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Die Magie der chinesischen Zahlen

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling: Er schreibt dieses Mal über die Magie Chinas großer Zahlen.

Chinas Zahlen wecken schönste Fantasien. 1937 machte Carl Crow seinen amüsanten Ratgeber über Geschäfte im Reich der Mitte dank seinem Titel „400 Millionen Kunden“ zum Bestseller. Auch Australiens Ross Terrill gelang 1971 ein Verkaufshit. Er hatte sein Buch nur „800 Millionen“ genannt. Immer, wenn Peking mit dreistelligen Nummern lockt, lösen sie selbst bei nüchternen Zeitgenossen wie etwa die Sportmanager Karl-Heinz Rummenigge oder Thomas Bach pawlowsche Reflexe aus.

Wie viele Menschen leben in China? Nach dem von Peking alle zehn Jahre durchgeführten Zensus, für den sieben Millionen Volkszähler (zuletzt 2020) alle Haushalte landesweit aufsuchten, waren es 1,4 Milliarden.
Wirklich? Selbst ein Mao Zedong zweifelte einst. Als ihn US-Reporter Edgar Snow am 9. Januar 1965 fragte, wie groß die Bevölkerung in der Volksrepublik sei, verriet ihm der Große Vorsitzende ein Staatsgeheimnis: Ihm sei gesagt worden: „680 bis 690 Millionen.“ Aber das glaube er nicht: „Wie können wir so viele sein?“. Mit Statistiken sei es so eine besondere Sache. Bauernfamilien hätten Vorteile, wenn sie nur ihre Geburten meldeten, aber nicht alle Todesfälle.

Chinesische Zahlen werden daher oft mit dem Zusatz versehen „左右“ (links und rechts), seien also nur eine „ungefähre“ Annäherung an die Wirklichkeit. Doch es sind gerade die Superlative, die Ausländer vom Potenzial Chinas und seines Marktes schwärmen lassen.

Das gilt auch für den Sport. Anfang 2017 lud der FC Bayern München uns Korrespondenten zur Eröffnung seiner China-Vertretung in das „German Centre“ Shanghai ein. Vereinschef Karl-Heinz Rummenigge erklärte, warum sein Klub so spät in China Fuß fasse, wo doch Barcelona, Real Madrid oder Manchester United längst Flagge zeigten: Dafür habe er einen guten Grund: Seine Bayern hätten es inzwischen auf „136 Millionen Fans“ in Chinas Sozialmedien gebracht. Nun könnten sie loslegen und für „nachhaltiges Grundrauschen“ sorgen. Rummenigge sagte nicht, wie er zu den Zahlen kam. Statistisch würde sich demnach jeder zehnte Chinese für den deutschen Rekordmeister begeistern. Von so einem Verhältnis wagt der FC zu Hause nicht mal zu träumen. Mit Stand 1. Februar 2022 zählte der Verein in Deutschland 358.399 klubregistrierte Mitglieder.

Die Magie, die von Chinas schieren Massen ausgeht, wirkte auch auf IOC-Chef Thomas Bach. Nachdem er 2015 Präsident Xi Jinping getroffen hatte, erzählte er überall, Xi wollte 300 Millionen seiner Landsleute bis zum Start der Winterspiele 2022 zu aktiven Fans von Eis und Schnee machen. Bach verbreitete überall diese frohe Botschaft, als handelte es sich um die Missionierung von Ungläubigen.

Xi hielt tatsächlich Wort. Beim virtuellen Austausch von Neujahrsgrüßen mit Bach meldete er am 25. Januar 2022 Vollzug: Es sei gelungen. „Schon früh, während wir uns noch um die Austragung bewarben, habe ich Ihnen einst gesagt: Für China ist es das größte Ziel dieser Winterspiele, 300 Millionen Menschen dazu zu bringen, am Eis- und Schneesport teilzunehmen. (早在申办时,我就提出,中国这次办奥的最大目的,就是带动3亿人参与冰雪运动). Bach reagierte beglückt: Damit werde eine neue „Ära für den globalen Wintersport eröffnet… Das ist eine großartige Leistung Chinas, wie sie nie vorher zu sehen war.“

Auch Thomas Bach, dessen Büste im Beijing Dongsi Olympischen Park steht lässt sich von der Magie Chinas Zahlen beeindrucken.
Peking ließ aus Dank für die Winterspiele Mitte Januar für IOC-Chef Thomas Bach ein zwei Meter hohes Denkmal mit einer 72-Zentimeter -Bronzebüste von ihm im „Beijing Dongsi Olympischen Park“ (东四奥林匹克社区公园) aufstellen.

Peking umgarnte Bach nach allen Regeln chinesischer Aufmerksamkeit. Zuerst ließ es Mitte Januar dem IOC-Chef ein zwei Meter hohes Denkmal mit seiner 72 Zentimeter Bronzebüste im „Beijing Dongsi Olympischen Park“ (东四奥林匹克社区公园) aufstellen. Ebenbürtig steht dort Bach als Dritter im Bunde neben seinen Vorgängern Rogge und Samaranch. Bei der Einweihungsfeier hieß es, Bach hätte zum zweiten Mal Chinas Hauptstadt den „Glanz der Spiele“ beschert.

Als dritte Überraschung meldete Xinhua am 12. Februar, dass China nach guter sozialistischer Tradition seinen Plan übererfüllt habe: Xi hätte einst 300 Millionen Wintersportfans zugesagt. Doch Ende Januar waren es – nach Angaben des Statistischen Amtes – „mehr als 346 Millionen Chinesen, die sich seit 2015 an Wintersport -Aktivitäten beteiligten.“

Das IOC meldete die Zahlen triumphierend in seiner Presseerklärung: China hätte „seine einst ehrgeizige Zielmarke der 300 Millionen gerissen“ („smashed“). Dazu rundete es eine weitere Rekordzahl großzügig nach oben auf: „In fast 3.000 Schulen Chinas wurde Wintersport ins Curriculum übernommen. Doch Chinas „Volkszeitung“ hatte anderntags erst von „mehr als 2.000 Schulen“ geschrieben.

Auch während der Olympischen Winterspiele 2022 in China sind große Zahlen und ihre Magie präsent.
Chinas Traum steht auf der 2015 aufgestellten Mauer-Wandtafel direkt vor dem Dorf Taizicheng (太子城) im Distrikt Chongli. Das Dorf ist als Austragungsort der Winterspiele komplett ausgebaut, mit Highspeed-Bahnhof. Auf der Wandtafel vor den kahlen Bergen steht der Traumwunsch: „Wir wollen Chinas Davos werden.“
Auch während der Olympischen Winterspiele 2022 in China sind große Zahlen und ihre Magie präsent.

Kein Wunder, dass vom IOC kein kritisches Wort über die Spiele zu hören ist. Dabei hätte ihm etwas mehr Skepsis gegenüber den Zahlen gut angestanden. Selbst Staatsmedien, wie die englischsprachige China Daily hielten Distanz. Sie berichtete, dass das Statistische Amt von Oktober an gerade 40.100 Menschen befragen ließ. Die Ergebnisse, so China Daily, „legen nahe“ („suggests“), dass 346 Millionen Menschen für den Wintersport gewonnen wurden. Ausländische Medien warnten direkter, Chinas Erfolgsmeldungen besser zu hinterfragen. Der britische Economist schrieb von einer „Lawine an Risiken, die Chinas Ski-Industrie bedrohen.“ Investoren hätten „Berge an Geld in das Schnee-Business gesteckt. Wird es wegschmelzen?“

Glänzende Augen angesichts chinesischer Zahlen bekamen einst auch die internationalen Veranstalter für Box-Weltmeisterschaften in Peking ebenso wie die Ausrichter von Formel-Eins-Rennen, für die Shanghai eine extravagante Arena baute. Am wildesten hypte das In- und Ausland aber den Fußball. Präsident Xi hatte für Chinas Image das Kicken zur Staatsaufgabe erklärt und verlangte den Aufstieg der Nation bis 2050 zur Weltfußballmacht. Er ließ 2015 eine „Zentrale Leitungsgruppe Fußballreform“ gründen, um Fußball ins Curriculum für Grund- und Mittelschulen aufzunehmen. Xi verlangte, den Sport an 50.000 Schulen einzuführen und landesweit 60.000 Fußballplätze zu bauen.

kickenden Staatschef Xi Jinping, der bevor er Chinas Wintersportfieber startete, das Fußballfieber anheizte -  mit der Magie von Zahlen möchte er es weiter befeuern.
Sport als Politikaufgabe: Chinesische Karikatur vom kickenden Staatschef Xi Jinping, der bevor er Chinas Wintersportfieber startete, das Fußballfieber anheizte.

Geld floss in Strömen für den Import und die Ablöse internationaler Fußballstars und Trainer. Superreiche Konzernchefs von Alibaba, Wanda bis Evergrande kauften sich für Milliarden US-Dollar in über drei Dutzend illustrer Fußball-Klubs im In- und Ausland ein oder übernahmen sie ganz. Fast alle Klubs sind heute mit Verlust wieder verkauft worden. Der Aufbruch endete in einer Pleite. Seit Peking 2015 die „Zentrale Leitungsgruppe Fußballreform gründete, sind sieben Jahre vergangen. Unglücklicherweise ist von all ihren Vorhaben kaum etwas anderes geblieben, als die Nachricht ihrer Gründung, so, als ob es sie nie gegeben hätte“, schrieb die Online-Webseite „Duowei Xinwen.“ 今天,距离中国足球改革领导小组成立已经过去了7年,很遗憾,除了成立,很难再查到任何消息,仿佛不曾存在一般.

Chinas Magie der großen Zahlen gepaart mit noch größeren Versprechungen zieht immer wieder Leichtgläubige in ihren Bann. Das gilt auch für Geschäftsleute und Investoren. Westliche Großunternehmer versuchten auf ihre Weise nachzuhelfen, damit die Zahlen für sie zumindest stimmen. Unter dem Namen „Öl für die Lampen Chinas“ ließ etwa John D. Rockefeller von seinem Konzern, „Standard Oil“ nach 1900 mehr als zehn Millionen Chinesen Kerosin-Öllampen umsonst oder für wenige Cents liefern. Dann exportierte und verkaufte er ihnen teures Lampenöl, auf das er das Monopol hatte.

Fast 100 Jahre später kopierte der anglo-holländische Mischkonzern Unilever das Geschäftsmodell. Er verschenkte an Zehntausende Läden in Chinas Großstädten Eistruhen, mit der Auflage, darin nur sein Wall’s Eiscreme (in Deutschland als Langnese bekannt) zu verkaufen. Unilever belieferte sie im Franchising aus seinen Eis-Joint-Ventures in China.

Wie bei Rockefeller ging die Rechnung auch für Unilever auf, aber nur solange, bis zahllose Konkurrenten ihnen das Leben schwer machten. Ebenso schnell verlieren Chinas große Zahlen ihre magnetische Kraft, wenn die Bedingungen nicht mehr stimmen. Oder, wenn sie wie im Fall der Sportfunktionäre von Anfang an nicht stimmten.

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