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Die seltsame Gefügigkeit der Chinesen

Ein einziger Corona-Fall bedeutet in China den Lockdown ganzer Metropolen. Nach zweieinhalb Jahren Pandemie ist die Zahl schwerer Covid-19-Erkrankungen und Todesfälle im Land von der Größenordnung her so niedrig wie im Rest der Welt. Peking ist jedoch nach wie vor besessen von seiner Null-Covid-Politik. 

Ein chinesischer Lockdown ist dabei wesentlich strikter als der „harte“ Lockdown, der in Deutschland gleich zu Beginn der Pandemie im Jahr 2020 verhängt wurde. In der chinesischen Version dürfen die Menschen ihre Wohnungen überhaupt nicht verlassen, nicht einmal für Beerdigungen, Erntearbeiten, Lebensmitteleinkäufe und Spaziergänge mit dem Hund. Dringende medizinische Behandlungen werden oft verschoben. Todesfälle, die durch diese brutale Politik verursacht werden, sind an der Tagesordnung.

Wie können 1,4 Milliarden Menschen derart gefügig sein, dass sie die ungerechtfertigten Einschränkungen persönlicher Freiheitsrechte derart lange hinnehmen? 

Die Antwort ist komplex

Zunächst wird die Schwere der Erkrankung durch gezielte Propaganda und Fehlinformationen hochstilisiert. Der lockerere Umgang westlicher Regierungen mit der Pandemie (sowie ihre realen Fehler) werden als Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben abgestempelt, beispielsweise wie in den Vereinigten Staaten unter dem ehemaligen Präsidenten Donald Trump. Pekings Propaganda hat die Angst der Menschen sehr effektiv genutzt, um sie zur Kooperation zu bewegen.

Nachdem die Bevölkerung die sinkende Zahl der Corona-Todesfälle allmählich bemerkt hatte, nutzten die Behörden den allgemeinen Gehorsam der chinesischen Bevölkerung gegenüber der Regierung, um die strengen Maßnahmen weiterzuführen. 

Die chinesische Bevölkerung wird ihr ganzes Leben lang darauf getrimmt, Befehlen der Obrigkeit Folge zu leisten, und zwar vom Kindergarten bis zum Berufsleben. 

Ich habe lange Zeit in Peking gelebt. In meiner Nachbarschaft gab es einen Kindergarten, eine Grundschule und eine weiterführende Schule. Von meinem Küchenfenster aus konnte ich direkt auf den Schulhof sehen. An den Schultagen versammelten sich dort jeden Tag gegen zehn Uhr morgens alle Schüler, etwa 200 an der Zahl, und durchliefen immer die gleiche Routine.

Zum Gehorsam erzogen

Der erste Teil ist eine Formationsübung im militärischen Stil. Alle folgen den Befehlen einer männlichen, autoritären Stimme aus einem Lautsprecher. Der zweite Teil sind Dehnungsübungen, bei der alle gleichzeitig dieselben Bewegungen zu Begleitmusik und auf Kommando ausführen. Zum Schluss präsentiert ein Lehrer oder gelegentlich auch ein Schüler einer höheren Klasse, ebenfalls über Lautsprecher, das Ergebnis der sogenannten „Disziplinarkontrolle“, wobei Schüler mit guten Leistungen gelobt und Schüler mit schlechten Leistungen scharf getadelt werden. In der Grundschule geschieht das Gleiche, im Kindergarten auch, aber in kürzerer, sanfterer Form. 

So war es schon fast immer seit der Gründung der Volksrepublik, und es ist überall in China mehr oder weniger das gleiche Prozedere.

Die Dehnungsübung hat ihre Vorteile, sie ist gut für den Körper und die Gesundheit, auch wenn die gleiche Übung tagein tagaus recht öde ist. Aber bei den anderen beiden Elementen geht es im Wesentlichen nur um Disziplin und das Befolgen von Anweisungen.

Diese Art von Gehorsamkeitstraining ist nur ein Beispiel, das tief in der chinesischen Kultur verwurzelt ist und perfekt vom totalitären Regime für seine Zwecke genutzt wird. Sie dienen dazu, die Individualität zu unterdrücken und einen homogenen kollektiven Körper zu schaffen. Tatsächlich ist „kollektives Interesse“ ein Begriff, der von den Machthabern auf verschiedenen Ebenen in China häufig gebraucht wird.

Was als kollektive Interesse gilt, wird natürlich ausschließlich von ihnen bestimmt. In den meisten Fällen werden diese „kollektiven Interessen“, ob sie nun echt oder nur vorgetäuscht sind, auf Kosten der Rechte des Einzelnen und manchmal sogar auf Kosten seines Lebens durchgesetzt.

Das Wissen der Chinesen um ihre Rechte war schon immer niedrig, was hier auf einen Mangel an Aufklärung zurückgeht. In den 1990er Jahren und im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts gab es einige Fortschritte, aber in den letzten zehn Jahren hat sich die Situation wieder verschlechtert. „Rechte“ sind im heutigen China fast ein Tabuwort, vor allem wenn man sie einfordert oder sich auf sie beruft, um sich gegen die Regierung zu verteidigen, seien es Arbeitnehmerrechte, Frauenrechte, LGBT-Rechte, Gewerkschafts- und Demonstrationsrechte. Kommentare, die sich für Rechte einsetzen, werden zensiert, Konten in den sozialen Medien gelöscht, Organisationen, die in diesen Bereichen arbeiten, werden geschlossen, Anwälte und Aktivisten werden schikaniert und inhaftiert.

Eine von der Regierung geschürte Angst

Was das Coronavirus angeht, so propagiert Präsident Xi Jinping unermüdlich seine Null-Covid Politik. Die Beamten auf den verschiedenen Regierungsebenen sind sich bewusst, dass sie keine Wahl haben, als sie zumindest ordnungsgemäß umzusetzen, wenn nicht gar zu übertreiben, um ihre Loyalität unter Beweis zu stellen. Anderenfalls müssen sie die Konsequenzen tragen, womit auch ihre Karriere beendet ist. Auch die Bevölkerung weiß, dass sie sich fügen muss, wenn der politische Wille derart unmissverständlich zum Ausdruck gebracht wird. Andernfalls erwarten sie zahlreiche Strafen.

Das Stichwort lautet: Angst. Es mag zweifellos mutige Seelen geben, die versuchen, ihre Mitmenschen zum Widerstand zu bewegen, zum Beispiel gegen die unverhältnismäßig harten Coronamaßnahmen. Jedoch werden solche Versuche durch die allgegenwärtigen Sicherheitskameras in der realen Welt, und durch ein ausgeklügeltes Zensursystem und eine Armee menschlicher Kontrolleure in der virtuellen Welt, schnell aufgedeckt. Die Probleme, die von solchen wenigen Andersdenkenden entstehen, werden schnell und von der Mehrheit unbemerkt zerschlagen. Jegliche Hinweise auf sie, falls es je welche gab, werden schnell gelöscht, um die restliche Bevölkerung nicht noch anzustacheln.

Die Menschen, die Teil dieses Überwachungsapparates sind, repräsentieren, um es mit den Worten von Hannah Arendt zu sagen, die Banalität des Bösen. Einige von ihnen glauben möglicherweise sogar tatsächlich, dass sie dem Land damit helfen.

Ein Probelauf für mehr Überwachung?

Aber woher rührt Pekings Besessenheit mit Null-Covid? Der wahrscheinlichste Grund ist Xis Sorge vor sozialen Unruhen vor dem 20. Parteitag, auf dem er voraussichtlich seine dritte Amtszeit als Parteichef und Präsident antritt. Er betrachtet es als seinen persönlichen Erfolg, dass China die Coronasituation anfangs besser unter Kontrolle hatte als der Rest der Welt, und er will sich diesen Erfolg bis zur Sicherung seiner dritten Amtszeit bewahren.

Laut einer anderen Theorie sieht der Staat die Corona-Maßnahmen als eine Art Testlauf für eine noch stärkere Überwachung der Gesellschaft an. Diese Vermutung lässt sich nicht hinreichend begründen. Aber auch wenn dies nicht der Plan der Regierung ist, werden die Erfahrungen, die während der Pandemie gemacht wurden, sicherlich in der Zukunft genutzt werden.

Was die Frage angeht, warum alle hochrangigen Funktionäre und politischen Entscheidungsträger Xis Entscheidung folgen. Kurz gesagt, das ist seinem brillanten Umgang mit innerparteilichen Grabenkämpfen zu verdanken. Aber das ist eine andere Geschichte.

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