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Chinas Aufstieg ist alles andere als gewiss

Von Gerhard Hinterhäuser
Gerhard Hinterhäuser schreibt hier zu Chinas Aufstieg

China meint von Sieg zu Sieg zu eilen. So scheint Chinas Aufstieg nicht fern. Es hat die Coronavirus-Pandemie besser bewältigt als der Westen und knüpft geradezu nahtlos an die alte Wachstumsdynamik an. Letztes Jahr hat es mit Nachbarn aus der Region die Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), die größte Freihandelszone der Welt, beschlossen und mit der EU das umstrittene CAI unterzeichnet. Über die Belt and Road Initiative breitet China seinen Einfluss konsequent bis nach Europa hinein aus.

Bei neuen Technologien hat sich Peking ganz nach vorne gearbeitet. Es investiert immer größere Beträge in seinen militärischen Apparat und nutzt diese Macht vermehrt zur Durchsetzung seiner Interessen. Nationen, die sich China widersetzen, werden durch ökonomische Sanktionen und andere Maßnahmen empfindlich bestraft. Australien und Kanada sind nur die jüngsten Beispiele.

Ausdruck chinesischer Hybris?

Die Vorstellung, dass China zur führenden Macht des 21. Jahrhunderts heranwächst, während der Westen seine besten Tage hinter sich hat, gewinnt immer mehr Anhänger. Präsident Xi ist von der Mission beseelt, die „große Erneuerung der chinesischen Nation“ herbeizuführen und wähnt sich von der Historie begünstigt. Die Regierung in Peking und seine Medien propagieren das Narrativ des unweigerlichen Aufstiegs Chinas mit Nachdruck, denn je mehr daran geglaubt wird, desto so höher die Wahrscheinlichkeit, dass es Realität wird.

Ist der Aufstieg Chinas tatsächlich so unaufhaltsam oder ist dieses Narrativ Ausdruck chinesischer Hybris? Unterschlägt es nicht ganz offensichtliche Schwächen des chinesischen Systems? Sind wir naiv, wenn wir China Glauben schenken?

Für eine richtige Kalibrierung unserer Chinapolitik ist es erforderlich, Licht und Schatten zu erkennen und richtig einzuschätzen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir entweder in einen unnötigen Alarmismus verfallen oder uns der chinesischen Herausforderung nicht mit ausreichender Kompetenz und Engagement stellen

Im vergangenen Jahrzehnt ist in China eine Gemengelage entstanden, die durchaus explosiv ist und der die Regierung höchste Aufmerksamkeit erteilt.

Innen- und außenpolitische Spannungen

Außenpolitisch ist es um China immer einsamer geworden. Der jüngsten Umfrage des Pew Research Centers zufolge hat das Ansehen Chinas in den letzten Jahren weltweit erheblich gelitten. Der „demokratische Westen“ schickt sich an, gemeinsame Strategien zu entwerfen, um der chinesischen Herausforderung entgegenzutreten. Dies wird den Handlungsspielraum Chinas in der Welt einschränken. Angesichts der geopolitischen Ansprüche Chinas gibt es immer lautere Warnungen vor dem Ausbruch militärischer Konflikte.

Einsichten in die innenpolitischen Verhältnisse sind naturgemäß sehr beschränkt, es wird aber immer wieder auf weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem rigiden Kurs der Regierung hingewiesen. Die Abschaffung der Amtszeitbegrenzung für den Präsidenten hat nicht nur das Ausland überrascht. Die konsequente Unterordnung aller Gesellschaftsbereiche durch die KP Chinas nimmt vorher bestehende Freiheiten zurück und die harten Kampagnen gegen Feinde der politischen Führung provozieren Widerstand.

Überkapazitäten, Immobilienblase, demografische Bombe

In wichtigen Sektoren der Wirtschaft gibt es ausufernde Überkapazitäten. In der Stahlindustrie wurden Kapazitäten von 1,2 Mrd. Tonnen pro Jahr aufgebaut bei einer geschätzten nachhaltigen Nachfrage von 400 Millionen Tonnen. Auch weitere Branchen der chinesischen Wirtschaft leiden an Überkapazitäten. Gleichzeitig ist die Verschuldung über alle Sektoren auf mehr als 300 Prozent des Bruttosozialprodukts angestiegen, was den IWF veranlasst hat, vor erheblichen Verwerfungen zu warnen. Es macht das Wort vom „roten Ponzi“ die Runde.

Der Immobilienmarkt, der direkt und indirekt einen Anteil von 30 Prozent am BSP hat, wird als die größte Blase in der Geschichte bezeichnet. Es sollen mehr als 100 Millionen Wohneinheiten leer stehen – Wohnraum für mindestens 300 Millionen Menschen einer rasch schrumpfenden Bevölkerung.

Die demografische Entwicklung stellt eine weitere enorme Herausforderung dar. Die Bevölkerung wächst nicht mehr. Waren 2010 noch 70 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, so wird diese Zahl bis 2050 auf 54 Prozent sinken. Ein erwerbstätiger Chinese muss dann für einen „Abhängigen“ sorgen – 2010 waren es noch zwei Erwerbstätige. Der Anteil der über 60-jährigen wird sich bis 2050 verdreifacht haben und mehr als 30 Prozent der Bevölkerung betragen. China läuft Gefahr, alt zu sein, bevor es reich geworden ist.

Chinas Aufstieg zum Hocheinkommensland nicht gewiss

Zwar hat die Regierung bisher eine hohe Fähigkeit bewiesen, anstehende Probleme zu bewältigen und es wäre ein Fehler, China zu unterschätzen. Der unausweichliche Aufstieg Chinas an die Weltspitze ist jedoch mit erheblichen Fragezeichen versehen und wir brauchen uns von den immer neuen Erfolgsschlagzeilen nicht blenden zu lassen. In der Tat gibt es historisch nur wenige Länder, die es geschafft haben, der „Middle Income Trap“ zu entkommen und ob China dazugehören wird, sei dahingestellt (China.Table berichtete).

Die Vision von China als der neuen Macht des 21. Jahrhunderts mag zukunftsweisend klingen. Sicher ist, dass wir China als Wettbewerber und systemischen Rivalen ernst nehmen und in Zukunft mit vermehrter Kompetenz und Aufmerksamkeit entgegentreten müssen. Gleichzeitig aber haben wir in der Begegnung mit dem Land allen Anlass zu gutem Mut und Selbstvertrauen. Es sind die Gesellschaften der westlichen Wertegemeinschaft welche – bei aller Kritik – die einzigartigen zivilisatorischen Errungenschaften der modernen Zeit hervorgebracht haben. Es wird für das heutige China nicht einfach sein, sich als entsprechende Alternative zu etablieren.

Dr. Gerhard Hinterhäuser ist Partner bei der Unternehmensberatungsgesellschaft Bingmann Pflüger International. Er lebt in Asien und Deutschland und war von 2006 bis 2014 Mitglied der Geschäftsführung der staatseigenen Firma PICC Asset Management Co. Ltd. in Shanghai.

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