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Die Schneider der Roten Hauptstadt

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

„In China ist selbst die Kleidung politisch“, überschrieb ein Pekinger Monatsmagazin seine Titelgeschichte zur Mode in der Volksrepublik. Das traf vergangene Woche auch auf Parteichef Xi Jinping zu. Bei seiner Jubiläumsrede zur 100-jährigen Gründungsfeier der KP-China trug er die traditionelle Parteiuniform, die im Ausland Mao-Anzug genannt wird. Als Farbe wählte er ein helles Grau. 

Das Foto zeigt Mao mit grauem Anzug sowie Xi Jinping, der einen Anzug in den gleichen Farben trägt - es ist Parteijubiläum.
Dieses Foto einer japanischen Nachrichtenagentur zeigt den Blickwinkel, den Chinas Medien vermieden haben: Die beiden großen Vorsitzenden Xi und Mao im gleichen Anzug mit dem gleichen Farbton.

Xi stach durch sein Outfit aus der Gruppe ranghoher Funktionäre hervor, die ihn in westlichen Anzügen, weißen Hemden und roten Krawatten flankierten. TV-Kameras übertrugen seinen Auftritt vom Balkon des Tiananmen-Tores. Doch sie vermieden, das unter ihm am Tor hängende, sechs Meter große Porträt von Mao Zedong mit ins Bild zu bringen. Es zeigt den Diktator im hellgrauen Mao-Anzug. Die Gleichheit von Kleidung und Farbe erschien selbst den Propagandisten offenbar als zu dick aufgetragen.

„Grau war Maos Lieblingsfarbe“, verriet mir einst Gao Limin, Chef-Couturier des Pekinger Schneiderhauses Hongdu 红都, (Rote Hauptstadt), das unweit des Tiananmen-Platzes seinen Sitz hat. Die staatliche Manufaktur ist Hoflieferant für Chinas Führung. Gao hat sich auf die Herstellung von Mao-Anzügen spezialisiert. Er lernte beim legendären Meister Tian Atong (田阿桐), der seit 1956 alle Anzüge für Mao zuschnitt. „Der Vorsitzende trug sie zu allen Anlässen. Grau war die von ihm verlangte Farbe, ein helles Grau im Sommer und ein dunklerer Ton im Winter„, erinnert sich der frühere Protokollchef im chinesischen Außenministerium, Ma Baofeng

Xis Imitat fiel auf. Er setzte für seine Botschaft, ein zweiter Mao zu sein, „einen politischen Punkt“, kommentierte die Webseite „Duowei News“. Zugleich demonstrierte er, dass er sich von der westlichen Welt unterscheidet.  

Die Symbolik der Taschen und Knöpfe

Das hatte 100 Jahre vor ihm – aber nach innen gerichtet – schon der Gründer der ersten Republik Sun Yatsen (1866-1925, anderer Name: Zhongshan) vorgemacht. Der Mao-Anzug, der nur im Ausland so heißt, während er in China nach dem bürgerlichen Revolutionär Zhongshan-Kleidung (中山装) genannt wird, wurde von ihm mit entworfen.

Sun wollte, dass sich Chinas Männer und Frauen als äußerliches Zeichen für das Ende der feudalen kaiserlichen Herrschaft auch von ihren wallenden Gewändern, ihren Zöpfen und gebundenen Füßen befreiten. Nach seinen Ideen soll um 1912 der erste neue Ausgeh-Kittel entstanden sein, mit vier Außentaschen und einem modernen Stehkragen, der später umgestülpt wurde. Pate dafür haben Japans Kadettenkleidung und preußische Uniformen gestanden.  

Im Design verbergen sich symbolische Bedeutungen, so lautet bis heute die Mär. Schließlich sollte der neue Ausgeh-Kittel mit seinen Taschen und Knöpfen die Staatsangestellten schon beim Anziehen daran erinnern, für wen, wie und wozu sie der Republik dienten.  

Danach symbolisieren die drei Manschettenknöpfe Suns Programm der drei Volksprinzipien: Volkswohl, nationaler Volksstaat und die Volksherrschaft. Die vier Taschen auf der Jacke sollen an konfuzianische Staatstugenden erinnern. Die fünf zentrierten Knöpfe und die Innentasche stünden für Verfassungsrechte, Gewaltenteilung und Kontrolle gegen Machtmissbrauch.    

Im Jahr 1929 erhob Kuomintang-Präsident Tschiang Kai-schek den Anzug zur Amtstracht. Mao, der sich als Vollender von Suns Revolution sah, schlüpfte ebenfalls hinein, als er 1949 die Volksrepublik ausrief. Während der Anzug nach Vorstellung von Sun für Vielfalt und demokratische Selbstbestimmung stand, funktionierte ihn Mao zur Einheitskluft des chinesischen Kommunismus um, die bald „Renminfu“ (Volkskleidung) genannt wurde.  

Proletarier-Jacke in Luxusversion

Zu besonderen Anlässen trägt seither auch Xi den Mao-Anzug. 2019 zog er ihn etwa zur Feier des 70. Gründungstags der Volksrepublik China an. Viel eleganter präsentierten sich der Präsident und seine Frau Peng Liyuan beim Staatsbankett als Gäste der niederländischen Königsfamilie 2014. Xi hatte sich dafür den Anzug taillieren, den Stehkragen umstülpen und nur drei, statt vier Taschen nähen lassen. Die Galakleidung erregte in China Aufsehen. 

Xi Jinping Kleidung zum Staatsbankett bei der niederländischen Königsfamilie 2014
Chinas Einheitstracht mal anders: Präsident Xi Jinping und seine Frau Peng Liyuan im maßgeschneiderten Mao-Anzug und bestickter chinesischer Abendrobe als Gäste beim Staatsbankett der niederländischen Königsfamilie 2014. Ausriss aus Beijing News vom 24. März 2014.

Etwa 20 Tage braucht Schneider Gao, um in rund 60 Arbeitsgängen einen Mao-Anzug herzustellen. Die vier Taschen vernähe er zuerst von innen und dann von außen. Das Futter des Anzugs sei am teuersten, weil sich für die Luxusausführung nur importiertes, feines Tuch von besonderer Elastizität eigne. Technisch am schwierigsten sei das Zuschneiden von Ärmel und Kragen. 

Unter Hofschneidern, die im Zentrum der Macht ein- und ausgehen, kursiert ein politischer Sprachwitz: „Lingxiu hen bu hao zuo.“ (领袖很不好做) Wörtlich heißt das: „Es ist sehr schwierig, Kragen und Ärmel zu schneidern.“ Gleich ausgesprochen, aber mit anderen Zeichen geschrieben, bedeutet der Spruch: „Ein Führer zu sein, ist sehr schwierig.“  

Für den früheren Parteichef Hu Jintao, der sich 2009 zum 60-jährigen Jahrestag der Volksrepublik einen besonderen Anzug bestellte, ließ sich Gao mehrere Innovationen einfallen. Er schnitt auf Taille, legte den Kragen enger und rundete die Jackentaschen ab. „Nach Hus Auftritt legte unser Haus eine Spezial-Sammleredition mit 100 Kopien in unterschiedlichen Größen auf.“ Aus Seidenstoffen und mit Knöpfen aus Hetian-Jade waren die mehr als 2200 Euro teuren Anzüge rasch ausverkauft. 

Für die Manufaktur „Rote Hauptstadt“ kam 2009 solche Werbung mehr als recht. Ihr Ruf verblasste, nachdem sich Chinas Modemarkt den ausländischen Meistern öffnete und boomte. Auf die Edelmarken Pierre Cardin und Yves Saint-Laurent folgten Hugo Boss, Ralph Lauren, Brioni und dann die Japaner. Heute, so meldete „China Daily“ Ende Juni, mache Chinas Textil- und Schuhproduktion ein Viertel des Weltmarktes aus. Doch derzeit würden Chinas Verbraucher wieder zum Kauf einheimischer Marken zurückkehren. „Patriotismus spielt dafür eine wichtige Rolle“, behauptet „China Daily“ und verweist als Grund auf die Boykotte westlicher Firmen von H&M bis Nike, die wegen des Vorwurfs der Zwangsarbeit keine Baumwolle mehr aus Xinjiang beziehen.  

Dank Xi Jinpings demonstrativer Vorliebe für den Mao-Anzug und den Winkelzügen chinesischer Propaganda versucht Pekings Politik nun, im Modemarkt neuen Fuß zu fassen.   

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