Themenschwerpunkte


Chinas Triangulationsgambit

Von Stephen Roach
Stephen S. Roach, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Senior Fellow am Jackson Institute for Global Affairs der Yale University sowie Dozent an der Yale School of Management
Der prominente Ökonom Stephen Roach (Yale Universität) war Chairman von Morgan Stanley Asia

Geschichtliche Wendepunkte sind selten eindeutig erkennbar. Doch die gemeinsame Erklärung des russischen Präsidenten Wladimir Putin und des chinesischen Präsidenten Xi Jinping vom 4. Februar bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Peking könnte eine Ausnahme darstellen – und einen neuen Wendepunkt in einem neuen Kalten Krieg signalisieren.

Triangulation war Amerikas entscheidender strategischer Schachzug im ersten Kalten Krieg. Richard Nixons Annäherung an China, die sich in diesem Monat zum 50. Mal jährt, isolierte die ehemalige Sowjetunion zu einem Zeitpunkt, als ihr wirtschaftliches Fundament zu bröckeln begann. Henry Kissinger hat es in seinem Buch China: Zwischen Tradition und Herausforderung so formuliert: „Die US-chinesische Annäherung begann als taktischer Aspekt des Kalten Krieges; sie entwickelte sich bis einem Punkt weiter, an dem sie für die Entwicklung der neuen Weltordnung zentral wurde.“ Es dauerte, bis diese Strategie Erfolg hatte. Doch 17 Jahre später fiel die Berliner Mauer, und die Sowjetunion fiel in sich zusammen.

China war nie ein Land, das die Lehren der Geschichte ignoriert hat, und hat sich nun, in einem aufziehenden zweiten Kalten Krieg, selbst für ein Triangulationsgambit entschieden. In einer Zeit, in der Amerika besonders verletzlich ist, könnte ein chinesisch-russisches Tandem nun das globale Machtgleichgewicht verschieben. Dies deutet auf ein besorgniserregendes Endspiel hin.

Triangulation des ersten Kalten Krieges liefern Hinweise

Wichtige Hinweise auf Chinas Motive bietet die Strategie der „Triangulation“ während des ersten Kalten Krieges. Aus Sorge vor der von der Sowjetunion ausgehenden militärischen Bedrohung gingen die USA damals eine wirtschaftliche Vernunftehe mit China ein. Dass die US-chinesische Partnerschaft, die ursprünglich billige Waren für die schwer unter Druck stehenden amerikanischen Verbraucher lieferte, inzwischen durch einen Handels- und Technologiekrieg erschüttert wurde, ist in diesem Zusammenhang irrelevant. Was zählt ist, dass nun eine vergleichbare Strategie China und Russland zusammengeführt hat.

Diese neue Vernunftehe ist sowohl wirtschaftlicher wie geostrategischer Art. Russland hat das Erdgas, das ein energiehungriges, kohleabhängiges, verschmutztes China braucht. Und China verschafft Russland durch seine Ersparnisüberschüsse, großen Devisenreserven und seine Neue Seidenstraßeninitiative zusätzlichen Einfluss, um seine kaum verhohlenen territorialen Ambitionen zu untermauern.

Auch geostrategisch gesehen ist diese Interpretation überzeugend. Ob zu Recht oder zu Unrecht: Xi und Putin sind beide überzeugt, dass die USA bestrebt sind, dem angeblich friedlichen Aufstieg ihrer jeweiligen Länder Grenzen zu setzen. China verweist dabei nicht nur auf die Zölle und Sanktionen des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump gegen führende chinesische Technologieunternehmen, sondern auch auf die ehrgeizige Transpazifische Partnerschaft (TPP), von der China ausgeschlossen war (und die inzwischen zur Umfassenden und progressiven Vereinbarung über eine Transpazifische Partnerschaft CPTPP mutiert ist). In jüngerer Zeit haben Australien, Großbritannien und die USA das direkt gegen China gerichtete trilaterale AUKUS– Sicherheitsabkommen geschlossen.

Putin und Xi sehen Amerika als Bedrohung für ihre Ziele

Putin macht beim Widerstand gegen das US-Containment Russlands ähnliche Argumente geltend. Er scheint aus Furcht vor einer NATO-Erweiterung mehr als bereit, die Ukraine in Geiselhaft zu nehmen und Europa an den Rand eines weiteren verheerenden Konflikts zu führen. Putin, der den Untergang der Sowjetunion als „eine große geopolitische Katastrophe des [20.] Jahrhunderts“ beschrieben hat, täte nichts lieber, als das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Doch hat ihn US-Präsident Joe Biden mit seinen Drohungen womöglich in eine Ecke gedrängt und ihm keinen gesichtswahrenden Weg hin zu einer Deeskalation gelassen. Und für autoritäre Politiker geht Gesichtswahrung über alles.

Die gemeinsame chinesisch-russische Erklärung vom 4. Februar lässt wenig Zweifel, dass beide Staatschefs Amerika als existentielle Bedrohung für ihre Ziele betrachten. Putin hat Xi erfolgreich dazu bewegt, gegen eine NATO-Erweiterung Stelllung zu beziehen – ein Thema, das deutlich außerhalb des eigentlichen Interessenbereichs des chinesischen Staatschefs liegt. Und Xi hat Putin dazu gebracht, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, die dem Muster von „Xi Jinpings Gedankengut“ folgt, und stellt ihre gemeinsame Erklärung als Verkündung einer weiteren von Chinas grandiosen Politiken einer „neuen Ära“ dar.

Es besteht wenig Zweifel, dass China und Russland die Triangulation als strategischen Schachzug verfolgen. Ironischerweise sind es, anders als im ersten Kalten Krieg, diesmal die USA, die trianguliert werden. Und wie beim letzten Mal gibt es guten Grund zu der Annahme, dass das Endspiel in der wirtschaftlichen Arena entschieden werden wird.

Triangulation als strategischer Schachzug

An dieser Stelle fällt der Vergleich zwischen beiden Kalten Kriegen besonders besorgniserregend aus. Von 1947 bis 1991 war die US-Volkswirtschaft stark und im Gleichgewicht. Während des vergangenen Jahrzehnts dagegen waren das reale BIP-Wachstum (1,7 Prozent) und die Produktivitätszuwächse (1,1 Prozent) nur halb so hoch wie ihre Durchschnittswerte während dieses früheren Zeitraums von 44 Jahren. Noch schlechter fallen aktuelle Vergleiche zu den Inlandsersparnissen, der Leistungsbilanz und Amerikas klaffendem Handelsdefizit aus.

Die USA gewannen den ersten Kalten Krieg nicht nur aufgrund der Stärke ihrer eigenen Wirtschaft, sondern auch aufgrund der ausgehöhlten Wirtschaft ihres Gegenspielers. Das Produktionswachstum pro Kopf in der Sowjetunion verlangsamte sich ab 1977 dramatisch und schrumpfte dann in den beiden letzten Jahren des Kalten Krieges um durchschnittlich 4,3 Prozent pro Jahr. Der wirtschaftliche Zusammenbruch des Nachfolgestaates der Sowjetunion, der Russischen Föderation, kündigte sich hier bereits an. Deren Wirtschaft schrumpfte von 1991 bis 1999 um 36 Prozent.

Im Gegensatz zum früheren Konflikt zwischen einem starken Amerika und einer strauchelnden Sowjetunion steht heute eine schwächere US-Wirtschaft einem aufstrebenden China gegenüber. Auch dürfte Chinas Einfluss durch Russland – das weltwirtschaftlich eine Nebenrolle einnimmt – nicht gemindert werden. Das chinesische BIP war 2021 sechs Mal so groß wie das Russlands, und es wird erwartet, dass sich diese Kluft in den kommenden Jahren noch ausweitet.

„Amerika scheint am Lenkrad eingeschlafen zu sein“

Doch hat Xi in Putin genau, was er will: einen Partner, der das westliche Bündnis destabilisieren und Amerikas strategischen Fokus von seiner Containment-Strategie gegenüber China ablenken kann. Aus Xis Sicht öffnet dies Chinas Aufstieg zur Großmacht Tür und Tor und lässt das in Xis liebevoll gehegtem „chinesischen Traum“ enthaltene Versprechen einer nationalen Revitalisierung Wirklichkeit werden.

Henry Kissinger warnte Ende 2019, dass sich die USA und China bereits in den „Vorgebirgen eines neuen Kalten Krieges“ befänden. Und mit der sich abzeichnenden neuen Triangulationsstrategie wird die Sache jetzt noch verzwickter. Das Xi-Putin-Gambit verstärkt die Schlussfolgerung, dass dieser neue Kalte Krieg ganz anders ablaufen wird als der letzte. Traurigerweise scheint Amerika am Lenkrad eingeschlafen zu sein.

Stephen S. Roach ist Professor an der Universität Yale und ehemaliger Chairman von Morgan Stanley Asia. Er ist der Verfasser von Unbalanced: The Codependency of America and China (Yale University Press, 2014) und des in Kürze erscheinenden Accidental Conflict. Übersetzung: Jan Doolan.

Copyright: Project Syndicate, 2022.
www.project-syndicate.org

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