Themenschwerpunkte


Chinesische Verwirrspiele mit Visitenkarten

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Seitdem es Geschäftsleute aus aller Welt – im Zuge von Pekings Reform- und Öffnungspolitik – nach China zieht, haben Schulungen Konjunktur, wie man sich dort interkulturell verhalten solle, um keinen Fauxpas zu begehen. Richtig mit Visitenkarten umzugehen, steht auf der Benimm-Liste von Consulting-Unternehmen ganz oben. Schließlich folge die Volksrepublik uralten Traditionen. Daran stimmt aber nur, dass Visitenkarten in China erstmals schon vor mehr als 2.000 Jahren im Gebrauch waren. Doch die modernen Namens- und Businesskarten und wie man sie überreicht oder entgegennimmt, schauten sich Chinesen von Europäern und Japanern ab. Erst seit der Digitalisierung der Visitenkarte hat Peking erneut die Nase vorn.  

Zwei traditionelle Namenskarten spielten dagegen vor 121 Jahren im weltpolitischen Geschehen eine Rolle. Sie trugen zum Gefühl der Demütigung des chinesischen Kaiserreichs bei. Es ging darum, wie der deutsche Oberbefehlshaber der alliierten Interventionstruppen zur Niederschlagung des Boxeraufstandes mit ihm umging. Alfred Graf von Waldersee ließ die höchstrangigen Abgesandten des Hofes, Li Hongzhang und Prinz Qing, lange Zeit warten, bevor er sich herabließ, sie zu empfangen, obwohl sich beide mit ihren Visitenkarten formvollendet angekündigt hatten.

So sahen Chinas Visitenkarten einst aus. Die beiden Namenskarten stammen  von Prinz Qing und Li Hongzhang.
So sahen Chinas Visitenkarten einst aus. Die beiden Namenskarten von Prinz Qing und Li Hongzhang, die sie als Abgesandte des Kaiserhofes dem deutschen Oberbefehlshaber Graf von Waldersee Tage vorher überbringen ließen, bevor er sie am 15. November 1900 endlich empfing. Aus dem Nachlass des Hauptmanns von Schönberg.

Noch provozierender war, dass ihm die Emissäre von Kaiserinwitwe Cixi ihre Aufwartung in Pekings imperialer Garten- und Seenanlage Zhongnanhai (中南海) machen mussten. Denn dort hatte Waldersee sein Hauptquartier aufgeschlagen. Er wohnte im Ziguangge (紫光阁), dem mehr als 200 Jahre alten „purpurstrahlenden Pavillon“. In den Gebäuden nebenan war seine deutsche Entourage untergebracht.  

Es war der 15. November 1900. „Um 3 Uhr nachmittags blühte uns ein historischer Moment“, notierte Oberstallmeister Fedor von Rauch in seinem Tagebuch: „Der Chef erwartete die beiden chinesischen Würdenträger… Ihnen mag es hart angekommen sein, dem deutschen Feldmarschall in den Gemächern ihrer Herrscherin ihren ehrfurchtsvollen Gruß darzubringen. Die Audienz dauerte gute anderthalb Stunden.“  

Illustration aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Ein Besucher trägt eine Visitenkarte bei sich und schlägt den Türgong.
Illustration aus der Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert: Ein Besucher trägt eine Visitenkarte bei sich und schlägt den Türgong.

Der Kaiserhof hatte Li Hongzhang „zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigen Minister zum Zwecke der Wiederherstellung des Friedens zwischen China und den fremden Mächten“ ernannt. Prinz Qing assistierte. Waldersee aber war zum Treffen mit ihnen erst bereit, als „sie sich nach wochenlangen Verhandlungen bequemten, ein schriftliches Audienzgesuch an ihn zu richten“, berichtete von Rauch. Beide Mandarine ließen ihren Besuch in traditioneller chinesischer Weise avisieren und schickten ihm vorab ihre Visitenkarten.  

Im Nachlass des Hauptmanns von Schönberg entdeckte ich die Namenskarten von Li und Prinz Qing. Sie hatten sie mit jeweils drei Schriftzeichen in schwarzer Tusche von oben nach unten geschrieben und auf längliches rotes Papier gepinselt. Ganz anders sahen die Karten der Vertreter der alliierten Truppen aus acht Staaten aus, ob von Japanern, Russen, Amerikanern oder Franzosen. Sie waren bereits in den heute bekannten viereckigen Formaten auf dünnem weißem Papier gedruckt. In Großbritannien konnte die 1884 gegründete Firma Oscar Friedheim schon 1889 bis zu 100.000 Einzelkarten pro Tag herstellen. Ihre Kartenschneid- und Gravurmaschinen stammten aus Deutschland.    

Visitenkarten wurden traditionell in besonderen Holzschachteln überbracht.
Visitenkarten wurden traditionell in besonderen Holzschachteln überbracht.

Nicht Europa lernte von China, wenn es um die Handhabung der modernen Visitenkarte „Mingpian“  (名片) geht, wie uns viele China-Knigge belehren. Es war umgekehrtDie Chinesen kopierten das europäische Format, die Zweisprachigkeit der Karte und ihre Drucktechnik. Von den Japanern lernten sie den Umgang. Diese hatten zwar die Schriftzeichen für den Begriff  Namenskarte „Mingci“ (名刺) aus dem Altchinesischen übernommen, aber entwickelten für sie ein formvollendetes Ritual. Es beginnt damit, dass die flache Karte zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände gehalten und dem Gegenüber mit angedeutetem Diener überreicht werden muss.

China lernte schnell. 2018 nannte die Pekinger Tageszeitung die heute massenweise Verbreitung von Namenskarten in der Volksrepublik ein wichtiges „Instrument für Sozialkontakte“ („社会交往的重要工具“). Genutzt wurden die Karten seit mehr als 2.000 Jahren in China. Adlige aus entfernten Fürstentümern oder Königreichen, die höherstehende Herrscher besuchten, legten ihren Geschenken und Tributen Plättchen aus Bambus oder Holz bei, die Ye (谒) hießen. Auf ihnen standen die Namen der Überbringer, oft auch Angaben zu ihrem Rang und von wo sie kamen. Spätere Dynastien verwendeten dann Seide, Stoffe und ab der Ming-Zeit auch Papier.  

Moderne gedruckte Karten kamen massenweise mit dem Wirtschaftsaufschwung nach der Kulturrevolution 1978 in China auf. Anfangs verzweifelten die Kunden von Pekings kleingewerblichen Druckereien. Denn diese konnten keine Fremdsprachen und brachten es nicht fertig, ausländisch geschriebene Namen fehlerfrei zu setzen. Erst Kopier- und Scantechniken lösten das hartnäckige Problem. 

Die IT-Revolution verhalf China aufzuholen und heute sogar Vorreiter der elektronischen Visitenkarte zu werden. Vor allem, nachdem 2011 WeChat aufkam und die digitale Businesskarte die gedruckte Namenskarte verdrängte. Nach aktuellen Angaben nutzten von 2011 bis 2021 mehr als 230 Millionen Chinesen Businesskarten, darunter seit 2017 mehr als 50 Millionen nur noch digital über Apps, WeChat und QR-Codes. In Metropolen wie Shanghai, Peking und Shenzhen stirbt die gedruckte Karte aus.  

2011 begann die Digitalisierung der Visitenkarte. Bis 2021 stellen bereits mehr als 50 Millionen Chinesen ihre Business-Karten mithilfe von QR-Codes, Apps und WeChat-Programmen online her. Werbung für den Service gibt es ausreichend, wie der Screenshot zeigt.

Ein halbes Jahrhundert, nachdem Waldersee sein kurzzeitiges Gastspiel im Zhongnanhai gegeben hatte, bezogen am 15. Juni 1949 Chinas Kommunisten den einstigen Park der Kaiser, noch bevor sie ihre Volksrepublik ausriefen. Mao Zedong machte Zhongnanhai zum Sitz der Partei und wohnte dort auch privat. Der Volksmund nennt das schwer bewachte Areal westlich vom Kaiserpalast seither die „neue verbotene Stadt.“

In seinem Purpurpalast (Ziguange) empfängt Chinas Führung heute manchmal illustre ausländische Gäste. Sie mag nicht an die kaiserlichen Vorbewohner erinnert werden. Noch weniger an die Zeit, als ein deutscher Oberbefehlshaber hier residierte und Abgesandte des Kaiserhauses bei ihm ihre Visitenkarten abgeben mussten. Nicht nur diese nahmen die Deutschen bei ihrem Abzug mit. Sie sollen auch allerlei andere Kunstschätze gleich mit abtransportiert haben.

Lesen Sie jetzt auch:

    BDI drängt zur Einhaltung von Menschenrechten
    Ein deutliches Bekenntnis der deutschen Wirtschaft zu Menschenrechten in China: Der Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), Siegfried Russwurm, hat an die deutschen Unternehmen appelliert, bei Geschäften in der Volksrepublik auf ihre Einhaltung zu bestehen. „China ist ein wachsender Wettbewerber, der immer wieder gegen die globalen Regeln verstößt. Als Exportland müssen wir eine Grenze ziehen, […] weiterlesen →
    Bild von Lee Felix
    von Felix Lee
    Lang lebe Chinas Großer Panda – 大熊猫万岁
    Chinas Panda-Diplomatie wurde durch ein Präsent an das US-Präsident Nixon bekannt – oder genauer gesagt, an seine Gattin Pat Nixon. Doch Pandas waren schon immer Imageträger und diplomatisches Mittel Pekings, sogar schon zur Zeit der Tang-Dynastie. Schießwütige Präsidentensöhnen fielen jedoch ein Exemplar der schwarz-weißen Bären zum Opfer. weiterlesen →
    Bild von Erling Johnny
    von Johnny Erling