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Digitales Zentralbankgeld – Wer zögert, hat verloren

Von Thomas Heilmann
Heilmann Thomas zu Renminbi und Zentralbank Chinas

Mit der testweisen Einführung des digitalen Renminbis zeigt China wieder einmal, dass es Standards in digitalen Schlüsselbereichen setzen und technologisch umsetzen kann, während Europa im Prozess des Nachdenkens verharrt (China.Table berichtete). Die Herangehensweise der Chinesen ist einfach schneller und trotzdem nicht voreilig. Während wir Europäer am liebsten so lange tüfteln, bis die scheinbar beste Lösung gefunden und uns gegen alle erdenklichen Risiken abgesichert sind, gehen die Chinesen in kleinen Schritten voran. Dieses Vorgehen ist der Schlüssel zum Erfolg: Eine Entscheidung, die man in der staatlichen Innovationsförderung und -regulierung schnell trifft und gegebenenfalls schon nach kurzer Zeit wieder korrigiert, ist immer noch besser, als eine Entscheidung, die fünf Jahre lang gar nicht getroffen wird. In China forscht die Zentralbank bereits seit 2014 an einem nationalen Stable Coin. Ende letzten Jahres erfolgte dann der testweise Start verteilt über vier verschiedene Provinzen. Quasi nebenbei gewöhnen sich die Bürger, an eine neue Basistechnologie. Die Vorbereitungen für einen globalen Roll-out sind dabei schon deutlich fortgeschrittener als viele internationale Beobachter vermuten, dazu später mehr.

Nach aktuellem Entwicklungsstand wird der digitale Renminbi auf einer zweistufigen Infrastruktur ausgegeben. Auf der ersten Stufe definiert die Zentralbank digitale Renminbis innerhalb der bestehenden Geldbasis. Das ist beispielsweise durch Schaffung neuen Geldes, aber auch durch den Eintausch von bestehendem Bargeld systemintern möglich. Dieses digitale Geld gibt die Zentralbank schließlich an die Geschäftsbanken und Finanzinstitute aus. Dieser zentral emittierte digitale Renminbi dient damit streng genommen in erster Linie nur dem Interbankenverkehr.

Auf der zweiten Stufe geben die Finanzintermediäre den digitalen Renminbi an ihre Endkunden weiter. Dafür nutzen sie ihre eigenen technischen Infrastrukturen. Jene Vermittlerebene soll einem etwaigen Bank-Run vorbeugen und die Stabilität der Geschäftsbanken schützen. Retailkunden erhalten nämlich niemals direkt von der Zentralbank digitales Geld. Dieses Modell hat nicht nur Vorteile für die Stabilität des Finanzsystems, sondern ermöglicht auch eine hohe Transaktionsgeschwindigkeit.

Keine Beteiligung von Ausländern

Nach eigenen Auskünften soll der Fokus des digitalen Renminbis auf dem Einzelhandel im Inland liegen. Bis auf Geschäftsleute, sollen sich Ausländer zu Beginn nicht beteiligen können. In diesem Zusammenhang geben die Chinesen vor, das Credo zu verfolgen, kein Staat der Welt dürfe mit der Einführung einer digitalen Währung die Souveränität der Währung eines anderen Staates aushöhlen. Aus der Beobachter-Perspektive könnte man den Eindruck gewinnen, die chinesischen Bemühungen dienten vor allem dem Ziel, die Dominanz des US-Dollars im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zu reduzieren. Wie das gehen könnte und wie die Chinesen bereits heute systematisch darauf hinarbeiten, später.

Aus Nutzersicht ließe sich nun die Frage stellen, warum noch eine zusätzliche Wallet App herunterladen? So ist es doch über Alipay und WeChat Pay schon heute möglich, dass Händler und Kunden miteinander kommunizieren. Die Integration der Zahlungsmöglichkeit ist ja gerade das Komfortable, was viele Nutzer schätzen. Im Gegensatz zu Alipay und WeChat Pay wäre der digitale Renminbi hingehen eine wirkliche digitale Währung, nicht nur ein digitales Abwicklungstool. Und perspektiv könnte die Integration des digitalen Renminbis staatlich erzwungen werden.

Mit einem Pseudonym können Bürger beim Zahlungsverkehr mit kleinen Geldmengen mit ihrer E-Renminbi Wallet sogar anonym bezahlen, ohne dass hier eine Identifikation erforderlich ist. Insgesamt sind drei verschiedene Identifikationsebenen vorgesehen, nach dem Prinzip: Je mehr Gelder bewegt werden, desto mehr Informationen werden zur Registrierung notwendig und desto umfangreicher muss die Identität verifiziert werden. Damit soll Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung wirksam kontrolliert werden. Dennoch stellt sich hier auch die Frage, wie die Informationen zu Geldströmen auf individueller Ebene durch die chinesische Regierung erfasst und verarbeitet werden (Stichwort Social Scoring).

Insgesamt aber kann die chinesische Digitalwährung die Volkswirtschaft stärken, indem sie den Zahlungsverkehr entbürokratisieren und viel günstiger gestalteten kann. Sie ließe mithilfe von smart contracts eine automatisierte Dokumentation von Geschäftsvorfällen über viele Stufen kostengünstig zu. Durch das schnelle Voranschreiten der Chinesen im Bereich der Digitalwährung können große Wettbewerbsvorteile entstehen. Und zwar nicht nur durch die Währung an sich, sondern durch die zugrundeliegende technische Infrastruktur. Wer zuerst eine relevante Nutzerbasis erreicht hat und darüber lernen kann, formuliert die Spielregeln für diese neue Basistechnologie.

Joint Venture mit Swift

Wie weit die Chinesen in ihren Bemühungen schon sind, zeigen die neuesten Entwicklungen: Im Januar 2021 hat die chinesische Zentralbank über ihr ‚Digital Currency Research Institute and Clearing Centre‘ mit der in Europa ansässigen ‚Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication‘ (SWIFT) ein Joint Venture gegründet. SWIFT betreibt das international dominierende Netzwerk für grenzüberschreitende Zahlungsabwicklungen, an das weltweit über 11.000 Finanzinstitute aus über 200 Ländern angeschlossen sind.

Hier ist es wichtig zu erwähnen, dass der Zahlungsverkehr noch immer stark vom US-Dollar dominiert wird. Etwa 50 Prozent der grenzüberschreitenden Transaktionen im SWIFT-Netzwerk werden in US-Dollar ausgeführt. Der Renminbi hingegen hat trotz der hohen chinesischen Einwohnerzahl nach wie vor nur einen Anteil von unter zwei Prozent. Zudem hat die USA in der Vergangenheit mehrfach versucht, über das SWIFT-System politischen Einfluss zu nehmen. Die Partnerschaft mit SWIFT ist daher aus Sicht Chinas ein geschickter Schachzug, um bestehende Abhängigkeiten in grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr zu vermindern.

Für SWIFT ist die Partnerschaft eine intelligente Möglichkeit, seinen Einfluss in der Zahlungsabwicklung mit Digitalwährungen auszubauen und neues Terrain zu erschließen. Denn insbesondere im Bereich der Zahlungsabwicklung und automatisierten Dokumentation erhofft man sich erhebliche Effizienzsteigerungen und Kostensenkungen durch den Einsatz digitaler Währungen.

China arbeitet strategisch daran, die Vormachtstellung des US-Dollars im Zahlungsabwicklungsverkehrs der Zukunft zu reduzieren und gleichzeitig die Infrastruktur für eine vollständig digitale Zahlungsabwicklung zu bauen und zu exportieren. Der internationale Wettbewerb um die Bereitstellung einer digitalen Währung ist daher nicht wirklich ein Wettbewerb um die Währung als solches, sondern vielmehr ein Wettrennen und die technische Basis, die als Architektur für den Stable Coin dient.

Euro schneller digitalisieren

Wir müssen den entstehenden Wettbewerbsvorteilen der Chinesen begegnen, indem wir nach europäischen Wertvorstellungen dringend einen eigenen Standard für eine interoperable Basisinfrastruktur schaffen, auf dem der Stable Coin aufsetzt. Wir sollten nicht noch mehr Zeit verlieren und den Euro schnell digitalisieren – und zwar genau wie die Chinesen in einem ersten Schritt als Interbanken-Standard der EZB, den die Geschäftsbanken dann an Endkunden weitergeben können.

Das Rennen entscheidet sich in den nächsten wenigen Jahren – oder sogar Monaten. Wird sich ein Stable Coin Standard durchsetzen, der privaten Interessen folgt und aus der Wirtschaft kommt, wird es ein Standard der chinesischen Zentralbank mit potentieller Hintertür der chinesischen Regierung sein oder werden wir Europäer es schaffen, mit einem eigenen Standard zu überzeugen? Dazu müssen wir uns als Gesellschaft und Gesetzgeber mehr trauen, in kleinen Initiativen und basierend auf agilen Testphasen fortlaufend Regeln zu schaffen, anzupassen und zu verwerfen. Nur so können wir dem Tempo standhalten.

Thomas Heilmann (CDU) ist Abgeordneter des Deutschen Bundestages.

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