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Chinas Defizit bei der Privatinitiative

Von Stephen S. Roach
Stephen S. Roach, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Senior Fellow am Jackson Institute for Global Affairs der Yale University sowie Dozent an der Yale School of Management

Was die chinesische Wirtschaft betrifft, war ich 25 Jahre lang optimistisch. Aber nun habe ich ernsthafte Zweifel. Bei ihrem Umgang mit dem dynamischen chinesischen Technologiesektor, dem Antriebsmotor der chinesischen „New Economy“, steckt die Regierung des Landes in einer Sackgasse. Ihre jüngsten Aktionen sind symptomatisch für ein tieferes Problem: die staatlichen Bemühungen, die Energie der Privatinitiativen und die irrationalen Handlungsbedürfnisse („animal spirits“) zu kontrollieren. So könnte nun der chinesische Traum gefährdet sein – Präsident Xi Jinpings Vision eines „großen, modernen sozialistischen Landes“ bis 2049.

Als die Behörden den ungehorsamen Jack Ma maßregelten, dem Gründer der weltgrößten Internethandelsplattform Alibaba, schien es zunächst so, als ob sie mit ihm ein einmaliges persönliches Problem hätten. Mit seinen Kommentaren bei einem Shanghaier Finanzforum Ende Oktober 2020 über die „Pfandleih“-Mentalität des auf Banken ausgerichteten chinesischen Finanzsystems hatte Ma bei der chinesischen Führung eine rote Linie überschritten. Zu Beginn des Folgemonats wurde dann der Börsengang der Ant Group, des gigantischen Fintech-Ablegers von Alibaba, der ein rekordverdächtiges Volumen von 34 Milliarden Dollar hatte, weniger als 48 Stunden vor der geplanten Durchführung abgesagt. Fünf Monate später musste dann Alibaba selbst eine Strafe in Rekordhöhe von 2,8 Milliarden Dollar für angebliche Monopolverletzungen zahlen.

Jetzt ist Didi Chuxing an der Reihe. Didi, der Uber-ähnliche chinesische Mitfahrdienst, hatte offensichtlich gehofft, sich – trotz Gerüchten über die Bedenken chinesischer Politiker – an den US-Kapitalmärkten 4,4 Milliarden Dollar beschaffen zu können. Nachdem über 25 der Didi-Apps auf chinesischen Internetplattformen gesperrt wurden, ist nun von einer vielleicht noch höheren Strafe als für Alibaba die Rede – oder gar von einem möglichen De-Listing.

Außerdem gibt es Anzeichen dafür, dass auch gegen viele andere führende chinesische Technologiekonzerne durchgegriffen wird – darunter Tencent (Internet-Konglomerat), Meituan (Lebensmittellieferdienst), Pinduoduo (E-Commerce), Full Truck Alliance (die Apps Huochebang und Yunmanman zur LKW-Ladungsvermittlung), Kanzhun’s Boss Zhipin (Beschäftigung) und Online-Unternehmen für Privatunterricht wie TAL Education Group oder Gaotu Techedu. Und all dem gingen bereits die harten chinesischen Maßnahmen gegen Kryptowährungen voran.

Gute Gründe, aber zweifelhafte Motive

Es ist nicht so, dass es für Chinas Anti-Tech-Aktionen keine Gründe gibt – besonders in einigen Fällen wie bei den Kryptowährungen. Die am häufigsten geäußerte Rechtfertigung ist die Datensicherheit. Dies ist einerseits verständlich, weil die chinesische Führung so großen Wert auf ihre Eigentumsrechte über „Big Data“ legt, die ihren geplanten Durchbruch bei der künstlichen Intelligenz befeuern sollen. Aber da ein Großteil der Daten durch die heimliche Beobachtung im Rahmen des Überwachungsstaats gewonnen wurde, schmeckt die ganze Sache auch nach Heuchelei.

Rechtfertigung ist jedenfalls nicht das Thema. Rückblickend können Handlungen immer erklärt oder rationalisiert werden. Der Punkt ist, dass die chinesischen Behörden – aus welchem Grund auch immer – die ganze Macht ihrer Regulierungsmöglichkeiten einsetzen, um die Geschäftsmodelle und Finanzierungsmöglichkeiten des dynamischsten Sektors im Land abzuwürgen.

Außerdem ist der Angriff auf die Technologieunternehmen nicht das einzige Beispiel für Maßnahmen zur Einschränkung der Privatwirtschaft. Auch die chinesischen Verbraucher leiden. Die schnelle Alterung der Bevölkerung und mangelnde soziale Sicherheitsnetze für Renten und Gesundheitsfürsorge tragen dazu bei, dass die Haushalte immer noch nicht bereit sind, ihre Sicherheitsersparnisse für Dinge wie Autos, Möbel, Geräte, Freizeit, Unterhaltung, Reisen oder andere Statussymbole fortgeschrittenerer Konsumgesellschaften auszugeben.

Der absolute Umfang dieser Aktivitäten ist natürlich gigantisch – wie alles in China. Aber als Anteil an der Gesamtwirtschaft betrachtet liegt der Haushaltskonsum immer noch unter 40% des BIP – was der geringste Wert aller großen Volkswirtschaften ist.

Dies liegt daran, dass China noch keine Vertrauenskultur geschaffen hat, innerhalb derer die riesige Bevölkerung des Landes bereit wäre, ihre Spar- und Konsummuster zu ändern. Nur wenn sich die Haushalte trotz einer unsicheren Zukunft sicherer fühlen, werden sie ihren Horizont erweitern und zu einem expansiveren Lebensstil übergehen. Und um dies zu erreichen, ist nicht weniger als eine verbrauchergestützte Neuausrichtung der chinesischen Wirtschaft erforderlich.

Mangelndes gegenseitiges Vertrauen als Achillesferse

Das Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher ist eine entscheidende Grundlage aller Volkswirtschaften. George Akerlof und Robert Shiller, die Nobelpreisträger für Ökonomie, betrachten Vertrauen als Eckpfeiler einer umfassenderen Theorie der „Animal Spirits„. Dieser Begriff, der in den 1930ern von John Maynard Keynes bekannt gemacht wurde, wird am besten als „spontanes Handlungsbedürfnis“ definiert, das die Gesamtnachfrage weit über die Grundlage des persönlichen Einkommens oder der Unternehmensgewinne hinaus beeinflusst.

Keynes betrachtete dieses private Handlungsbedürfnis als Essenz des Kapitalismus. Für China mit seinem gemischten Modell eines marktorientierten Sozialismus hat dieses Phänomen aber einen anderen Stellenwert. Der Staat spielt dort eine viel aktivere Rolle bei der Lenkung von Märkten, Unternehmen und Verbrauchern als in anderen großen Volkswirtschaften. Trotzdem benötigt die chinesische Wirtschaft, um sich zu entwickeln, ebenso wie alle anderen eine Grundlage des Vertrauens – Vertrauen in die Konsistenz der Führungsprioritäten, in transparente Verwaltung und in kluge Regulierung.

Diese Grundlage des Vertrauens, die dem Handlungsbedürfnis zugrunde liegt, ist im modernen China allerdings nicht vorhanden. Bereits seit langem behindert diese Tatsache den chinesischen Konsum. Jetzt greift das Misstrauen auch auf den Unternehmenssektor über. Dass die Regierung die Technologieunternehmen angreift, läuft der Kreativität, Energie und puren harten Arbeit, die dieser Sektor benötigt, um in einem Umfeld intensiver Konkurrenz wachsen und gedeihen zu können, diametral entgegen.

Ich habe mich häufig skeptisch über das Ausmaß angstbedingten Sparverhaltens geäußert, das die konsumorientierte chinesische Neuausrichtung enorm behindert. Aber die jüngsten Aktionen der Behörden gegen den Technologiesektor könnten ein Wendepunkt sein. Ohne unternehmerische Energie wird die Kreativität der chinesischen New Economy ins Stocken geraten – ebenso wie die Hoffnungen auf die lang versprochene Steigerung einheimischer Innovationen.

Chinas zunehmender Mangel an „animal spirits“ könnte auch meiner eigenen, traditionell optimistischen Prognose für das „Next China“ – dem Titel eines Seminars, das ich seit elf Jahren in Yale gebe – einen schweren, möglicherweise tödlichen Schlag versetzen. Nun warne ich meine Studenten des ersten Semesters, dass sich der Lehrplan schnell ändern könnte. Übersetzung: Harald Eckhoff

Stephen S. Roach ist Fakultätsmitglied der Yale University, ehemaliger Vorsitzender von Morgan Stanley Asia und Verfasser von Unbalanced: The Codependency of America and China.

Copyright: Project Syndicate, 2021.
www.project-syndicate.org

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