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Die Rückkehr der Danwei 2.0

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Mehr als 90 Prozent aller Stadtbewohner Chinas gehörten nach 1949 einer Danwei (单位 = Arbeitseinheit) an. Sie galt als Grundpfeiler der sozialistischen Planwirtschaft. Fabriken, Behörden, Wohngebiete, Krankenhäuser, Schulen oder Universitäten waren jeweils eine Danwei. Sie garantierte jedem, der ihr angehörte, neben dem lebenslang sicheren Arbeitsplatz auch ein Mindestmaß an medizinischer Betreuung und sozialer Rundum-Versorgung.

Die Danwei nannte sich „klein aber umfassend“ (小而全), war für alles zuständig, von der Beschaffung einer Wohnung bis zum Krippenplatz. Ihre Administration bewilligte Ehen oder Scheidungen. Durch Chinas marktwirtschaftliche Reformen ab 1978 verlor die Danwei ihre sozialen und amtlichen Befugnisse. Der Partei diente sie einst als unterste Verwaltungseinheit für politische Schulungen, Überwachung und Mobilisierung der Basis. Diese Rolle will Pekings Führung jetzt neu aufleben lassen als Teil ihrer Re-Ideologisierung der Gesellschaft.

Als Parteichef Xi Jinping vergangenen September in Peking den Sieg Chinas über die Covid-19-Pandemie feiern ließ, lobte er nicht nur sich selbst und seine KP dafür. Er nannte eine Zahl, die aufhorchen ließ. Beigetragen hätten auch „mehr als vier Millionen Beteiligte auf kommunaler Ebene (社区工作者), die Tag und Nacht Wache hielten.“ Xi meinte die lokalen Nachbarschafts-Komitees, Überbleibsel der verflossenen Danwei aus planwirtschaftlichen Zeiten.

Xi lobte die „kommunale Ebene“ im Kampf gegen Covid-19

Peking hatte zur Abwehr der Infektion eine Armee aus Blockwarten und anderen Aufpassern in den städtischen Wohnvierteln mobilisiert. Ausgestattet mit Sondervollmachten verriegelten die Männer und Frauen für den angeordneten vollständigen Lockdown alle Eingänge zu Gebäuden und Häusern, kontrollierten sie Tag und Nacht und organisierten eine von außen gelieferte Versorgung der Bewohner. 

Chinas Kommunisten hatten nach ihrem Sieg und der Gründung der Volksrepublik 1949 das sogenannte Danwei-System in allen Städten aufgebaut. Es fußte auf dem Gemeineigentum und Maos utopischen Sozialismus-Ideen über eine egalitäre Verteilung. Vorbilder für den Aufbau der Arbeitseinheiten in den Städten der Volksrepublik wurden sowohl die Erfahrungen der Verwaltung in den Revolutionsgebieten von Yan’an, als auch die Einflüsse traditioneller konfuzianischer Kultur, die den Einzelnen in den kollektiven Verband der Großfamilie einordnete. Das schreiben Zhou Yihu und Yang Xiaoming in ihrem Standardwerk „Das chinesische Danwei-System“ (中国单位制度). Die sozialistische Danwei verwaltete ausschließlich die Stadtbewohner. Daher erfasste sie nur zehn bis 28 Prozent aller Chinesen in einer Zeit, als 80 Prozent der Bevölkerung noch als Bauern auf dem Land lebten. 

Standartwerk "Das chinesische Danwei-System" von Zhou Yihu und Yang Xiaomin
Die Soziologen Zhou Yihu und Yang Xiaomin schrieben 1999 ein Standardwerk über „Das chinesische Danwei-System“, als sich das Relikt der Planwirtschaft gerade auflöste. Nun scheint es in China wieder im Kommen zu sein.

Das Buch der beiden Soziologen erschien 1999 und stellte die Danwei zwei Jahrzehnte nach Beginn der chinesischen Wirtschaftsreformen „als ein System in Auflösung“ vorDer Aufschwung der Privatwirtschaft und die erstmals erlaubte Freizügigkeit beim Reisen hatte Hunderte Millionen Bauern auf Arbeitssuche in die Städte strömen lassen. Fabriken und Institute trennten sich von allem früheren Danwei-Balast, wie den unproduktiven sozialen Fürsorgeleistungen. Die Arbeitseinheiten garantierten nicht mehr den ewigen Arbeitsplatz. Nach 2003 verlor sie auch alle amtlichen Funktionen. Chinesen wurden aus ihrer Unmündigkeit entlassen und durften selbst – ohne schriftliche Befürwortung einer Danwei – für sich Reisepässe beantragen, heiraten oder sich scheiden lassen.

Der Staat zog sich aus seiner Einmischung und Kontrolle des Privatlebens der Chinesen fast völlig zurück, der haushaltsüblich verbreitete Name verschwand. Vom früheren Danwei-System blieben bald nur noch die Nachbarschaftskomitees übrig, die Aufsicht über die Wohnviertel und die öffentliche Ordnung führten und noch mithalfen, die Durchsetzung der verordneten Einkind-Familienpolitik zu überwachen.

Nun scheint das Relikt der Planwirtschaft in China wieder im Kommen zu sein. Seit dem Amtsantritt von KP-Chef Xi versucht seine Partei Teile des Systems erneut zu beleben und sich auf der Lokalebene besser zu verankern. 2019 ließ sich der Pekinger Professor Zhou Wang von einem Nachbarschaftskomitee als „Danwei-Ren“ rekrutieren, als neuer Mitarbeiter. Seine Aufgabe ist, das Management der Nachbarschaftsgemeinschaft zu optimieren.

Neue „Danwei-Ren“ als rote Blutkörperchen des Staatsapparats

Zhou, selbst ein KP-Mitglied, schildert in einem Aufsatz für das Magazin Caixin: „Warum China sein Danwei-System entstaubt?“, dass die Partei wieder mehr Einfluss auf die lokale Ebene ausüben will. „Die Rückkehr des Danwei-Ren in das Community-Management ist Teil einer breit angelegten Initiative, um die Reichweite der Parteiorganisationen auf die lokale Ebene zu intensivieren.“ Die dazu eingestellten „Danwei-Ren“ würden die „roten Blutkörperchen des Staatsapparats genannt, die den Willen und die Interessen der Partei wie Sauerstoff zu den verschiedenen lokalen Verwaltungsorganen transportieren.“ Die „Danwei-Ren“ bildeten „ein großes Netzwerk und sind ein Pool von Ressourcen, auf die die Partei zurückgreifen kann.“

Parteichef Xi, der sich die Re-Ideologisierung Chinas und absolute Parteiherrschaft auf seine Fahnen geschrieben hat, setzt zugleich auf die Anwendung von Hightech, um moderne Kontrollsysteme zu institutionalisieren, die ihm und seiner KP die Überwachung und Mobilisierung der Bevölkerung besser ermöglichen. Seit 2014 ist Peking dabei, ein Bonitätssystem mit Sozialkreditpunkten zu entwickeln, über das die Kredit- und Vertrauenswürdigkeit jedes einzelnen Chinesen, seiner Familie, aber auch jedes Wirtschaftsunternehmen oder Institution gemessen werden können: Blitzschnell und unvergleichlich effizienter als es die alte Danwei-Administration bewerkstelligte.

Der Pekinger Philosoph Zhao Tingyang warnt in seinem Buch „Über das Tianxia-System“ (Alles unter dem Himmel, Suhrkamp 2020), dass die Menschheit in Gefahr ist, sich weltweit und auch noch freiwillig einer zukünftigen „Service-Diktatur“ und ihrer Kontrolle auszuliefern. „Es handelt sich um eine völlig neue Form von Diktatur.“ Ohne konkret China oder das Danwei-System zu nennen, (wohl aber auf sie anzuspielen) schreibt er: Die Menschheit sei durch „die Verbindung von Biologie, künstlicher Intelligenz (KI) und sozialen Netzwerken“ mit „einigen hochriskanten Dingen zu Gange.“

Weil die technischen Systeme „jedermann einen Top- und Rundum-Service bieten“, akzeptieren dessen Nutznießer, dass sie die „Informationen jedes Menschen sammeln und überwachen“ und ihn in eine „unauflösbare Abhängigkeit“ führen. Die Menschen würden sich „freiwillig kontrollieren lassen, weil sie das Gesamtpaket der vom technologischen System bereitgestellten Service-Leistungen benötigen.“

China führt in diesen KI-Technologien. Sie liefern das perfekte Setting für die Neuauflage eines Danwei-System 2.0. 

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