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Chinas schönster Mythos von der Hälfte des Himmels

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Chinaexperten in aller Welt rätseln, wer in drei Wochen neben Parteichef Xi Jinping mit in der neuen Inneren Führung des Landes sitzen darf. Bereits bekannt, aber wenig hilfreich für ihre Prognosen, sind die Namen der 2.296 Delegierten. Sie werden sich am 16. Oktober zum 20. Parteitag in Peking versammeln und wie vor fünf Jahren ein neues Zentralkomitee (ZK) wählen. Rund zwei Drittel der bislang 370 Vollmitglieder und Kandidaten werden neu im ZK sitzen. Aber es ist nur die unterste Ebene in der dreistufigen Pyramide der Parteimacht. Das ZK soll aus seinen Reihen die 25 Topfunktionäre für das Politbüro bestimmen, der nächsthöheren Plattform der Macht. Erst danach werden auch die Namen von sieben seiner Mitglieder bekannt, darunter Xi, die in den Ständigen Ausschuss des Politbüros aufsteigen. Als Mitglieder der Inneren Führung bedienen sie die eigentlichen Schalthebel der Parteiherrschaft. Voraussichtlich wird keine einzige Frau unter ihnen sein.   

Xi Jinping lässt sich heute schon als Steuermann des Vereins der Patriarchen huldigen. Er hat sich seinen Platz durch die Änderung von Parteistatut und Verfassung selbst verschafft. Nur zwei Dinge sind gewiss: Je höher die Macht der Partei konzentriert ist, desto undurchsichtiger werden ihre Schachzüge und desto weniger Frauen nimmt sie mit an Bord.   

„Die Frauen können die Hälfte des Himmels tragen“. Der weltberühmte Mao-Slogan wurde Chinas schönster Mythos. Doch er ist Fake News. 

Immer weiter entfernt sich China vom einstigen Anspruch, ein Land zu sein, dessen Frauen die Hälfte des Himmels mittragen können. Und das Mao Zedong zugeschriebene weltberühmte Bonmot hat er auch nie gesagt. Verbürgt ist nur ein als Witz gemeinter Spruch des Großen Vorsitzenden vom Sommer 1964. Als der passionierte Schwimmer durch Pekings Stausee Miyun schwamm, wurde er von kraulenden Sportlerinnen überholt. Die Volkszeitung schrieb am 27. Mai 1965, was Mao ihnen hinterherrief: „Die Zeiten haben sich geändert. Männer und Frauen sind gleich. Was den Genossen Männern gelingt, schaffen auch die Genossinnen.“  

Frauen als Arbeitskräfte ohne politische Teilhabe

Chinas schönster Mythos von der „Hälfte des Himmels“ wurde zu einem der meistzitierten Mao-Worte während der Kulturrevolution und zum Szeneslogan der 68er-Protestgenerationen und Fraueninitiativen im Ausland. Pekinger Sozialwissenschaftlerinnen durchforschten nach Maos Tod systematisch alle seine Schriften und Reden. „Sie fanden kein solches Zitat“, sagte mir einst die Pekinger Frauenanwältin Guo Jianmei. Auch nicht in der roten Mao-Bibel, wie das 370 Seiten-Buch mit den „Worten des Vorsitzenden“ genannt wird, das Chinesen in Stadt und Land während der Kulturrevolution auswendig lernten und von dem sich Millionen Idealisten in Europa begeistern ließen. Auf sechs Seiten schrieb Mao über Frauen. Er betrachtete sie als Mitkämpferinnen für seine Revolution und als Arbeitskräfte für Chinas Aufbau. Er forderte, sie aus der feudalen Unterdrückung und unmenschlichen Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien, ihnen gleichen Lohn für gleiche Arbeit und gleiche Erziehung zu ermöglichen. Aber es ging Mao nie um ihre Teilhabe an seiner Macht. 

Die Wortprägung von der „Hälfte des Himmels“ verselbstständigte sich zum Kultwort. Bücher, wie das der französischen Frauenaktivistin Claudie Broyelle, Die Hälfte des Himmels. Frauenemanzipation und Kindererziehung in China“, brachten sie in viele Sprachen und Dutzenden Auflagen nach Europa und in die USA. Broyelle hatte es nach einer nur zweiwöchigen Studienreise durch das China von 1971 geschrieben. Als sie mit ihrem Mann später in China arbeitete, distanzierte sie sich von ihrer Naivität in dem 1977 erschienenen Buch “ Zweite Rückkehr aus China“. 1980 zog das Ehepaar radikal einen Schlussstrich unter ihre frühere Schwärmerei in „Mao ohne Maske“. In der französischen Ausgabe hieß der Titel: „Apocalypse Mao“, 

Frauen in politischen Ämtern in China: Ende einer Illusion: Der Report der Französin Claudie Broyelle über einen China-Trip 1971 wurde unter dem Titel "Die Hälfte des Himmels" im Europa der 68er-Generation zum Kult-Buch. Nachdem sie zwei Jahre in Peking gearbeitet hatte, widerrief sie ernüchtert ihre frühere Naivität im Buch "Zweite Rückkehr aus China". 1980 rechnete sie in "Mao ohne Maske" endgültig ab. Titel der französischen Erstausgabe war: "Apocalypse Mao".
Ende einer Illusion: Der Report der Französin Claudie Broyelle über einen China-Trip 1971 wurde unter dem Titel „Die Hälfte des Himmels“ im Europa der 68er-Generation zum Kult-Buch. Nachdem sie zwei Jahre in Peking gearbeitet hatte, widerrief sie ernüchtert ihre frühere Naivität im Buch „Zweite Rückkehr aus China“. 1980 rechnete sie endgültig in „Mao ohne Maske“ ab. Titel der französischen Erstausgabe war: „Apocalypse Mao“.

Wo es um die Teilhabe an politischer Macht geht, konnte noch keine chinesische Frau an den Parteigranden vorbeischwimmen. Unter Xis Herrschaft hat sich die Kluft zwischen den Geschlechtern erweitert. Die leninistisch organisierte Kommunistische Partei akzeptiert keine Seiteneinsteiger. Unter Xi sind zivilgesellschaftliche NGOs und emanzipative Aktionen wieder stärker unterdrückt worden, ebenso wie die ersten Ableger der MeToo-Bewegung. Solche Themen poppen nur noch als virtuelle Protest-Tweets in privaten Chaträumen auf.  

Gesetze für mehr Gleichberechtigung bleiben gute Vorsätze

Es liege nicht an den chinesischen Frauen, dass sie so schwer politisch aufsteigen können, „sondern am System“, sagte mir Anwältin Guo 2017, obwohl die Gleichberechtigung auf allen „Ebenen des Lebens, politisch, wirtschaftlich, kulturell, sozial und in der Familie im Artikel 48 des Grundgesetzes als Verfassungsgebot verankert ist.“ Aber es fehlen die Ausführungsbestimmungen und eine Umsetzung über verbindliche Frauenquoten. So bleiben auch die besten Gesetze „schlafende Schönheiten.“  

Unter 1,4 Milliarden Chinesen leben 689 Millionen Chinesinnen. 48,7 Prozent der Bevölkerung sind Frauen. Im 2017 neu gewählten Zentralkomitee der KP China sitzen nur 30 Frauen oder 7,9 Prozent unter den 376 Vollmitgliedern und Kandidaten, schreibt der international renommierte China-Fachmann Cheng Li in einer Spezial-Studie zur Frauenbeteiligung in Chinas Politik vor dem 20. Parteitag. Unter den 31 Provinz-Parteichefs Chinas gebe es nur eine Frau, die 62-jährige KP-Chefin von Guizhou, Chen Yiqin. Sie gilt als einzig mögliche Kandidatin für einen Einzug in den 25-köpfigen Männerklub des Politbüros. Einsame Stellung als Frau hält dort seit zehn Jahren die heute 72-jährige Vizeministerpräsidentin Sun Chunlan. In der Regierung sehe es nicht besser aus, schreibt Cheng Li: Unter Chinas elf Staatsräten sei eine Frau und alle 26 Minister sind Männer.  

Obwohl das Organisationsbüro der Partei dafür plädierte, bei der Wahl der Delegierten für den 20. Parteitag mehr Frauen aufzustellen als ihr Anteil in der Partei ausmacht, wurden nur 619 Frauen unter den 2296 Delegierten gewählt, ein Anteil von 27 Prozent. In der mit 96 Millionen Mitgliedern größten Kommunistischen Partei der Welt sind 29,4 Prozent Genossinnen.     

Schlusslicht bei der Mitbestimmung

Wachsende Ungleichheiten stellt auch das Davoser-Weltwirtschaftsforum (WWF) fest in seinem jährlich veröffentlichten Gleichberechtigungsindex (Global Gender Gap Report). Danach kam China nach dem letzten Parteitag 2017 vor fünf Jahren bei der allgemeinen Gleichberechtigung nur auf Platz 100 bei 144 untersuchten Ländern. Im neuen Report 2022 rutschte es noch tiefer, auf Rang 102 unter 146 untersuchten Ländern. In der Frage ihrer Teilhabe an der politischen Macht sind Chinas Frauen mit Platz 120 eines der Schlusslichter.

Kritische Fragestellungen nach substanzieller politischer Mitbestimmung umging der Allchinesische Frauenverband. Seine mit dem Statistischen Amt gemeinsam erhobene „Vierte Umfrage 2020“ zum gesellschaftlichen Status der Frauen in China lobt – bewusst vorsichtig und umständlich formuliert – die Fortschritte unter der Ära Xi. Die „weibliche ‚Hälfte der Himmels-Kraft‘ finde einen weitergehenden Ausdruck in der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung.“ (女性在经济社会发展中“半边天“力量进一步彰显).

Frauen und politische Ämter in China: Die Pekinger Frauenrechtsanwältin Guo Jianmei fand mit anderen Forschern heraus, dass Mao nie von der "Hälfte des Himmels" gesprochen hatte.
Die Pekinger Frauenrecht-Anwältin Guo Jianmei fand mit anderen Forschern heraus, dass Mao nie von der „Hälfte des Himmels“ gesprochen hatte.

Doch dabei bezieht sie sich vor allem auf das Engagement von Frauen in den Basisorganisationen, in den untersten Ebenen der sogenannten „demokratischen Verwaltung“ (基层民主管理), sowie auf die „wichtige Rolle der Frauen in der Familie, bei der Unterstützung der Alten und Erziehung der Kinder“. Als Fortschritt hebt der Report mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit für Frauen hervor. Heute würden „18,8 Prozent der verheirateten Frauen eigene, auf ihren Namen laufende Immobilien und 39,9 Prozent diese gemeinsam mit ihrem Mann besitzen.“  

Zahl der Milliardärinnen aus China wächst

„Wenn es um wirtschaftliche Macht geht, gehören Chinas Frauen längst zur Weltspitze“, sagte mir einst Rupert Hoogewerf, Herausgeber der jährlichen „Hurun-Milliardärslisten“. Unter dem Titel „Chinas reichste Frauen“ zählte er 2017 unter seinen weltweit ermittelten 78 sogenannten „Selfmade-Frauen“ mit einem Vermögen von je mindestens einer Milliarde US-Dollar, 49 Chinesinnen. Ende März 2022 veröffentlichte Hoogewerf seine jüngste Reichen-Liste. Trotz der Folgen der Covid-19-Pandemie stieg in der Volksrepublik die Zahl chinesischer Milliardärinnen auf 78 Frauen unter insgesamt weltweit 124 Milliardärinnen.

Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) habe die Voraussetzungen dafür geschaffen. Chinesische Unternehmerinnen konnten eigene „Business-Plattformen“ entwickeln. Zudem habe das Ende der traditionellen Familienrolle durch die damalige Ein-Kind-Politik Geschäftskarrieren gefördert, meinte Hoogewerf. Anwältin Guo stimmte zu: Mangelnde Partizipation an der Macht müsste dazu nicht im Widerspruch stehen. „Wenn Wirtschaftsprozesse nicht mehr von oben geplant, sondern von der Marktnachfrage bestimmt werden, finden Frauen ein gleiches Spielfeld zur Entfaltung ihrer Talente vor.“   

Vorschau auf den 20. Parteitag: Personalbogen von Chinas innerer Führung nach ihrer Neuwahl auf dem 19. Parteitag 2017. Zu den 32 Auserwählten mit Xi an der Spitze gehört in der zweiten Reihe (dritte von rechts) als einzige Frau das Politbüromitglied Sun Chunlan. Sie ist gut zu erkennen, weil sie keine Krawatte trägt.
Vorschau auf den 20. Parteitag: Personalbogen von Chinas innerer Führung nach ihrer Neuwahl auf dem 19. Parteitag 2017. Zu den 32 Auserwählten mit Xi an der Spitze gehört in der zweiten Reihe (dritte von rechts) als einzige Frau das Politbüromitglied Sun Chunlan. Sie ist gut zu erkennen, weil sie keine Krawatte trägt.

Parteichef Xi ist allerdings dabei, das frühere Reformmodell zugunsten von mehr Staatswirtschaft zu ändern. Wie weit er gehen wird, wird auch die personelle Zusammensetzung seiner neuen Führung nach dem Parteitag zeigen. Weil Außenstehende darüber nur spekulieren können, hat sich ein Thinktank der angesehenen US-Paulson Stiftung ein Wahlspiel ausgedacht. Für Xis neue Innere Führung hat es die 42 aussichtsreichsten Kandidaten nominiert. Nur zwei darunter sind Frauen, die aus Altersgründen eigentlich ausscheiden müssende 72-jährige Sun Chunlan, und als potenzieller Neuzugang die 62-jährige Parteichefin von Guizhou, Shen Yiqin. „Fantasy Football for China Nerds“ nennt die Stiftung das Ratespiel. Ihr fehlt allerdings die Fantasie, sich für den Aufstieg in Chinas politischen Himmel noch mehr Frauen als Kandidatinnen vorzustellen.

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