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Chinas vergiftete Sprache

Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling - er schreibt in diesem Standpunkt von Chinas ideologisierter Sprache.

Als ich jüngst den Keller aufräumte, wo meine vom Studium in China mitgebrachten Bücher lagerten, stieß ich auf ein „Chinesisch-Englisches Handbuch der Begriffe“ (汉英词汇手册). Es erschien im Dezember 1970 während Maos Kulturrevolution. Schon sein technischer Titel wirkte ungewöhnlich. Mit über 1.600 Seiten wurde das annotierte Wörterbuch zur verlegerischen Großtat. Im Auftrag des Außenministeriums mobilisierte der Pekinger Fremdsprachen-Verlag nach dem 9. Parteitag 1969 eine Gruppe Sprachexperten, um ein Nachschlagewerk zur Selbstdarstellung der kulturrevolutionären Begrifflichkeit herauszugeben. Von Januar 1970 an stellten sie in elf Monaten mehr als 20.000 Ausdrücke mit Beispielen ihrer Anwendung aus Ideologie, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Militär zusammen.  

Wie damals üblich standen Mao-Slogans am Anfang. Statt revolutionärer Aufrufe verlangte der Große Vorsitzende: „Macht gute verlegerische Arbeit“ und „Zum Nutzen des chinesischen Volkes und der Menschen der ganzen Welt.“ Das passte zu Pekings Anliegen, dem Ausland wenigstens die Begriffe verständlich zu machen, in denen die abgeschlossene Nation redete und dachte.

Chinas offizielle Sprache unter Mao Zedong war aggressiv, entmenschlichend und ideologisiert. Dies wird auch im "Chinesisch-Englischen Handbuch der Begriffe" deutlich.
Mitten in der Kulturrevolution erschien das „Chinesisch-Englische Handbuch der Begriffe“. Es war mit mehr als 1.600 Seiten über den  Wortschatz in der Kulturrevolution mehr als nur ein Lexikon.

Denn Chinas Führung wollte aus Furcht vor der mit ihrer verfeindeten Sowjetunion ihre Türen zum Westen öffnen. 1969 hatten sich beide Staaten erstmals am Amur bekriegt. Anfang 1971 traf US-Sicherheitsberater Henry Kissinger zu Geheimverhandlungen in Peking ein.

Das neue Wörterbuch war nur ein kleines Signal im großen Wandel. An Hunderten in ihm übersetzten antisowjetischen Begriffen ließ sich das tiefe Zerwürfnis zur Sowjetunion ablesen. Maos Propagandisten nannten sie „revisionistisch“ und „sozialimperialistisch“ und ihre Führer „neue Zaren“ mit „großrussischem Chauvinismus“ (大俄罗斯沙文主义). Beispielsätze attackierten vor allem Nikita Chruschtschow.

Heute könnte der Unterschied nicht größer sein. Kurz vor Moskaus Angriffskrieg auf die Ukraine sicherten sich Präsident Xi Jinping und Wladimir Putin in einer 15 Druckseiten langen Vereinbarung „grenzenlose Freundschaft“ und eine Kooperation ohne „verbotenes Terrain“ zu. Der heutige sprachliche Hass richtet sich wieder gegen die USA.

Ungewöhnliche Mao-Slogans leiteten das ungewöhnliche Wörterbuch 1970 ein. Mao: „Macht gute verlegerische Arbeit“ und „Zum Nutzen des chinesischen Volkes und der Menschen der ganzen Welt“.

Das Wörterbuch von 1970 ist Zeitzeugnis einer vergangenen Epoche. Es wurde nach dem Tod Maos nicht mehr aufgelegt. In Reformzeiten aufgewachsene Chinesen unter 40 Jahre sind Ausdrücke wie „Schlangengeister und Rinderteufel“(牛鬼蛇神) bis zu den „drei ständig zu lesenden Mao-Aufsätzen“ (老三篇) ein Rätsel. Sie verstehen auch nicht, warum im Parteijargon damals Rock ’n‘ Roll der „Tanz von Vagabunden“ (阿飞舞) genannt wurde. Es macht sie stattdessen heute wütend, wenn Pekings Ideologen ihre Idole, Modetrends oder Livestream-Stars polemisch schmäht. 

Chinas vergiftete offiziöse Sprache, die einst die grotesken Wortungeheuer der Kulturrevolution erschuf, verwendet heute andere Begriffe, hat sich aber in ihrer Art nicht verändert. Auch wenn die Kulturrevolution Inhumanität und Hass auf die Spitze trieb, blieb die Sprache voller Bösartigkeiten und Polemik, wenn es um Gegner oder Andersdenkende geht. Das wirkt sich auch auf die sozialen Medien aus. In den USA hat unter Auslandschinesen eine Debatte begonnen, warum chinesische Shitstorms die Internetwut anderer Nationen übertreffen. Das Phänomen kommt auch in der Aggressivität und den absurden Verschwörungstheorien der sogenannten „Wolfskrieger“ im Außenministerium zum Ausdruck, die jegliche diplomatische Zurückhaltung oder Höflichkeit abgelegt haben und kritische Stimmen als „antichinesischen Chor“ (反华大合唱) verunglimpfen, ein Ausdruck, der auch schon im Handbuch 1970 steht.

Erziehung mit Wolfsmilch

Der Kantoner Reformphilosoph Yuan Weishi (袁伟时) gibt die Schuld der ideologisierten Schulbildung in der Volksrepublik, die er „Erziehung mit Wolfsmilch“ nannte. Chinas Kommunisten hätten von Beginn ihrer Herrschaft an Sprache und Erziehung zur ideologischen „Gehirnwäsche“ und Ideologisierung der Gesellschaft manipuliert, schreibt der heute im US-Exil lebenden Autor und Dissident Yu Jie. Er beruft sich auf die Sprachforschungen des Analytikers und Romanisten Victor Klemperer. Der warnte davor, die kritische Rolle zu ignorieren, die der Sprache für die Bildung eines totalitären Systems zukommt.

In China aber hat Sprache genau diese Funktion. Das sei auch das Kalkül hinter den Ideologiereden von Alleinherrscher Xi Jinping schreibt Yu in seiner Studie: „Vom Maoismus zum Xiismus„. Seit Maos Tod habe niemand unter Chinas Führern den Großen Vorsitzenden so oft zitiert wie Xi. 

Xi nutzt zur Förderung seines Personenkults und zur Ausbau seiner Macht nicht nur Maos Sprache, sondern kopiert auch dessen Methoden. Der Vorsitzende ließ „Studienklassen für Mao Zedong-Gedanken“ ( 办毛泽东思想学习班) einrichten, ein Begriff, der im 1970er-Wörterbuch steht. Xi zwingt heute Chinas Ministerien und Kommissionen „Forschungszentren für Xi Jinping-Gedanken zum neuen besonderen Sozialismus“ (习近平新时代中国特色社会主义思想研究中心) zu betreiben. Auch sein jüngstes geflügeltes Wort: „Der Osten ist im Aufschwung, der Westen im Niedergang“ (东升西降) hat Vorläufer in Mao-Slogans: „Im Osten geht die Sonne auf – im Westen geht sie unter“ (东方日盛,西方日衰 ), oder „Der Ostwind unterdrückt den Westwind“ (东风压倒西风).

36 Lebens- und Überlebenslisten

Das Wörterbuch von 1970 enthüllte erstmals für die Außenwelt den Begriff der seit 3.000 Jahren überlieferten altchinesischen 36 Kriegslisten (三十六计). Mao nutzte sie zur militärischen Eroberung Chinas und zur späteren Behauptung seiner Macht. Das Nachschlagewerk listet alle 36 Intrigen einzeln und mit englischer Übersetzung auf. Es verrät sogar, welche Kriegslist im Guerilla-Krieg die Wirksamste war: „Unter den 36 Strategemen ist Wegrennen am Besten“ ( 三十六走为上计).

Chinas offizielle Sprache unter Mao Zedong war aggressiv, entmenschlichend und ideologisiert. Dies wird auch im "Chinesisch-Englischen Handbuch der Begriffe" deutlich.
Chinas Sprache unter Mao

Harro von Senger, ein heute in der Schweiz lebender, renommierter Sinologe und früherer Professor für Chinesisches Recht, der Mitte der 1970er-Jahre auch in Peking studierte, sagte mir, er habe das Wort „Strategeme“ als Begriff für die Lebens- und Überlebenslisten zuerst im Lexikon von 1970 gefunden. Er hat seither Dutzende Abhandlungen und Übersetzungen über die 36 Strategeme verfasst, die heute in 16 Sprachen erschienen, zuletzt im Januar 2022 in einem ukrainischen Verlag.

Alles änderte sich, nur Chinas Sprache nicht

Reformen und Modernisierung haben China über Nacht radikal verändert. 2002 erinnerten Buchreihen fast nostalgisch an die Hunderte Handwerksberufe, die still in weniger als einer Generation verschwanden und mit ihnen auch ihre Namen. Weg waren sie – der Scheren- und Messerschleifer (磨刀人), der mit lautem Singsang durch die Wohnviertel zog, der Aufklopfer von Baumwolldecken im Hinterhof (弹棉花), der Briefschreiber für andere (代写书信), der Brikettverkäufer (卖炭) oder Feng-Shui-Geomant (风水先生).

Alles änderte sich, nur Chinas Sprache nicht. Reformbedarf meldeten Autoren wie Ye Yanbing (叶延滨) 2007 an. Er forderte vergeblich, zuerst ein Wörterbuch über die inhumane Sprache der Kulturrevolution (文革说文解字) zu schaffen, nach dem Vorbild der klassischen Erklär-Enzyklopädie für Begriffe im chinesischen Altertum. 

Chinas offizielle Sprache bliebt auch nach den Reformen 1989 ideologisiert und inhuman.
Chinas Reformen und Modernisierung ließen über Nacht Hunderte Handwerksberufe verschwinden. 2002 erschienen die ersten Bücher dazu. Alles war im Wandel. Nur die ideologisierte inhumane offizielle Sprache änderte sich nicht.

Der Übersetzer und ehemalige Leiter des Pekinger Goethe-Instituts, Michael Kahn-Ackermann, sagt, dass es nie eine Aufarbeitung der seit 100 Jahren existierenden zeitgenössischen Literatursprache Baihua (白话) gegeben hat, erst recht „keine Befreiung der seit 1949 immer stärker stereotypisierten Sprache von ihrem Ballast“.

Das Thema trieb chinesische Intellektuelle nach Ende der Kulturrevolution um, sagt Kahn-Ackermann. Bis heute kämpft etwa A Cheng (阿城) für eine humane Sprache. Yu Hua (余华) setzt sich in seinem Buch „China in zehn Worten“ damit auseinander. Andere wie der Satiriker Wang Shuo 王朔 versuchten, durch Ironisierung die offizielle Sprache zu entgiften.

Re-Ideologisierung lässt Chinas Sprache und das Denken verkrusten

Wer in dem Wörterbuch von 1970 blättert, erschrickt über die zahllosen menschenverachtenden Ausdrücke, die bis heute Anwendung finden, vom „wölfischen Wesen“ der Gegner (豺狼本性), die „bitter und blutig“ (残酷的流血斗争) bekämpft werden müssen.

Die erneute Re-Ideologisierung lässt Chinas Sprache und das Denken dahinter weiter verkrusten. Wie das auf Dauer mit der modernen Weltmacht übereinstimmt, zu der China werden will, ist die gleiche Frage, die sich in vielen Bereichen Chinas stellt, etwa, wie sich unter der immer strikteren Überwachung, Kontrolle und Zensur Innovation und Eigeninitiative entwickeln sollen. Eine Antwort wird noch gesucht. 

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