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Chinas Gefühlsstau

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Für Chinesen ist es ein Unglück, „das Gesicht zu verlieren“. Warum? Ein deutscher Psychotherapeut weiß die Antwort: Jeder besitze ein „wahres Gesicht“. Es sei aber in einer Diktatur viel „zu gefährlich“, dieses zu zeigen. Unter „der zur Schau getragenen Maske schmort ein gestautes Gefühlspotenzial von existenziellen Ängsten, mörderischer Wut, Hass, tiefem Schmerz und oft bitterer Traurigkeit“.

Das Zitat stammt von Hans-Joachim Maaz, der viele Jahre Chefarzt an der psychotherapeutischen Klinik in Halle war. Er bezieht sich aber nicht auf China. Nach dem Fall der Mauer schrieb er ein „Psychogramm der DDR“, das 1990 unter dem Titel „Gefühlsstau“ (Argon-Verlag) erschien. Der innerdeutsche Bestseller wurde 2013 auch unter dem Titel „Gefühlsstau“ (情感堵塞) ins Chinesische übersetzt und erregte Aufsehen unter Psychologen, Sozial- und Erziehungswissenschaftlern. Seit sich Parteichef Xi Jinping in absoluter Macht eingerichtet hat und die Re-Ideologisierung seines Landes betreibt, passen solche kritischen Reflexionen über das Verhalten von Menschen und ihre gespaltene Persönlichkeit in autoritären Staaten nicht zu der von Xi propagierten neuen Ära des sozialistischen China und zur Verwirklichung seines Traums von der Erneuerung der Nation.

Umschlag des 2013 erschienenen "Gefühlsstau" (情感堵塞) von Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz. Obwohl es ein "Psychogramm der DDR" ist, können Chinesen ihren autoritären Charakter dank eigener Diktatur wiedererkennen. Das Buch passt nicht mehr in die neue Xi-Jinping-Landschaft, ist heute in China nur noch antiquarisch und zum Fünffachen des einstigen Preises zu finden. Auch in China führen viele ein Doppelleben.
Umschlag des 2013 erschienenen „Gefühlsstau“ (情感堵塞) von Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz. Obwohl es ein „Psychogramm der DDR“ ist, können Chinesen ihren autoritären Charakter dank eigener Diktatur wiedererkennen. Das Buch passt nicht mehr in die neue Xi Jinping-Landschaft, ist heute in China nur noch antiquarisch und zum Fünffachen des einstigen Preises zu finden.

Das Leben der Menschen in der DDR, so Maaz, sei „im Wesentlichen durch soziale Fassaden gekennzeichnet gewesen, das zwangsläufige Ergebnis repressiver Erziehung.“ Psychotherapeuten durchschauten die Mechanismen, „mit deren Hilfe es Menschen möglich wird, die neue ‚Identität‘ als ihre ‚wahre‘ Natur zu empfinden – die Abspaltung von den Gefühlen macht dies möglich.“ So wurde „das aufgenötigte zweite Gesicht allmählich zur Gewohnheit und schließlich zur selbstverständlichen Normalität. Doch kein Mensch kann auf Dauer mit Verstellung gut leben“.

Politik-fluchende Taxifahrer sind auch mal KP-Mitglied

Treffen solche Diagnosen auch auf das Verhalten der heutigen Chinesen zu, die in einer globalisierten und freizügigen Konsumgesellschaft aufwachsen? Im Reformchina nach Mao Zedongs Tod wirkt alles in grotesker Weise zweigeteilt und hat auch eigene Begriffe dafür, vom Mischmasch aus Plan-, Staats- und Marktwirtschaft bis hinein in die Familie, wo der eine Ehepartner für eine Staatsbehörde oder ein Staatsunternehmen arbeitet und der andere für ein Privatunternehmen (体制内体制外); für die Bauern, die in den Städten ohne Hukou-Bürgerstatus nur Zugewanderte zweiter Klasse sind, bis hin zu „ein Land zwei Systeme“ (一国两制), das Peking gerade für Hongkong beendete.

Scheinbar andere Erfahrungen, wonach sich Chinesen pragmatisch und flexibel der jeweiligen Lage anpassten, erlebten (noch bis kurz vor dem Lockdown) ausländische Reisende schon nach ihrer Ankunft im Land. Auf dem Weg in die Stadt konnten sie (sofern sie die Sprache verstanden) hören, wie unbekümmert ihr Taxifahrer lauthals über Chinas Führung schimpfte. Als ich einen über seine Regierung oft fluchenden Fahrer näher kennenlernte, erwies er sich als Parteimitglied. Er stünde morgens extra früh auf, um freiwillig vor Arbeitsbeginn Quizfragen in einer Schulungs-App der KP China (学习强国) zu lösen. Das Lob für seine perfekt linientreuen Antworten ging in seinen Beurteilungsbogen ein. Er verstand nicht, was an seinem Verhalten widersprüchlich sein sollte: „Das machen doch alle so.“

Auch das Ehepaar, das am Wochenende ihrer Tochter zu Hause erlaubte, aufreizende südkoreanische und japanische Musikvideos auf raubkopierten DVDs zu gucken, fand nichts Verlogenes daran. Sie belohnten doch nur ihre Tochter, die in der Schule nicht nur gute Noten erhielt, sondern wegen vorbildlicher sozialistischer Moral das rote Halstuch für Jungpioniere tragen durfte. Auch die Eltern schauten sich zu Hause illegale Kopien ausländischer TV-Serien an. Am nächsten Morgen sangen sie in der organisierten Betriebspause im Kollegenchor kraftvoll mit: „Ohne kommunistische Partei gibt es kein neues China.“

Neusprech und Doppeldenk weit verbreitet

„China ist zum Land mit den schwerwiegendsten Fällen geteilter Persönlichkeiten geworden“ (中国是双重人格最严重的国家), warnt der Essayist Wang Xiao (王霄). Die in der Reformzeit übersetzten Bücher und Schriften von Hannah Arendt zum autoritären Charakter und über die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ haben ihn in seinem Urteil stark beeinflusst.

Die Folgen finden unter Chinesen auch deshalb besonders fruchtbaren Boden, weil sie durch den Einfluss tradierter konfuzianischer Erziehung verstärkt werden, die das Individuum von klein auf zur Ein- und Unterordnung vorbereiteten. In Schulen, wo heute in den Fächern Chinesisch, Geschichts- oder Gesellschaftskunde „hanebüchener Unsinn“ eingepaukt werden muss, sei das von George Orwell in 1984 beschrieben „Neusprech“ und „Doppeldenk“ verbreitet, schreibt der bekannte Kulturkritiker und Hochschullehrer Xu Ben (徐贲). 

China: Karrikatur über Doppelleben in China
„Sich von Herzen Aussprechen“ nannte der Pekinger Altmeister chinesischer Satire, Feng Cheng, seine Erinnerung an die Zeit der Kulturrevolution und deformierte Persönlichkeiten, als sich auch beste Freunde anschwiegen. Nur der Dunst über den Tee formiert sich zu Fragezeichen. Die staatliche Propaganda (links) verkündet auf dem Maulkorb. „Allseitige Diktatur- die Lage ist ausgezeichnet“. Auch heute schweigen Intellektuelle wieder.

Er lebt heute in den USA. China sieht er in eine „neue Form des Totalitarismus“ abdriften. Es habe sich vom ursprünglichen Totalitarismus (unter Stalin und Hitler) über den Post-Totalitarismus (einst etwa in Osteuropa) in diese dritte Form entwickelt (从极权主义、后极权主义到“新极权主义). Sie sei eine Variante des Post-Totalitarismus und verurteile dessen liberale Züge als politische „Schwäche“. Doch der neue Totalitarismus produziere nur „Flickwerk“, keine Terror verbreitende, systematische Repression, sondern partielle, wenn auch massive Formen der Unterdrückung. Etwa, um Medien und das Internet zum Schweigen zu bringen oder Massenproteste gewaltsam zu beenden. Aber er besitze nicht mehr die Überzeugungskraft und „Fähigkeit zur ideologischen Mobilisierung„.

Rituale als eine Form der Politik

Chinaexperte Minxin Pei, Professor für Regierungsmanagement am Claremont McKenna College in den USA, sieht die Volksrepublik in eine zweigeteilte Welt abdriften (bifurcated world). Im Podcast mit der Financial Times sagt er: „Die Menschen wissen, dass das Ritual zu einer Seite der Politik geworden ist und müssen folgen. Dabei ist es gleich, ob sie daran glauben oder nicht.“ Es funktioniere, solange auf der anderen Seite der Politik noch „Substanz, Realität und Pragmatismus“ vorhanden seien. Derselbe Beamte, der „stolz sein Smartphone vorzeigt, auf dem er allmorgendlich seine Lernpensum zum Denken Xi Jinpings absolviert hat, dreht sich danach um und spricht in sehr pragmatischer Weise über die aktuellen Herausforderungen in seiner Arbeit.“ Minxin Pei ist „unter Maos Herrschaft aufgewachsen. Damals glaubten alle an das politische Ritual. Heute müssen wir einen großen Teil Abstriche machen, ob das Xi Jinping-Denken von Parteimitgliedern, Beamten und normalem Volk wirklich angenommen wird.“

Pei beklagt, dass der Freiraum für kritisch liberale Vorstellungen in den Universitäten „vollständig geschlossen“ wurde. Seine Akademikerfreunde meldeten sich nicht mehr öffentlich zu Wort. „Alle, die smart sind, halten ganz einfach ihren Mund“.

Am Ende müsse als Kitt der Patriotismus die innerliche Kluft überbrücken, über die sich viele gar nicht bewusst sind. Der oppositionelle Autor Huang Yukai, Mitglied des unabhängigen chinesischen Pen, bezeichnet die Zweiteilung der Persönlichkeit als „Schizophrenie“, aber nicht im medizinischen Sinne, sondern als Diagnose einer vom System induzierten Persönlichkeitsstörung.

In den Reform-Jahrzehnten nach Maos Tod wurden Chinas Erfahrungen mit der Diktatur ausgearbeitet, wurden Bücher von Hannah Arendt bis George Orwell übersetzt. 2011 erschien noch ein großes Magazin als Themen-Sonderheft unter dem Titel: Warum lügen Chinesen gerne? Heute dürfte es nicht mehr erscheinen. Unter Diktaturen führen Menschen häufig Doppelleben - so auch in China.
In den Reform-Jahrzehnten nach Maos Tod wurden Chinas Erfahrungen mi der Diktatur ausgearbeitet, wurden Bücher von Hanna Ahrendt bis George Orwell übersetzt. 2011 erschien noch ein großes Magazin als Themen-Sonderheft unter dem Titel: Warum lügen Chinesen gerne?. ´Heute dürfte es nicht mehr erscheinen.

Dabei gab es auch in China nach dem Tod Maos öffentliche Debatten darüber, wie sich unterscheiden lässt, was wahr und echt, falsch und verlogen ist. Übersetzungen, etwa von mehr als zwei Dutzend Schriften und Büchern von Hannah Arendt trugen ebenso dazu bei, wie der Roman „1984“ von George Orwell, oder „Farm der Tiere“.

2009 wurde etwa eine Debatte initiiert, ob und ab wann sich Chinesen daran erinnern könnten, Lügen erlernt zu haben. Viele antworteten, das sei in der Grundschule gewesen, als das System mit seiner politischen Indoktrination begann. 2011 erschien das Magazin „Die Neue Woche“ (新周刊) mit einer Sonderausgabe: „Warum lieben es die Chinesen, Lügen zu erzählen?“ Der kritische Autor Wu Si (吴思) überschrieb damals seinen Beitrag: „Wenn die Herrschenden Lügen verbreiten, geben wir vor, sie zu glauben.“

Heute wirkt sich der Gefühlsstau aus. Viele glauben die Lügen.

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