großen Mauer durch ein Dutzend chinesischer Provinzen. Von 2009 an begannen Geologen und Forscher mit Hilfe von GPS, Infrarot und hochaufgelösten Oberflächenfotos den Verlauf der Mauer systematisch zu vermessen. Sie entdeckten verschüttete frühere Vorläufer und Grenzwälle. Statt der offiziellen Länge von 8.851,8 Kilometer für die Ming-zeitlich neu errichtete Mauer kommen sie heute auf eine Originallänge von 21.196,18 Kilometer. „16 unter den 66 Dynastien in der Geschichte Chinas bauten sich Mauern zur Abwehr“, fand Lindesay heraus.  

CCTV selbst hat diese Collage zusammengestellt: Xi bei Neujahrsreden vor dem Gemälde der Mauer
CCTV selbst hat diese Collage zusammengestellt: Xi bei Neujahrsreden vor dem Gemälde der Mauer

Das machen Pekings heutige Herrscher anders.  Seit den frühen 80er-Jahren nutzen sie die Große Mauer als neues Synonym für China. Nach seinem Amtsantritt 2013 beförderte Präsident Xi Jinping sie gar zur nationalen Ikone und zum Symbol für Chinas Macht, die heute nach außen expandiert. Bei seinen TV-Neujahrsansprachen sitzt er immer vor der Staatsfahne und dem Gemälde der Großen Mauer. Ihre ursprüngliche Bedeutung hat sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt

Mehr zum Thema

    Quarantäne Updates Shanghai
    Mit mehr Transparenz zu mehr Impfungen
    Globale Lieferketten neu denken
    China kämpft um Wachstum