Themenschwerpunkte


China-Strategien: Augenmaß statt Politisierung

Von Rolf D. Cremer und Horst Löchel
Rolf D. Cremer war Dekan der CEIBS in Shanghai, Horst Löchel leitet das Sino-German Center der Frankfurt School of Finance & Management. In Ihrem Standpunkt schreiben sie zur China-Strategie Deutschlands.
Rolf D. Cremer war Dekan der CEIBS in Shanghai, Horst Löchel leitet das Sino-German Center der Frankfurt School of Finance & Management.

Erste Entwürfe zur zukünftigen China-Strategie sind aus dem Außen- und dem Wirtschaftsministerium an die Öffentlichkeit gelangt. Das, was bekannt ist, lässt wenig Gutes für unser Land und insbesondere für unsere Wirtschaft erwarten. Die dort propagierte „wertebasierte Außen- und Handelspolitik“ führt rasch zu weltanschaulicher Bigotterie. Sie wird auch nicht der historisch gewachsenen Komplexität der Welt und den realen Kräfteverhältnissen gerecht. Die G7-Staaten machen gerade noch zehn Prozent der Weltbevölkerung aus und stellen 45 Prozent des Welteinkommens, beides mit fallender Tendenz.

Eine interessenbasierte Außen- und Handelspolitik stellt demgegenüber nicht das Trennende in den Vordergrund, sondern den Nutzen gemeinsamen Austauschs aus der Perspektive deutscher – nationaler und wirtschaftlicher – Interessen. Das heißt keineswegs, den Wert von Menschenrechten und Frieden zu relativieren. Wohl aber verlangt es, die Begrenztheit der verfügbaren Mittel zu erkennen und eine Politik mit Augenmaß und Verhältnismäßigkeit im Rahmen einer ausgewogenen Gesamtstrategie zu verfolgen. Moralische Entrüstung ist kein Ersatz für rationale Politik.

Keine Rechtfertigung für Isolierung Chinas

Die Vorlage des Außenministeriums geht davon aus, dass sich Deutschland in einem „Systemwettbewerb“ mit China befindet. Führende Vertreter deutscher, multinationaler Großkonzerne hatten in ihrer kürzlich öffentlich gemachten Stellungnahme in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung demgegenüber den wirtschaftlichen Wettbewerb und die Partnerschaft mit China betont. Der Bundeskanzler spricht im Übrigen in einem aktuellen Beitrag in den Foreign Affairs von „konkurrierenden Regierungsmodellen“ und betont im Interesse Deutschlands mit Recht, dass der Aufstieg Chinas keine Rechtfertigung für die Isolierung des Landes von Seiten des Westens sein kann.

Die Erkenntnis ist nicht neu, dass es sich in China um einen autoritären Parteistaat handelt. Die 1978 von Deng Xiaoping auf den Weg gebrachte erfolgreiche Reform- und Öffnungspolitik der Wirtschaft hat daran nichts geändert, bekanntermaßen auch nicht zu Dengs Zeiten. Trotz seines ausgeprägt autokratischen Führungsstils ist wirtschaftlicher Wohlstand auch unter Xi Jinping die dominierende Legitimationsbasis der herrschenden Partei. Das ist ein wichtiger Unterschied zu anderen Autokratien. Nicht zuletzt der jüngste, radikale Kurswechsel in der Covid-Politik kann dafür als Indiz gelten.

Keine wirtschaftliche Abhängigkeit

Das Papier des Wirtschaftsministeriums konzentriert sich auf die wirtschaftliche „Abhängigkeit“ von China. Ein Narrativ, das vor allem seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine en vogue ist. Allerdings können die wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands mit China weder qualitativ noch quantitativ mit der vollkommen einseitigen Abhängigkeit von russischem Gas verglichen werden. Die Faktenlage ist deutlich anders.

Als Beispiel kann der deutsche Außenhandel mit China dienen. China ist ein bedeutender, aber kein dominanter Handelspartner Deutschlands. Er hat in etwa den gleichen Umfang wie mit den USA und liegt deutlich unter dem Handelsvolumen mit den EU-Staaten.

Ähnliches gilt für die Direktinvestitionen. Chinesische Investitionen in Deutschland hatten einen Bestand von knapp 50 Milliarden Euro im Jahr 2020. Das sind fünf Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen Chinas. Sie bewegen sich damit nicht nur, wie der wissenschaftliche Dienst des Bundestages schreibt, „am unteren Rand“ aller chinesischen Investitionen im Ausland, sondern liegen auch nur auf Platz 11 aller ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland. Sogenannte kritische Infrastruktur ist kaum betroffen.

Deutsches Wohlstandsmodell erhalten

Anders zu bewerten ist die teilweise hohe Importquote aus China von 70 Prozent und mehr, insbesondere bei Elektronik-Zulieferungen für ausgewählte deutsche Unternehmer in der Elektro- und Automobilindustrie. Insgesamt kamen im Jahr 2021 rund ein Drittel aller Elektronikimporte Deutschlands aus China. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Importquote für kritische Rohstoffe, insbesondere für Grafit, Magnesium und Seltene Erden.

In diesen Fällen ist Diversifikation sicherlich angezeigt. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ein Kernelement des deutschen Wohlstandsmodells der vergangenen Jahrzehnte – preiswerte Importe, die Exporte mit hoher inländischer Wertschöpfung ermöglichen – nicht nachhaltig beschädigt wird. Mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit kann kein Selbstzweck sein und auch nicht erkauft werden durch Beschränkung des Handels auf sogenannte Wertepartner.

Ähnliches gilt für das Klumpenrisiko deutscher Unternehmen in China, allen voran der Automobilindustrie. Auch hier gilt: Diversifikation macht Sinn, wenn alternative Absatzmärkte gefunden worden sind. Anderenfalls bedeutet die einseitige Reduktion von Abhängigkeit nur Wohlstandsverlust für deutsche Firmen und Arbeitnehmer.

China offener als USA

Eine überaus offene Volkswirtschaft, wie die deutsche, bei der die Summe aus Exporten und Importen rund 80 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen, muss ein sehr starkes Interesse an der Fortsetzung der Globalisierung haben. Dieses Interesse teilen wir mit China, das als viermal so große Volkswirtschaft immer noch einen Offenheitsgrad von rund 50 Prozent aufweist, während der der USA nur bei circa 30 Prozent liegt. Kein Wunder, dass die Bedeutung der Globalisierung unterschiedlich beurteilt wird, unabhängig vom politischen System.

Demgegenüber pflegen das Außen- und das Wirtschaftsministerium ein China-Bild, das China hauptsächlich anhand der Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Uiguren in der Provinz Xinjiang, dem rigiden Vorgehen Pekings gegenüber Hongkong und dem Säbelrasseln in der Taiwan-Frage beurteilt. Das ist aber zu kurz gesprungen und zeugt von mangelnder Kenntnis der tatsächlichen Entwicklung Chinas in den vergangenen vier Jahrzehnten. Nicht nur der wirtschaftliche, sondern vor allem der damit verbundene soziale Fortschritt Chinas erzählt eine andere Geschichte.

Chinas Erfolgsrezept: Kontinuität und Reform

China hat in den vergangenen 40 Jahren rund 800 Millionen Menschen aus der bittersten Armut befreit. Die Lebenserwartung beträgt heute – wie in den USA – 77 Jahre und hat sich in der genannten Zeitspanne mehr als verdoppelt. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist im gleichen Zeitraum um das 35-fache gestiegen, und die Kindersterblichkeit liegt nur noch knapp über der Deutschlands. Folgerichtig kann kein Land einen größeren Entwicklungssprung im Human Development Index vorweisen als China: von Platz 103 im Jahr 1990 auf Platz 79 heute.

Diese erstaunlichen Erfolge, die in der Wirtschaftsgeschichte ihresgleichen suchen, werfen die interessante Frage auf, wie ein autokratischer Parteistaat mit einer gelenkten, staatskapitalistischen Wirtschaft das geschafft hat. Möglicherweise liegt die grundsätzliche Antwort darin, dass der chinesische Entwicklungsweg nicht den historischen Mustern des Westens einer weitestgehenden Gleichzeitigkeit von Marktwirtschaft und Demokratie folgt.

Die Konvergenzthese war immer schon eine vom Westen gepflegte Überheblichkeit und Illusion. Es spricht vieles dafür, dass Chinas wirtschaftlicher Reformprozess erfolgreich war, weil er an die Kontinuität der chinesischen Zivilisation und Institutionen einer autoritären Elitengesellschaft mit hoher Wettbewerbsintensität anknüpft und das maoistische Chaos mit seiner Gleichmacherei hinter sich gelassen hat.

Rolf D. Cremer war langjähriger Dekan und Vize-Präsident der China Europe International Business School in Shanghai.
Horst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Leiter des Sino-German Centers an der Frankfurt School of Finance and Management.

Mehr zum Thema

    Seltene Erden: Der Fund in Schweden rettet uns nicht
    Neujahrsfest unter Pandemie-Bedingungen
    Risiken gemeinsamer Forschung
    Korrektur