Themenschwerpunkte


Chinas wahre Softpower

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Mit den meisten ihrer diplomatischen Staatsgeheimnisse gehen die USA locker um. Nach 25 Jahren werden sie deklassifiziert und offengelegt. Das gilt auch für die historische China-Visite, die US-Präsident Richard Nixon 1972 unternahm, um Chinas Mao seine Aufwartung zu machen.   

Jüngst stieß ich bei einer Online-Recherche auf ein mit „Top Secret / Sensitive“ gestempeltes Memorandum, wie alles begann. Verfasser des 27-seitigen Dokuments war Nixons nationaler Sicherheitsberater Henry Kissinger. Am 14. Juli 1971, sofort nach seiner Rückkehr aus China, schrieb er seinem Präsidenten. Unerkannt habe er vom 9. bis 11. Juli in Peking mit Premier Zhou Enlai die geplante Chinareise für Nixon einfädeln und festmachen können. 

Die Hintergründe dazu sind heute bekannt, weniger aber, wie es Kissinger anstellte, seinem Präsidenten den Besuch im Voraus schmackhaft zu machen: Kissinger schwärmte von Chinas Küche. Sein Report liest sich so, als sei er auch als Vorkoster unterwegs gewesen. 

Chinas Küche: Peking-Ente als Eisbrecher

Das Dokument ist vermutlich das einzige Geheimdossier der Welt, in dem die Rede immer wieder aufs Essen kommt. Am Ankunftstag notiert er: „Dinner mit 15 oder so Gängen“. Tags darauf gibt es zum Lunch Peking-Ente.  „Die viereinhalb Stunden Gespräche mit Zhou Enlai“,  schreibt Kissinger und greift dann zum passenden englischen Ausdruck, waren „sandwiched around a one and a half hour roast duck lunch.“  Die Ente entkrampfte die Spannungen. Zuvor hätten sich seine Beratungen mit dem Premier festgefahren, weil der nicht aufhörte, die US-Außenpolitik zu attackieren. Kissinger wollte „brüsk“ dagegenhalten und begann, Chinas Tiraden Punkt um Punkt zurückzuweisen, „als Zhou mich nach dem ersten Punkt stoppte und sagte, die Ente würde kalt. Beim Lunch verwandelte sich die Laune zum Besseren.“  Und nach noch einem weiteren Lunch stellt Kissinger nach 48 Stunden fest: „All tension was gone.“   

Chinas Küche als Softpower: Zhou Enlai wickelte die Peking-Ente für Nixon persönlich ein und Nixon gleich mit. Die Szene ging als "Peking-Enten-Diplomatie" in den chinesischen Volksmund ein.
Zhou Enlai wickelte die Peking-Ente für Nixon persönlich ein und Nixon gleich mit. Die Szene ging als „Peking-Enten-Diplomatie“ in den chinesischen Volksmund ein.

Chinas Premier überließ in Peking, das 1971 noch mitten in seiner verheerenden Kulturrevolution steckte, nichts dem Zufall. Eigenhändig legte er die in dünne Teigfladen eingerollte, krosse Haut der holzgerösteten Peking-Ente, zusammen mit aromatischer Soße, Gurke und Frühlingszwiebeln Kissinger nicht nur bissfertig auf dessen Teller. Er wickelte ihn auch damit ein. Zhous „Peking-Enten-Diplomatie“  (烤鸭外交) wurde zum chinesisch-geflügelten Wort.  

Wie beeinflussbar der US-Emissär war, verrät die Sprache seines Fazits im Geheimdossier. Sie liest sich, als komme ein Restaurantkritiker zu Wort: „Diese 48 Stunden in China und besonders die ausführlichen Diskussionen mit Zhou hatten den Geschmack, die Konsistenz, Vielfalt und Delikatesse eines chinesischen Banketts.“ Er vergleicht seine politischen Gespräche mit einem Festgelage (feast): „Unser ‚feast‘ umfasste viele Gänge, manche waren süß und manche sauer… Es war eine totale Erfahrung… wie nach allen guten chinesischen Gerichten, die einen zufrieden machen, aber nicht vollstopfen.“

Nixon-Besuch: 22 Gänge-Bankett

Als Präsident Nixon schließlich eintraf, zog Peking kulinarisch noch mehr Register, enthüllte erstmals ein Bericht 2019 auf der Onlineseite der kommunistischen Volkszeitung. Zhou rollte die Peking-Ente auch für Nixon, als Krönung eines 22 Gänge-Banketts (zehn mehr als bei Kissinger). Darunter waren „neun Vorspeisen, sechs Gerichte und sieben Desserts“. Die Zutaten wurden aus allen Teilen Chinas eingeflogen. Sogar Mao Zedong unterstützte die Verwöhn-Orgie. Er schickte einen seiner besten Köche, um dem Ehepaar Nixon während ihres Besuchs drei besonders exquisite Speisen aufzutischen.  

Das hatte Mao schon bei Kissinger getestet, als der 1971 zweimal Peking vorab besuchte, um die Nixon-Reise vorzubereiten. Mao stellte für ihn seinen Leibkoch Yu Cun (于存) ab. Ich interviewte den Koch 1986, damals als Korrespondent der Frankfurter Rundschau. Stolz berichtete er, für Kissinger Maos Lieblingsspeisen gebrutzelt zu haben, darunter ein Gericht namens „doppelt gerösteter scharfer Schweinebauch“. (回锅肉). Kissinger muss das so unwiderstehlich geschmeckt haben, dass er zur Freude Yus (und zum Entsetzen des Protokolls) beim Lunch gleich um Nachschlag bat. Yu bekochte im Auftrag Maos auch andere illustre Staatsgäste, darunter Japans Premier Kakuei Tanaka, der 1972 die diplomatischen Beziehungen besiegelte. Yus Kochkunst begeisterte: „Sie aßen alle zu viel.“

Liu Gangwei: Chinas Küche als Softpower

„Chinas Ess-Kultur ist unsere wahre Softpower“, sagte mir in Peking Meisterkoch Liu Guangwei (刘广伟 ).  „Wenn der Magen des ausländischen Gastes zufrieden ist, ist das gut für das Image Pekings. Das wiederum hilft auch den internationalen Beziehungen.“  

Ich traf den heute 65-jährigen Ende 2018 in seinem „Forschungsinstitut für fernöstliche kulinarische Spezialitäten“, wo er nach Antworten auf die Frage sucht, die er als Kind einst seiner Mutter stellte. „Wie viele Küchen gibt es in China? Wie viele Gerichte?“ Liu, der in einer Provinzküche lernte, später selbst eine Kochschule und sein Institut gründete, widerspricht der traditionellen Theorie über acht großen Kochschulen (八大菜系). Nach 40 Jahren Nachforschungen in allen Teilen Chinas veröffentlichte er 2018 seine Entdeckung, die er „Das 34-4 System chinesischer Gerichte“ nennt. Er kommt auf 34 Kochschulen im chinesischen Großraum, die er vierfach einordnet nach Herkunft und Verbreitung, Zubereitung,  Zutaten und Kochschulen. Chinas Küche ist „vielfältiger, als wir alle wussten.“   

Chinas Küche als Softpower: Superkoch Liu Guangwei in seinem Pekinger Forschungsinstitut für das Essen Chinas. Er entwickelt auf Glastafeln seine 19-Ziffer Formeln, um die bisher von ihm registrierten 30.000 Gerichte der chinesischen Küche auseinander halten zu können. Liu hat die Geschichte chinesischer Kochkunst neu geschrieben.
Superkoch Liu Guangwei in seinem Pekinger Forschungsinstitut für das Essen Chinas. Er entwickelt auf Glastafeln seine 19-Ziffer Formeln, um die bisher von ihm registrierten 30.000 Gerichte der chinesischen Küche auseinander halten zu können. Liu hat die Geschichte chinesischer Kochkunst neu geschrieben.

Liu identifizierte 30.000 Gerichte und erfasste jeweils alle spezifischen Merkmale in einer 19-Ziffern-Formel, darunter etwa, ob die Speisen zur kaiserlichen-, Tempel- oder Volksküche gehörten. „Ich habe jedem Gericht seinen digitalen Ausweis gegeben“.  Liu hat zudem rund 10.000 Zutaten,  100 Gewürze, 200 Geschmacksrichtungen ausfindig gemacht und 40 unterschiedliche Zubereitungsarten. Seine Erkenntnisse über Chinas Küche, die er Shixue (食学), die Lehre vom Essen nennt, erschienen auch in Taiwan, gerade in einer erweiterten Neuauflage.

Es sei höchste Zeit, mit staatlicher Förderung die Promotion der chinesischen Küche auch im Ausland zur „nationalen Strategie“ zu machen, fordert der Koch. Zwar gebe es nach seiner Schätzung 300.000 China-Restaurants in aller Welt, doch steckten sie (wie auch oft die inländische Küche) in einer Krise. Sie seien „zersplittert, klein und schwach“.

Sun und Mao: Küche als Chinas Visitenkarte

Schon Chinas Republikgründer 1911, Sun Yat-sen, bezeichnete Chinas Essen als „unsere eigentliche Visitenkarte“. In seinen „Strategien zum Aufbau der Nation“ (建国方略) schrieb er 1918: „In der Evolution der modernen Zivilisation ist das sonst in allem zurückgebliebene und unvollkommene China doch von keiner Nation in der Herstellung der verschiedensten Speisen übertroffen worden. Diese übertreffen in Bezug auf ihre Zubereitung die Speisen der europäischen Länder„.

Chinas Küche als Softpower: Das weltbekannte Pekinger Entenrestaurant Quanjude hat einen vierbändigen chinesisch gebundenen Comic über seine Geschichte seit Gründung 1864 veröffentlicht, in dem auch Henry Kissingers Bewirtung durch Zhou Enlai am 10. Juli 1971 mit handgerollter Pekingente nacherzählt und illustriert wird.  Das war der Anfang der Peking-Enten-Diplomatie, für die Zhou Enlai gefeiert wurde.
Das weltbekannte Pekinger Entenrestaurant Quanjude hat einen vierbändigen chinesisch gebundenen Comic über seine Geschichte seit Gründung 1864 veröffentlicht, in dem auch Henry Kissinger Bewirtung durch Zhou Enlai am 10. Juli 1971 mit handgerollter Pekingente nacherzählt und illustriert wird. Das war der Anfang der Peking-Enten-Diplomatie, für die Zhou Enlai gefeiert wurde.

Dem stimmte einst sogar Mao Zedong zu: „Chinas beide großen Beiträge für die Welt waren Chinas Medizin und Chinas Essen.“ (中国对世界的两大贡献,一个是中药,一个就是中国菜.)  

Seine heutigen Nachfolger scheinen nur zögernd den Wert des chinesischen Essens als Softpower im Dienst des Landes zu erkennen. Zwar schreiben inzwischen auch die Parteizeitungen: „In der neuen Ära müssen wir Chinas Küche als Vermittler-Medium nehmen (以食为媒), um so die kulturelle Softpower Chinas und den globalen Einfluss zu verstärken„.

Doch in einer 18 Punkte-Offensive, die Anfang 2017 die beiden Büros des ZK und Staatsrats zur globalen Förderung der traditionellen Kultur verabschiedeten, kommt Chinas Küche erst unter Punkt 14 vor und ist Teil einer Aufzählung: „Wir unterstützen die Absicht, mit Chinas Medizin, seiner Küche, Martial Arts, den Klassikern, Kulturrelikten, Gartenkunst und traditionellen Feste nach außen zu  gehen.“  „支持中华医药、中华烹饪、中华武术、中华典籍、中国文物、中国园林、中国节日等中华传统文化代表性项目走出去“.

Peking nutzt lieber die Vorzüge seiner Ess-Kultur für Polemik nach außen. Die Sprecherin des Außenministeriums, Hua Chunying, twitterte im August während der Aufregung um den Taiwan-Besuch von US-Sprecherin Pelosi: „Über das chinesische Baidu-Suchsystem ist zu erkennen, dass es in Taipeh 38 Jiaozi-Restaurants der Shandong-Küche und 67 Nudelimbisse der Shanxi-Küche gibt. Gaumen irren sich nicht. Taiwan ist immer ein Teil von China gewesen. Das lange verlorene Kind wird eines Tages heimkehren.“

Ihr Schuss ging nach hinten los. Pekings Wolfskrieger ernteten massenweise Spott und Hohn. Ein Tweet schrieb: „In China gibt es über 8.500 KFC Fastfood-Restaurants. Gaumen irren sich nicht. China ist immer ein Teil von Kentucky gewesen. Das lange verlorene Kind wird eines Tages heimkehren.“ 

Mehr zum Thema

    Chinas schönster Mythos von der Hälfte des Himmels
    Mit Tricks und Intransparenz zu schöneren Zahlen
    Vorteile einer chinesisch-amerikanischen Klimazusammenarbeit
    Ab welchem Punkt führt Kooperation zu Komplizenschaft?