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Die große Gerüchteküche

Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Chinas Führung reagiert auf die hohe Ansteckungsgefahr durch die Omikron-Variante mit radikalen Lockdowns des öffentlichen Lebens. Wie einst in Wuhan musste sich in Dutzenden Städten seit Frühjahr jeder vierte Chinese – bislang mehr als 350 Millionen Menschen – für unterschiedlich lange Zeiten isolieren und einsperren lassen. Nur dank des Internets können sich die Betroffenen bislang mit Essen und lebensnotwendigen Gütern mehr schlecht als recht versorgen. Sie nutzen zugleich die neue virtuelle Realität, um ihren Unmut offen kundzutun.

Ein Beispiel dafür: Abergläubische Pekinger dachten am 4. März sofort an ein böses Omen, manche hofften sogar darauf. Einen Tag vor Eröffnung der jährlichen Parlamentssitzung des Volkskongresses verbreitete sich online die Nachricht über einen sonderbaren Vorfall. Im Taihedian (太和殿), der Halle der Höchsten Harmonie im Kaiserpalast, einst das Zentrum der imperialen Macht, war das Eingangstor umgekippt. Ein Wirbelsturm hätte das wuchtige Portal eingedrückt. Verwackelte Handyaufnahmen zeigten das riesige Holztor am Boden liegen.

Für die einen war es ein althergebrachtes Zeichen, wenn Chinas Herrschern das Mandat des Himmels entzogen wurde und sich ein Wechsel der Dynastie ankündigt. Parteichef Xi Jinping wird zwar in vielen Online-Beiträgen über den Vorfall nicht direkt genannt, aber auf ihn mit seinem Spitznamen „Teigtasche“ (包子) krude angespielt.

Es war eines von den derzeit vielen Gerüchten (谣言), die sich in Chinas Internet ein Katz und Maus-Spiel mit der Zensur liefern. Viele Blogger nutzen raffinierte Wortspiele für politische Witze. Das war auch beim umgefallenen Tor so. Immer wieder verhöhnen Blogger die Abgeordneten des Volkskongresses als willfährige Sprücheklopfer, die „viel Wind machen“ (吹风), um der chinesischen Führung zu schmeicheln. Da sich am 4. März Tausende Delegierte in Peking einfanden, hätte ihr gemeinsames Gepuste sogar das mächtige Kaiserpalast-Portal zum Einsturz gebracht.

Weitverbreiteter Frust über Lockdowns

Dabei spielt es keine Rolle, ob das Tor wirklich umfiel. Die Videoclips wirken getürkt; in Peking kam es an dem Tag zu keinen anormalen Wetterphänomenen. Die Nachricht war wohl eine Fake-News (假新闻). Aber sie bot sich an, um den weitverbreiteten Frust über die derzeitigen Zustände in den Städten unter Lockdown abzulassen. 

In der von Despoten beherrschten unfreien Gesellschaft Chinas, gab es für heimlichen politischen Klatsch und Tratsch einst einen eigenen Begriff, die Xiaodao Xiaoxi (小道消息), was wörtlich bedeutet„Nachrichten, die über den kleinen Weg gehen.“ Gelehrte und Kaufleute trafen sich in ihren Höfen und tuschelten über Skandalöses im öffentlichen Leben oder am Kaiserhof. Das renommierte chinesische Magazin „Geschichte“ (看历史) veröffentlichte 2010 ein Sonderheft, wie die Xiaodao Xiaoxi zu explosiven Gerüchten anwuchsen und politische Entwicklungen beeinflussten – sowohl für feudale Herrscher wie später für Maos Kommunisten nach Gründung der Volksrepublik (小道消息:影响中国的谣言).

Zuhause und heimlich trafen sich im 19. Jahrhundert Kaufleute oder Gelehrte zu politischem Klatsch und Tratsch. Aus manchen kleinen "Xiaodao Xiaoxi" (Nachrichten über kurze Wege) wurden große Gerüchte, die China immer wieder erschütterten. Die Zeitschrift "Geschichte" widmete dem Phänomen eine Sonderausgabe.
Zuhause und heimlich trafen sich im 19. Jahrhundert Kaufleute oder Gelehrte zu politischem Klatsch und Tratsch. Aus manchen kleinen „Xiaodao Xiaoxi“ (Nachrichten über kurze Wege) wurden große Gerüchte, die China immer wieder erschütterten. Die Zeitschrift „Geschichte“ widmete dem Phänomen eine Sonderausgabe.

So verbreiteten die Menschen etwa im Frühjahr 1891 in Ostchinas Stadt Yangzhou empörende Gerüchte, wonach christliche Missionare chinesische Kleinkinder umbrachten, um aus ihren Augen Medizin oder Silber zu gewinnen. Sie führten zum „heiligen Krieg“ gegen Missionare, Ausländer und chinesische Christen. Früher schon hatten Anhänger der konfuzianischen Lehren mit pseudo-religiösen Wahnvorstellungen gegen sie mobil gemacht. Pamphlete dämonisierten schon die Jesuiten um Matteo Ricci als Alchemisten, die dafür angeblich Chinesen umbrachten.

Gerüchte gefährdeten politische Stabilität

Gerüchte konnten die politische Stabilität zerstören, wenn die sozialen Widersprüche in der Gesellschaft ausgeprägt waren. Nur über offene Informationen hätten sie entschärft werden können, zieht die Zeitschrift ein Fazit. Das gilt unverändert bis heute, wo Gerüchte, Fake-News und Witze Ausdruck eines tief sitzenden Unmuts über die Verhältnisse sind.

Peking nimmt das so ernst, dass es nicht nur mit der üblichen harschen Unterdrückung und Ausweitung der Zensur reagierte. Neben Covid-19 müsse sich China vor der Gefahr einer „sekundären Epidemie“ hüten, die über Gerüchte weiterverbreitet wird. Parteichef Xi ließ schon am 29. August 2018 eine ZK-Kommission für Cyberraum und Informationstechnologie gründen (中央网络安全和信息化委员会), um (vermeintliche) Gerüchte richtigzustellen (辟谣平台). Nach ihrer Webseite seien bis heute mehr als 30.000 Gerüchte angezeigt worden, von denen 9.000 mit einem roten Stempel „Falschmeldung“ gekennzeichnet wurden.

Partei und Staat entscheiden, was Fake-News sind oder was ein Gerücht ist. Doch immer absurdere Verschwörungstheorien (阴谋论) gehen nicht von Bloggern aus, sondern von Parteibehörden wie dem Außenministerium. Dort machte sich der Außenamtssprecher Zhao Lijian einen Namen als „Wolfskrieger“, nachdem er die Schuld am Coronavirus-Ausbruch den USA in die Schuhe schob und Washington auch unterstellte, an angeblichen Experimenten zur Herstellung biochemischer Waffen in der Ukraine beteiligt zu sein. Zhao trug so dick auf, dass ihn – trotz seiner Appelle an den Patriotismus – chinesische Blogger mittlerweile selbst zur Zielscheibe ihres Hohns machen.

Im Internet tauchen (vielleicht sind es Fotomontagen) solche Fotos von Protestaktionen vermehrt auf. Sie verhöhnen einen besonders aggressiven und als "Wolfskrieger" bekannten Sprecher des Pekinger Außenministeriums, der wie sein Staatschef Xi behauptet, dass China weltweites Vorbild in der Pandemiebekämpfung ist, während das westliche Ausland im Chaos versinkt.
Im Internet tauchen (vielleicht sind es Fotomontagen) solche Fotos von Protestaktionen vermehrt auf. Sie verhöhnen einen besonders aggressiven und als „Wolfskrieger“ bekannten Sprecher des Pekinger Außenministeriums, der wie sein Staatschef Xi behauptet, dass China weltweites Vorbild in der Pandemiebekämpfung ist, während das westliche Ausland im Chaos versinkt.

Im Netz finden sich alle Formen von Anspielungen auf den inkompetenten Umgang der Partei mit der Pandemie. Ein Blogger setzte in einer Fotomontage eine Schnecke auf eine Rasierklinge und schrieb darunter: „Vorwärts kann sie nicht, rückwärts auch nicht. Auf der Stelle verharren, ist keine Option.“

Das Internet ist heute die große Gerüchteküche. Politische Witze (Duanzi) in Wort und Bild verbreiten sich über Chats, werden über das eigentlich verbotene Twitter geteilt.
Das Internet ist heute die große Gerüchteküche. Politische Witze (Duanzi) in Wort und Bild verbreiten sich über Chats, werden über das eigentlich verbotene Twitter geteilt. Witz gegen Chinas Führung und ihren Kampf gegen die Covid-19 Pandemien, mit dem sie sich nur ins eigene Fleisch schneidet: Unter der Schnecke steht: „Sie kann nicht voran, sie kann nicht zurück und kann auch nicht lange da bleiben, wo sie ist.“

Fantasie bewies ein anderer Blogger, der die berühmte Wolkenkratzer-Silhouette von Pudong zum Gemüsearrangement verfremdete als sein Vorwurf an die Behörden, Shanghais Bürger im Lockdown ungenügend zu versorgen.

Die politischen Witze sind virtuelle Ohrfeigen für Xi, der sich, die Partei und sein überlegenes sozialistisches System ständig selbst lobt, wie vorbildlich sie die Pandemie bekämpft haben im Vergleich zum Chaos im Westen.

Duanzi-Witze im Netz. Wahnhoffnung der 25 Millionen Shanghaier Bürger im Lockdown, wo es an allem fehlt. Die mit Wolkenkratzern hypermoderne Hightech-Skyline von Shanghais Pudong wäre vielen jetzt als Gemüsebeet lieber.
Duanzi-Witze im Netz. Wahnhoffnung der 25 Millionen Shanghaier Bürger im Lockdown, wo es an allem fehlt. Die mit Wolkenkratzern hypermoderne Hightech-Skyline von Shanghais Pudong wäre vielen jetzt als Gemüsebeet lieber.

Die Blogger wehren sich dagegen mit ihren Witzen. In den vergangenen Tagen erschienen in Peking tägliche Online-Sammlungen politischer Witze unter dem Stichwort „Pekinger Pointen vom gestrigen Tag“. (昨天北京人的段子). Da werden, solange die Pekinger noch einkaufen gehen können, Überlebenslisten für Nahrungsmittel geteilt und was man aus den Erfahrungen der vom Lockdown überrumpelten, einst so hochnäsigen Shanghaier lernen kann: „Pekinger: Kauft Euch Eistruhen, damit ihr einen zweiten Kühlschrank zur Sicherheit habt.“

Ähnliche virtuelle Massenreaktionen wie zurzeit in Shanghai und Peking habe ich bereits 2003 miterlebt, als Chinas Führung die damalige Vorgängerseuche Sars zuerst abstritt und dann so wie 2020 in Wuhan verschleiern ließ. Erst als es nicht mehr anders ging, ließ Peking das ganze Land zur Abwehr von Sars mobilisieren.

Die Bevölkerung geriet damals im Internet außer sich vor Zorn. Die Partei tolerierte anfangs ihre virtuelle Kritik, nutzte sie als Ventil für die Emotionen und bestrafte einige höhere Funktionäre. Nach wenigen Monaten war alles vergessen. Chinas KP drehte nun den Spieß um, erklärte sich zum Sieger daraus und rechnete mit Aktivisten ab.

Virtuelle Massenwut und Solidarität mit den Opfern entluden sich in den vergangenen zwei Jahren immer wieder. Online-Gefühlsausbrüche „halten nie lange an. Sie führen auch nicht zu Widerstandsaktionen in Chinas realer Welt“, schreibt China-Experte James Palmer, Herausgeber des China Policy Brief: „Blogger gehen mit ihren Online-Postings ein mildes Risiko ein. Proteste im realen Leben aber sind unter der Herrschaft Xis noch gefährlicher geworden.“

Zumindest verrät der von den Lockdowns ausgelöste Massenunmut im Netz, wie es um die wirkliche Stimmung der Menschen bestellt ist. Gäbe es freie Wahlen und unzensierte Medien in China, müsste sich Xi warm anziehen.

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