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Im stählernen Höhenrausch

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling aus dem Jahre 2017

Die Botschaft der beiden Superbehörden war kein Aprilscherz, aber sie las sich so. Die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) und die Staatsaufsicht über Industrie- und Informationstechnologie (MIIT) sagten am 1. April gemeinsam der Überproduktion von Stahl den Kampf an. Schon 2021 wollen sie loslegen, um im neuen Fünfjahres-Plan überschüssige Kapazitäten zu reduzieren und CO2-Emissionen zu verringern. Mit einer „Blick zurück“-Inspektion würden sie das Land durchkämmen, um herauszufinden, warum die gleiche Kampagne zum Abbau von Chinas Stahlbergen vor fünf Jahren scheiterte.   

Das klingt entschlossen. Aber es wird ausgehen wie das Hornberger Schießen. Denn für den Abbau alter Hochöfen zwischen 2016 und 2020 kamen klammheimlich jede Menge neue Kapazitäten dazu. Schuld war Beijing, das im vergangenen Fünfjahresplan Chinas lahmende Wirtschaft mit Subventionen stimuliert hatte und 2020 im Kampf gegen Corona die Baubranche und den Automobilbau stark aufpäppelte. Prompt gingen die Stahlpreise und die Nachfrage durch die Decke. Das räumen die beiden Ministerien auch ein: „Regionen und Gesellschaften folgten blindlings dem Impuls, auf neue Stahlprojekte zu setzen. Der Kapazitätsabbau ließ sich so nicht konsolidieren.“ Im Klartext: Chinas Provinzen und Industrien produzierten um die Wette Rohstahl, weil sich das für sie lohnte. Alarmiert notierte jüngst der Weltverband Stahl: 2019 produzierte die Volksrepublik mit 996 Millionen Tonnen Rohstahl mehr als die Hälfte des Weltausstoßes. Ein Jahr später legte sie die Latte noch höher. 2020 stellte China laut „Reuters“ 1,065 Milliarden Tonnen her.  

Überflutung der Weltmärkte

Der unersättliche Appetit auf Stahl ist ein Déjà-vu. Er steckt seit Maos Zeiten in der DNA seiner Kommunistischen Partei. Dank des halbgaren Gemischs aus Markt- und Planwirtschaft, bei dem der Staat den Marktmechanismus wie einen Schalter an- und ausknipsen kann, wurde Stahl von einem Knappheitsgut in sozialistischen Staaten zum Überschuss-Produkt in China. Vergeblich versuchten sich die Weltmärkte mit Strafzöllen und Anti-Dumping-Verfahren gegen die subventionierte Stahlschwemme aus China abzuschotten.    

Dabei gab es Warnungen. 2009 identifizierte die EU-Kammer in Beijing in einer 50-seitigen Studie die Überkapazitäten chinesischer Branchen, allen voran bei Stahl. Der damalige Kammerpräsident Jörg Wuttke sprach von „destruktiven Folgen“ für China wie für die Weltwirtschaft. 2015 erschien eine zweite Kammer-Studie, weil, so Wuttke: „Die Lage hat sich von schlecht zu schlimm gewandelt.“ 2008 hatte China 512 Millionen Tonnen Rohstahl produziert. 2014 waren es 813 Millionen Tonnen. Zwischen 2004 und 2014 nahm die weltweite Stahlproduktion um 57 Prozent zu. China hatte 91 Prozent Anteil daran.   

Diesen April verurteilte das Büro der neuen Handelsbeauftragten der USA (USTR) die Volksrepublik als global führende „Erzeugerin nicht-wirtschaftlicher Kapazitäten.“ Die sperrige Formulierung dient als Begründung für neue Strafzölle. Chinas „fortgesetzte Aufblähung der Stahlproduktion, plus seine wachsenden Lagerbestände und Anreize für Exporte drohen die globalen Märkte mit Überschuss-Stahl zu überfluten, in einem Moment, in dem sich die weltweite Stahlbranche vom Nachfrageschock durch die Covid-19 Pandemie zu erholen versucht.“ 

Stahlboom und Klimapläne passen nicht zusammen

Beijing hätte gute Gründe sein Stahlchaos neu zu ordnen. Präsident Xi Jinping verpflichtete sein Land klimapolitisch, bis 2030 das Maximum beim Ausstoß von Treibhausgasen zu erreichen und es bis 2060 karbonneutral zu machen. Dazu müsste er an den Stahl ran. Nach Chinas Berechnungen entfallen allein auf die metallurgische Industrie etwa 15 Prozent der nationalen CO2-Emissionen

Doch Stahl ist Sucht (China.Table berichtete). Mao verfiel ihr Ende 1957 in Moskau. Beflügelt vom Sputnik-Erfolg des Sowjetführers Nikita Chruschtschow und dessen protzige Ankündigung, in 15 Jahren die USA produktionsmäßig zu überholen, versprach Mao, in 15 Jahren das Gleiche mit England zu schaffen. Zurück in Beijing ließ er 60 Millionen Chinesen zum „Stahlkochen“ antreten und 240.000 kleine Hochöfen bauen. Propagandaplakate jener Zeit zeigen verklärt blickende Arbeiter, die Stahl in den rotfarbenen Himmel heben, an dem ein sowjetischer Satellit fliegt. Mehr Stahl und mehr Getreide wurden magische Symbole für den chinesischen Kommunismus.  

„Im Großen Sprung der Stahlerzeugung“ forderte Mao, Chinas Produktion von 5,35 Millionen Tonnen Stahl im Jahr 1957 innerhalb eines Jahres zu verdoppeln.  Am 19. Dezember 1958 jubelte Xinhua: 60 Millionen Arbeiter hätten das Ziel von 10,7 Millionen Tonnen Stahl erfüllt. Später stellte sich heraus,  dass kaum acht Millionen Tonnen brauchbar waren. Alles andere war Schlacke.   

Chinesische Parteihistoriker zeichneten nach, wie Mao seine Forderung, England in 15 Jahren zu überholen, ständig veränderte. Am 18. Mai 1958 rief er aus, dass China „Großbritannien bereits in sieben Jahren eingeholt haben wird. Und weitere acht bis zehn Jahre später werden wir mit den USA gleichgezogen sein.“ Die Formel hieß nun: „Chao Ying Gan Mei“ (超英赶美) Überholt England und holt die USA ein.  

Sonderbriefmarken zum Stahl-Rekord

Allen fürchterlichen Rückschlägen zum Trotz ließ Beijings Stahlbesessenheit nicht nach. Die Volksrepublik war das einzige Land, das sich mit zwei Sonderbriefmarken feierte, als es ihr gelang, 1997 mehr als 100 Millionen Tonnen Stahl und damit Weltrekord zu produzieren. Eine Marke zeigt die Eisenverhüttung im Altertum, wo China auch schon Nummer Eins gewesen sein will.  

Vom stählernen Höhenrausch kommt Beijing nicht runter. Denn es braucht noch mehr Stahl auch für seine Aufrüstung, in deren Zentrum der Ausbau der Marine steht. So wie es einst in Deutschland oder Japan war. So gesehen wirkt die jüngste Botschaft zum Stahlabbau doch wie ein Aprilscherz.

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