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Chinas unvergessener Held

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling aus dem Jahre 2017

Im Frühlingsfest erhielt ich ein Lebenszeichen des hochangesehenen Chirurgen Jiang Yanyong. (蒋彦永). Die Welt hat seinem beherzten Handeln und ärztlichen Ethos zu verdanken, dass 2003 die Lungenseuche Sars (Severe Acute Respiratory Syndrome), Vorläuferin von Covid-19, frühzeitig enthüllt und gestoppt wurde, bevor sie sich zur Pandemie entwickeln konnte. Weil Jiang auch nicht mehr verschweigen wollte, was er als Chefarzt während des Tiananmen-Massakers am 4. Juni 1989 sah, kam er zum ersten Mal in Haft. Jiang ist einer der Helden, die Peking vergessen machen möchte, dass es sie gibt. 

Erstmals gibt es ein aktuelles Foto aus dem Hausarrest, in dem er seit April 2019 eingesperrt lebt. Es zeigt Jiang und seine Frau Hua Zhongwei in ihrer Wohnung in Peking. Der Arzt hält einen Plüschtier-Ochsen, das Tiersymbol des im Februar begonnenen chinesischen Neujahr. Sein Gesicht wirkt aufgeschwemmt. Er soll, wie ich von einem seiner engsten Freunde vergangenes Jahr erfuhr, in Pekings Armeekrankenhaus 301 mit „Medikamenten ruhiggestellt“ worden sein und seither unter „Gedächtnisverlust“ leiden. Jiang arbeitete von 1957 an, zuletzt als Leiter der Chirurgie für das Prominentenhospital, in dem auch Chinas höchste Parteifunktionäre behandelt werden

Jiang Yanyong mit seiner Frau Hua Zhongwei

Die Aufnahme wurde im chinesischen WeChat verbreitet. Sie wirkt authentisch. Ich kenne sein Apartment, wo ich ihn im Frühjahr 2019 mehrfach traf. Beim letzten Besuch radelte mir der damals 87-Jährige entgegen, holte mich am Eingang zum bewachten Wohnblock ab und gab mich als seinen Patienten aus. Ende März kam er noch zu mir in das Sanlitun-Diplomatenviertel. Auf dem Weg hätte er seine Beschatter abschütteln können. Er habe keine Angst, denn „ich breche keine Gesetze“. Aber er werde nicht mehr schweigen, wenn Menschen willkürlich getötet werden, so wie er es in der Nacht auf den 4. Juni 1989 mit erlebte. „Als Arzt weiß ich, wie wertvoll jedes einzelne Leben ist.“ Am Tag, bevor ihn die Behörden in politischen Lockdown einsperrten, schickte er eine SMS: „Jetzt ist es für mich unmöglich, rauszugehen. Warten wir ab. Ich hoffe, dass es Euch gut geht! Doktor Jiang.“ 

Sehnsucht nach Meinungsfreiheit wird zensiert

Dann wurde es um ihn still. Doch 2021, zum ersten Todestag des couragierten Wuhaner Arztes Li Wenliang (李文亮) , der Anfang 2020 vor der vertuschten neuen Corona-Epidemie warnte und am 7. Februar daran starb, erinnerten plötzlich Blogger an seinen „großen“ Vorgänger Jiang, der das Gleiche vor 18 Jahren tat. Lis Protestruf: Eine gesunde Gesellschaft braucht mehr als nur eine Stimme. (一个健康的社会,不该只有一种声音) sei auch das Credo von Jiang Yanyong gewesen. Die Zensur löschte rasch solche Beiträge. 

Anders als im Fall des 34-jährigen Li hörte China und die Welt auf das, was Jiang ihnen 2003 zu sagen hatte. Entsetzt hatte er im Fernsehen am 3. April 2003 mit angesehen, wie der damalige Gesundheitsminister Zhang Wenkang die von Guangdong nach Peking überschwappende Sars-Seuche herunterspielte. Alles sei bestens unter Kontrolle. Nur 12 Personen wären erkrankt und drei gestorben.    

Zivilcourage Jiangs blamiert KP

Jiang wusste da von mindestens sieben Toten und 207 Infizierten, die in Peking heimlich behandelt wurden. Er informierte am 5. April den Staatssender CCTV und Phoenix TV, wie gefährlich die Infektion tatsächlich war. Doch sein Warnruf wurde ignoriert. Am 8. April gab Jiang die Nachricht an den Korrespondenten des US-Magazin „Time“ weiter. Das brachte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf den Plan und zwang Chinas Führung zum Handeln. Am 20. April feuerte sie den Gesundheitsminister und einen weiteren Funktionär und mobilisierte das ganze Land zum Kampf gegen Sars. Peking stoppte die Epidemie bis August, bevor sie zur Pandemie wurde. Weltweit forderte Sars 8422 Infizierte und 919 Tote, vor allem in der Volksrepublik, in Hongkong und auf Taiwan.    

Chinas Öffentlichkeit feierte Jiang für seine Zivilcourage zum Unwillen der Partei, die ihm ihren Gesichtsverlust nicht verzieh. Die Behörden gingen gegen ihn vor, als er im Februar 2004 erstmals über die Nacht auf den 4. Juni 1989 berichtete. Jiangs Militärkrankenhaus 301 lag auf der Einmarschroute der um sich schießenden Truppen zu dem von Studenten besetzten Tiananmen-Platz des Himmlischen Friedens. Zwischen 22.00 Uhr und Mitternacht wurden 89 Verletzte mit furchtbaren Schusswunden eingeliefert. Als Chefchirurg operierte Jiang mit drei Ärztegruppen bis in den Morgen. Sieben Personen konnte er nicht retten.  

Das Tabu um Tiananmen brechen

Nach 15 Jahren wollte er darüber nicht mehr schweigen, verlangte nach Rehabilitierung der Opfer. Die Behörden nahmen den Parteiveteranen, der 1952 der KP Chinas beitrat, im Juni 2004 sechs Wochen in Haft, bevor sie ihn weitere acht Monate unter Hausarrest stellten. Jiang blieb unbeugsam. 2019 schrieb er an Parteichef Xi Jinping, daß er im Armee-Einsatz 1989 den „schlimmsten Fehler“ und das „schlimmste Verbrechen“ der Staatsführung sehe. Die Partei müsse ihre Angst überwinden, daß in China Chaos ausbricht, wenn sie erlaubt, die Ereignisse neu zu bewerten. „Dies ist mein fünfter Brief an Xi“, sagte mir Jiang damals. „Eine Antwort habe ich nie bekommen.“   

Er wurde erneut unter Hausarrest gestellt. Jiangs Name ist tabuisiert, so wie auch das Massaker des 4. Juni. Der Schriftsteller Yan Lianke nennt die ständige Verfälschung der wirklichen Geschehnisse und die Versuche der Partei, sie vergessen zu lassen, eine „staatlich gesponserte Amnesie“. Sie „übertrumpft im heutigen China das Gedächtnis.“  

Mit gigantischem Propagandaaktionen hat sich Peking nicht nur zum Sieger über Sars 2003, sondern auch über Corona erklärt. Es hat nichts von seinen Fehlern gelernt. Sonst hätte Chinas Führung vermutlich auch die Corona-Epidemie früh genug stoppen können, bevor sie zur Pandemie wurde. Und der bald 90-jährige Jiang würde heute nicht im Hausarrest sitzen.

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