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Chinas langer Marsch zum Wintermärchen

Von Claudia Kosser und Mei Zhang
Claudia Kossner und Mei Zhang schreiben im China.Table über Chinas langen Weg zum Wintermärchen Olympische Spiele 2022.

„Sommermärchen“ tauften die Deutschen einst ihre Fußball-Weltmeisterschaft 2006 – eine Erfolgsgeschichte, die Jahre später zwar durch Korruptionsvorwürfe überschattet wurde. Aber es war damals ein großes Fest, das Deutschland sowohl nach Innen als auch nach Außen viel „Soft Power“ bescherte.

Zwei Jahre später schrieb die Volksrepublik China ihr eigenes „Sommermärchen“, als sie zum ersten Mal die Olympischen Spiele in Peking ausrichtete. Jetzt, 14 Jahre später, geht Peking als erste Gastgeberstadt für Sommer- als auch Winterspiele in die Geschichte ein. Es war ein langer Marsch für das Land.

Nach der Gründung der Volksrepublik hatte sich die Volksrepublik 1958 vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) abgewendet. Erst 22 Jahre später kehrte es in den Kreis der Olympioniken zurück und nahm mit einer Handvoll Athleten an den Winterspielen 1980 in Lake Placid (USA) teil. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Nach drei Jahrzehnten der Isolation unter Mao Zedongs eiserner Hand wurde China Ende der 1970er-Jahre mit Deng Xiaopings Öffnungspolitik wieder in die breitere internationale Gemeinschaft aufgenommen.

Mit dem Aufschwung der Wirtschaft und der Verbesserung des eigenen Images in der Welt nahm China auch an den Sommerspielen 1984 in Los Angeles teil und gewann sogar 32 Medaillen, darunter 15 goldene. Die „beschämende“ Bilanz ohne olympisches Edelmetall war beendet.

Die steigende Zahl der Medaillen inspirierte die chinesische Regierung dazu, das Olympische Feuer auch in ihr Heimatland zu bringen. Die erfolgreiche Bewerbung für 2008 war sieben Jahre zuvor eingereicht worden. 2001 war auch das Jahr, als China der Welthandelsorganisation beitrat. Der offizielle Slogan der Spiele lautete „One World, One Dream“, doch die eigentliche Botschaft war eine andere: „Hallo Welt, hier sind wir, eine aufstrebende Macht. Und wir sind gekommen, um zu bleiben.“

Die chinesische Regierung rollte für Gäste und Würdenträger aus aller Welt den roten Teppich aus, darunter dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush, dessen Frau und Tochter sowie dessen Vater, dem früheren US-Präsidenten George H. W. Bush. Die Familie nahm an der Eröffnungszeremonie teil und verfolgte die Wettkämpfe. Bush traf mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao und anderen hochrangigen Beamten zusammen.  

Bush sagte damals: „Auf lange Sicht sollte Amerika besser mit China zusammenarbeiten und verstehen, dass wir eine kooperative und konstruktive, aber offene Beziehung haben können.“ Es war die Blütezeit der Beziehungen zwischen den USA und China. Doch seitdem haben sie sich stark gewandelt.

Die perfekt inszenierten Spiele feierte China als großen Erfolg. Die Kritik an der Ausrichtung durch das Land und die damaligen Boykottaufrufe wegen der Niederschlagung des Aufstandes in Tibet wenige Monate zuvor schadeten seinem Aufstieg nicht. Zumal seine Wirtschaft mit zweistelligen Wachstumsraten boomte, während die Industrienationen unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise ächzten.

Aus der chinesischen Perspektive war die erfolgreiche Bewerbung für 2022 unter dem neuen Staatspräsidenten Xi Jinping ein weiterer Schritt zur Verwirklichung des „chinesischen Traums“. Xi möchte das Vertrauen des chinesischen Volkes in die eigene Kultur stärken und den internationalen Einfluss des Landes vergrößern. Es bleibt die Frage, ob das funktioniert.

Auch wenn die Winterspiele 2022 innenpolitisch sehr wahrscheinlich ein Erfolg werden dürften, ist es für das Gastgeberland eine große Herausforderung, ein Wintermärchen auf internationaler Bühne zu schaffen, bei dem die Welt verzaubert mitträumt. Zu groß scheinen die Kontroversen. Zahlreiche westliche Länder haben einen diplomatischen Boykott der Spiele angekündigt, weil sie dem Land einen Genozid in Xinjiang an den Uiguren vorwerfen.

China hat sich seit der Olympiabewerbung stärker verändert, als viele Chinesen es zu träumen wagten. Das Pro-Kopf-BIP ist mit 10.500 US-Dollar im Jahr 2020 im Vergleich zu 7000 USD im Jahr 2013 stetig gestiegen. Seit dem Jahr 2017 ist Chinas Wirtschaft, gemessen an der Kaufkraftparität, die größte der Welt. Und nach Angaben der chinesischen Regierung gibt es seit Ende 2000 keine extreme Armut mehr im Land. In den vergangenen Jahren hat China in den Bereichen Infrastruktur, Telekommunikation, KI-Technologie, militärische Aufrüstung und Weltraumforschung viele westliche Industrieländer überholt.

Aus chinesischer Sicht ist dies eine Rechtfertigung dafür, selbstbewusster und selbstsicherer aufzutreten, Ambitionen zu äußern und mit Stolz die Effizienz seines autoritären Regierungssystems zu betonen. Aus westlicher Sicht ist China zu einem strategischen Konkurrenten geworden – und die „Suche“ nach weltpolitischer Gemeinschaft und Anerkennung steht mittlerweile unter anderen geopolitischen Vorzeichen. 2022 ist die Welt stärker polarisiert, und die westliche Wahrnehmung Chinas hat sich drastisch verändert, was dem Land beim Aufbau von „Soft Power“ zu schaffen macht.

Zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass Peking seine innerpolitischen Ziele erreicht, ist recht hoch. Die Olympischen Winterspiele werden das enorme Potenzial des Verbrauchermarktes für Wintersport beflügeln, und die Spiele werden das Nationalgefühl weiter stärken.

Doch multinationale Unternehmen, die diese globale Positionierungsmöglichkeit nutzen wollen, um für ihre Marken zu werben, stehen vor einer Herausforderung: Wie sollen sie ihre Begeisterung für die Spiele zum Ausdruck bringen, ohne gleichzeitig eine Gegenreaktion im Westen auszulösen und Kritik von Politikern, Menschenrechtsgruppen und den Medien auf sich zu ziehen?

Wir glauben, dass Unternehmen, die es meistern, die Brücke zwischen China und dem Westen zu beschreiten, auch weiterhin Erfolg haben werden. Diejenigen, die sich nicht in den Teufelskreis der Polarisierung hineinziehen lassen, werden über die Kluft hinweg im Gespräch bleiben und die Verbindung nicht abbrechen lassen.

Claudia Kosser leitet das Shanghaier Büro von Finsbury Glover Hering und berät Mandanten aus verschiedenen Branchen in den Bereichen Unternehmenskommunikation und strategische Positionierung sowie bei M&A-Transaktionen und in Krisensituationen. Sie verfügt über mehr als ein Jahrzehnt Erfahrung und hat das Büro von Finsbury Glover Hering in Shanghai im Jahr 2019 eröffnet, nachdem sie seit 2011 für die Firma in Frankfurt und Hongkong tätig war. Sie hat einen Master in Kommunikationsmanagement von der Universität Leipzig und einen Bachelor in European Studies von der Universität Maastricht.

Mei Zhang ist Managing Director im Hongkonger Büro von Finsbury Glover Hering und verfügt über mehr als 25 Jahre Berufserfahrung in den Bereichen Nachrichtenjournalismus, Unternehmenskommunikation, Government Affairs, Veranstaltungsmanagement und Beratung. Im Laufe ihrer Karriere arbeitete sie bei Goldman Sachs und Citigroup sowie bei CNN in Atlanta. Sie ist Gründungsmitglied des Vorstands der Bildungs-NGO „Teach for China“. Sie hat einen M.A. in Mass Communication von der Louisiana State University und einen B.A. in Internationalem Journalismus vom Beijing Institute of International Relations.
Mitarbeit: Tom Miller; Übersetzung: Christian Jeske

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