Themenschwerpunkte


Chinas Absicherung gegen geopolitische Schocks

Von Zhang Jun
Zu sehen ist Zhang Jun, Direktor des Thinktanks China Center for Economic Studies in Shanghai: Er schreibt über die Absicherung Chinas gegenüber geopolitischen Schocks.
Zhang Jun ist Direktor des Thinktanks China Center for Economic Studies in Shanghai.

In Hinblick auf geopolitische Auswirkungen könnte wohl nichts von größerer Bedeutung sein als der Schwenk der Vereinigten Staaten von strategischer Kooperation hin zu einem strategischen Wettbewerb mit China. Wie aus einem Ende letzten Jahres veröffentlichten Bruegel-Bericht hervorgeht, stimmt dieser Sinneswandel zahlreiche Beobachter pessimistisch, wenn es um die chinesischen Wirtschaftsaussichten geht. Man geht offenbar davon aus, dass China keine andere Wahl hat, als von seinem erfolgreichen Entwicklungspfad abzuweichen und einen weniger florierenden Kurs mit einer Hinwendung nach innen einzuschlagen, und dies unter einem Staat, der vollständige Kontrolle über die Wirtschaft ausübt, um sich gegen geopolitische Schocks abzusichern. Doch bei Chinas Bestrebungen, in gewissen Bereichen seine wirtschaftliche Unabhängigkeit zu fördern, handelt es sich um vernünftige Reaktionen auf externen Druck – und keineswegs um Anzeichen des Niedergangs seines Wirtschaftsmodells oder seiner Perspektiven.

In den letzten Jahren haben die USA ihre Bemühungen zur „Eindämmung“ des chinesischen Aufstiegs intensiviert. Neben der Einführung von Zöllen und nichttarifären Hemmnissen für Einfuhren aus China wurden chinesische Investitionen eingeschränkt, indem man beispielsweise chinesische Unternehmen daran hinderte, Firmen in einigen High-Tech-Sektoren in den USA zu erwerben. Außerdem setzten die USA weiterhin chinesische Firmen auf ihre sogenannte Entity List. Dadurch verwehrte man diesen Unternehmen den Zugang zu amerikanisch kontrollierten kritischen Technologien wie Halbleitern, hielt US-Kapital von einigen strategischen Branchen Chinas fern und verdrängte chinesische Unternehmen von US-Börsen.

Eine Frage der Zeit bis China technologisch zu den USA aufschließt

Wie mein Ko-Autor, Shuo Shi, und ich in einer 2020 erschienenen Arbeit zeigen, könnte diese Politik nur zu eskalierenden strategischen Kosten für die USA führen. Und entgegen der landläufigen Meinung sind ihre längerfristigen Auswirkungen womöglich sehr begrenzt, geschweige denn ausreichend, um den Aufstieg der chinesischen Wirtschaft zu beenden.

Ein noch bedeutenderer Punkt wird in dieser Diskussion übersehen. China hat hinsichtlich seiner technologischen Stärke gemessen am Wert des akkumulierten Sach- und Humankapitals bereits eine kritische Schwelle überschritten. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis China technologisch zu den USA aufschließt.

Die chinesische Führung machte deutlich, dass sich das Land schneller in Richtung weltweiter technologischer Parität bewegen muss, um die Gefahr aufgrund geopolitischer Auswirkungen zu mildern. In den letzten Jahren hat die Regierung die Ausgaben erhöht, um Chinas Kapazitäten in grundlegenden und strategischen Sektoren zu stärken, darunter Bildung, Wissenschaft und Technologie, Landwirtschaft und erneuerbare Energien. Außerdem wurde die rasche Entwicklung von Branchen der Spitzentechnologie wie Big Data, Cloud Computing, 5G und künstliche Intelligenz unterstützt.

5G-Ausbau ist nicht nur eine Reaktion auf geopolitische Schocks

In ähnlicher Weise hat China gemäß seines Fünfjahresplans auch sein digitales Infrastruktursystem ausgebaut. Laut Angaben des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie hat China bereits 1,4 Millionen 5G-Basisstationen errichtet – mehr als 60 Prozent der weltweiten Gesamtzahl. Allein im letzten Jahr wurden über 650.000 dieser Stationen gebaut.

Bei diesen Bemühungen handelt es sich nicht einfach nur um eine Reaktion auf die Eindämmungsstrategien der USA und geopolitische Schocks, sondern größtenteils um eine Antwort auf die sich von innen ergebende Notwendigkeit, ein weiter fortgeschrittenes Stadium der wirtschaftlichen Entwicklung zu erreichen. In Anbetracht dieser Sachlage haben die Bestrebungen der USA zur Eindämmung Chinas vielleicht am meisten dazu beigetragen, Chinas Schwächen zu verdeutlichen und weitere Fortschritte bei deren Beseitigung anzustoßen.

Die chinesischen Behörden glauben nicht, dass die amerikanische Eindämmungspolitik China aus dem bestehenden globalen Wirtschaftssystem herausdrängen, geschweige denn, ihr Land dazu bringen wird, ein nach innen gerichtetes, staatlich kontrolliertes Entwicklungsmodell anzustreben. Prognosen, wonach die US-Politik derartige Wirkungen entfalten würde, unterschätzen die Zuwächse im Bereich Wettbewerbsfähigkeit, die Chinas wirtschaftlichem Aufstieg in den letzten zwei Jahrzehnten vorangetrieben haben sowie auch dessen tiefgreifende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. 

Peking will weiter Verbindung zu internationalen Märkten

China hat die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt aufgebaut und enormes Sach- und Humankapital angehäuft. Außerdem ist das Land eng in die weltweite Produktion eingebunden – und bildet dabei ihren zentralen Angelpunkt – und hat ergänzend dazu Beziehungen zu fortgeschrittenen Volkswirtschaften aufgebaut. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass China in umfassender Weise aus den globalen Lieferketten verdrängt wird.

Tatsächlich verfolgte China auch während des Aufbaus von Widerstandskraft im Inneren auch weiterhin die Wirtschaftsliberalisierung, wie etwa durch die Verbesserung des Geschäftsklimas, die Schaffung eines offeneren Finanzsektors und die Errichtung zahlreicher weiterer Freihandelszonen. Und die Regierung setzt sich auch weiterhin für die Liberalisierung des Binnenmarktes ein, um die Verbindung zu den internationalen Märkten aufrechtzuerhalten.

Abgesehen von den geopolitischen Herausforderungen muss sich China mit eigenen innerstaatlichen Problemen auseinandersetzen, angefangen bei der Fertilitätskrise. Obwohl die chinesische Regierung ihre übermäßig restriktive Geburtenpolitik gelockert hat, sind Erfahrungen in Ostasien ein Hinweis darauf, dass die Geburtenrate, wenn auch langsamer, doch weiter sinken könnte.

Rentenalter in China wird steigen

Um dem Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter Einhalt zu gebieten, wird China wohl bald das Rentenalter anheben. Zur Absicherung gegen die Auswirkungen einer alternden Bevölkerung auf das künftige Wirtschaftswachstum, wird die Regierung weiterhin die Investitionen in Bildung erhöhen, um so die Qualifikationen der Arbeitskräfte zu fördern und langfristig die Arbeitsproduktivität zu steigern.

Um das Wachstumspotenzial der Wirtschaft zu steigern und auszuschöpfen, gilt es für China, sich dringend produktivitätssteigernden Strukturreformen zu verpflichten. Hier sollte China Lehren aus ostasiatischen Volkswirtschaften ziehen, wo auf eine Phase hohen Wachstums fast immer eine Verlangsamung des Wachstums der totalen Faktorproduktivität folgte.

Eine dieser Lehren besteht darin, dem politischen Druck zu widerstehen, Ressourcen in weniger produktive Regionen zu leiten. Eine andere Lehre ist, Überinvestitionen in Bereiche wie Immobilien zu vermeiden, die nicht viel zum Produktivitätswachstum beitragen und makroökonomische Instabilität verursachen.

Reformen müssen beschleunigt werden

Aus diesem Grund muss die chinesische Regierung herausfordernde Strukturreformen in Angriff nehmen, im Rahmen derer Fehlallokation von Ressourcen korrigiert werden und ein Produktivitätswachstum ermöglicht wird, für das nach wie vor großer Spielraum besteht. So sollte China beispielsweise seine Wirtschaft stärker für privates Kapital öffnen. Dies würde dazu beitragen, zusätzliche Ressourcen in produktivere, unternehmerische Sektoren zu lenken, die sie effizienter und kreativer einsetzen würden als staatliche Unternehmen.

Das Wachstums- und Produktivitätspotenzial Chinas ist noch lange nicht ausgeschöpft und weder die Eindämmungspolitik der USA noch geopolitische Schocks werden diese Entwicklung bremsen. Um jedoch sein Potenzial auszuschöpfen, muss China – wie schon Ende der 1990er Jahre – seine Bemühungen um Strukturreformen beschleunigen und die Ressourcenallokation durch die Förderung eines gerechteren, wettbewerbsfähigeren und stärker marktorientierten Systems verbessern.

Zhang Jun ist Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Fudan und Direktor der in Shanghai ansässigen Denkfabrik China Center for Economic Studies. Übersetzung: Helga Klinger-Groier.

Copyright: Project Syndicate, 2022.
www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema

    Chinas schönster Mythos von der Hälfte des Himmels
    Mit Tricks und Intransparenz zu schöneren Zahlen
    Vorteile einer chinesisch-amerikanischen Klimazusammenarbeit
    Ab welchem Punkt führt Kooperation zu Komplizenschaft?