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Ausländische Gelder fließen weiter in Chinas Kohleindustrie

Von Nora Sausmikat und Katrin Ganswindt
Nora Sausmikat und Katrin Ganswindt über Chinas Kohleindustrie
Nora Sausmikat, China Desk, und Katrin Ganswindt, Expertin für Kohle- und Divestment-Kampagnen, beide bei Urgewald e.V.

Am 17. Mai sollte die COP 15, die Biodiversitätskonferenz der Vereinten Nationen stattfinden. Nun wurde sie auf Oktober verschoben. Digitaler Ausrichtungsort wird Kunming in Südchina sein. Ein Erfolg zum Schutze der verbleibenden Biodiversität würde ein „Globaler Deal für die Natur“ sein. Anders ausgedrückt: Alle müssen an einem Strang ziehen. Gleiches gilt auch für die Eindämmung des Klimawandels, wie alle Parteien auf dem Klimagipfel des US-Präsidenten Joe Biden noch einmal bekräftigten. Auf nationaler Ebene scheint China seinen Part zu erfüllen: Seit 2007 gibt es ein Klimaschutzgesetz und 2020 verkündete Präsident Xi Jinping, China werde bis 2060 klimaneutral sein.

Doch Chinas Kohleindustrie boomt und die Klima- und Biodiversitätsziele rücken in weite Ferne. Kohle zu produzieren und zu verbrennen schadet der Umwelt und gefährdet damit die Biodiversität. Außerdem ist Kohleverbrennung immer noch die größte Quelle von CO2 und damit für etwa ein Drittel des bisher erfolgten Temperaturanstiegs verantwortlich. Der Kohleanteil am Stromverbrauch Chinas liegt bisher aber bei etwa 60 Prozent und mit über 1000 Gigawatt betreibt China die Hälfte aller Kohlekraftwerke der Welt. Im Jahr 2020 wurden außerdem 38,4 Gigawatt Kohlekapazitäten neu in Betrieb genommen. Weitere 206 GW sind im Bau und Planung, das entspricht 41 Prozent der globalen Kohlekraftwerke in Entwicklung.

Falsch ist die landläufige Meinung, dass der Westen sowieso nichts in China ändern kann und nichts mit der Ausrichtung der Energieproduktion Chinas zu tun hat. Dass China der größte Handelspartner der EU ist und deshalb viele unserer Waren mit chinesischem Kohlestrom produziert werden, ist einigermaßen bekannt. Weniger offensichtlich sind die globalen Finanzströme: Auch wenn chinesische Kohlefirmen hauptsächlich aus dem Inland finanziert werden, unterstützen doch auch ausländische Geldgeber Chinas Kohleindustrie im Reich der Mitte. 467 internationale Finanzinstitutionen haben laut einer Urgewald-Recherche chinesische Firmen finanziert, die auf der Global Coal Exit List (GCEL) aufgeführt werden. Dies geht aus der Finanzrecherche von Urgewald vom Februar 2021 hervor, in der die Banken und Investoren hinter den Firmen auf der Global Coal Exit List (GCEL) untersucht wurden. An einem Strang ziehen hier alle, nur leider in die falsche Richtung.

Geld aus aller Welt

Ein Zehntel der Gelder, die in den letzten zwei Jahren in den chinesischen Kohlesektor geflossen sind, kommen aus dem Ausland. 48 internationale Banken haben 21,7 Milliarden US-Dollar für Chinas Kohleindustrie bereitgestellt. Der Löwenanteil dieser Summe wurde als Underwriting, also durch die Ausgabe von Aktien und Anleihen, bereitgestellt.

Die mit Abstand größten Finanziers aus dem Ausland kommen aus dem Vereinten Königreich und den USA. Englische Banken wie HSBC und Standard Chartered haben fünf Milliarden US-Dollar vergeben und US-Banken wie JPMorgan Chase und Citigroup liegen mit 4,9 Milliarden US-Dollar nur knapp dahinter. Auch Banken aus Japan, der Schweiz und Frankreich haben je über zwei Milliarden US-Dollar im chinesischen Kohlesektor versenkt. Zu den größten Empfängern ausländischer Gelder gehört mit 1,2 Milliarden US-Dollar China Huaneng. Die Firma hat über 100 Gigawatt Kohlekraftwerkskapazitäten installiert und plant weitere 32 Gigawatt. 439 Investoren haben Aktien und Anleihen im Wert 19,6 Milliarden US-Dollar in chinesischen GCEL-Firmen investiert (Stand Januar 2021). Damit übertreffen sie die Investitionen von landeseigenen Finanzinstitutionen um zwei Milliarden US-Dollar.

Die Rangliste wird angeführt von den größten privaten Investoren der Welt: den amerikanischen Firmen BlackRock, mit 2,7 Milliarden US-Dollar, und Vanguard mit 2,2 Milliarden US-Dollar. Auf Platz 3 liegt die Qatar Investment Authority mit 1,7 Milliarden US-Dollar. Auch insgesamt sind US-Investoren mit insgesamt 11,5 Milliarden US-Dollar in Anleihen und Aktien chinesischer GCEL-Firmen führend. Weit dahinter liegen Investoren aus dem Vereinigten Königreich, wie HSBC und Schroders, mit 1,3 Milliarden US-Dollar. Andere große europäische Investoren sind der Norwegische Pensionsfonds mit 562 Millionen US-Dollar und der schweizerische Investor Pictet (219 Millionen US-Dollar) sowie die UBS (192 Millionen US-Dollar).

China Energy gehört zu den Firmen mit den größten Investitionssummen aus dem Ausland (1,8 Milliarden US-Dollar). Die Firma ist mit etwa 160 Gigawatt installierten Kohlekapazitäten und 510 Millionen Tonnen Kohleproduktion einer der Kohleriesen Chinas. China Energy entwickelt neue Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 54 Gigawatt, davon 2,8 Gigawatt in Indonesien, und plant neue Minen in China und Australien.

Die Rolle Deutschlands

Die Allianz ist mit 217 Millionen US-Dollar auf Platz 18 der internationalen Investoren. Europas größter Vermögensverwalter hat eine umfassende Kohlerichtlinie verabschiedet, die allerdings nicht für ihre Tochterunternehmen und die Anlagen Dritter gilt. Der französische Konkurrent AXA ist hier weiter und mit nur 39 Millionen US-Dollar erst auf Platz 73 zu finden. Insgesamt haben 16 deutsche Investoren 403 Millionen US-Dollar investiert.

Darunter auch die Deutsche Bank, die neben 94 Millionen US-Dollar an Investitionen auch mit 410 Millionen US-Dollar an der Finanzierung des chinesischen Kohlesektors beteiligt ist und im internationalen Vergleich Rang 19 belegt. Die Deutsche Bank hat zwar 2020 eine erste Kohlerichtlinie verabschiedet, die auch Kohle auf Firmenebene ausschließt, aber sie geht noch nicht weit genug. Zu hoffen bleibt, dass sie Beispielen wie der italienischen UniCredit folgt, die in der Rangliste gar nicht auftaucht.

Die größten CO2-Emittenten finanzieren den größten Klimasünder

Trotz Ankündigungen zum Schutz der Umwelt und des Klimas baut China weiter Kohlekraftwerke, die zum Teil erst im Jahr 2025 ihren Betrieb aufnehmen und bei einer durchschnittlichen Betriebsdauer von 40 Jahren noch bis 2065 Kohlendioxid ausstoßen. Vier der fünf größten Kohlekraftwerksentwickler der Welt sind chinesische Unternehmen. Sie haben gemeinsam 121 Gigawatt in Bau und Planung: China Energy, China Datang, China Huaneng und China Huadian. Dabei geht es nicht mehr um die Energieversorgung in China selbst, nein, China ist mittlerweile der weltweit größte Förderer von Kohlekraftwerken im Ausland. In Ländern wie Bangladesch und Pakistan ist China sogar der Haupttreiber des Ausbaus und der Etablierung der Kohleindustrie. Für alle international operierenden Kohlefirmen Chinas finden sich internationale Geldgeber.

China wird sanktioniert und gleichzeitig finanziert: Heraus stechen in beiden Fällen die USA und Europa. Die historisch größten CO2-Emittenten finanzieren also den größten aktuellen Klimasünder. Und dies betrifft nicht nur Chinas Kohleindustrie: Wie Urgewalds Recherchen zeigen, wird auch in den Öl- und Gasbereich Chinas investiert.  

Wenn wir irgendeine Chance auf die Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad haben und die Biodiversität unseres Planeten schützen wollen, muss der Ausbau der fossilen Industrie beendet werden. Im Oktober sollen nun die Indikatoren zur Umsetzung des Aichi-Protokolls zum Schutze der Biodiversität ausdefiniert werden. Ein Stopp der weiteren Finanzierung fossiler Firmen, allen voran der Kohleindustrie, sollte hier mit aufgenommen werden.


Dr. Nora Sausmikat und Katrin Ganswindt arbeiten bei der NGO Urgewald e.V. Die Sinologin Sausmikat ist am China Desk aktiv und arbeitet an Kampagnen zu multilateralen Finanzinstitutionen, insbesondere der Asiatischen Infrastruktur Bank (AIIB). Ganswindt widmet sich Kampagnen zum Kohleausstieg und Divestment und ist an Daten-Recherchen für die Global Coal Exit Liste beteiligt, die die weltweite Kohleindustrie aufschlüsselt.

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