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China kämpft um Wachstum

von Wan-Hsin Liu und Silas Dreier
Wan-Hsin Liu, Senior Researcherin beim ifW Kiel und Silas Dreier, Koordinator beim ifW Kiel
Wan-Hsin Liu, Senior Researcherin beim ifW Kiel und Silas Dreier, Koordinator beim ifW Kiel

Auf der diesjährigen Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses Anfang März verkündete Premier Li Keqiang Chinas BIP-Wachstumsziel von 5,5 Prozent für 2022. Zu diesem Zeitpunkt teilten chinesische Experten tendenziell die Ansicht des Ministerpräsidenten, dass das Ziel zwar ehrgeizig, aber nicht unerreichbar sei. Insbesondere westliche Forschungsinstitute und Organisationen hingegen hielten das Ziel bereits damals schon für zu hochgesteckt. Die Weltbank (Januar 2022) rechnete mit einem chinesischen Wirtschaftswachstum von 5,1 Prozent im Jahr 2022, während die Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF, Januar) und des Kiel Instituts (März) noch pessimistischer ausfielen (beide 4,8 Prozent).

Nach der Bekanntgabe des offiziellen Wachstumsziels veränderten sich sowohl das nationale als auch das globale wirtschaftliche Umfeld in einer Weise, die die Verwirklichung dieses Ziels noch schwieriger machte. Die beispiellos strengen, groß angelegten und langanhaltenden Lockdowns in Shanghai und anderen Städten Chinas schränkten den normalen Geschäftsbetrieb stark ein, verschärften die Unterbrechung der Lieferketten und belasteten die Konsumausgaben. Auch der globale Wirtschaftsdruck nahm zu. Der Krieg in der Ukraine schließlich verlangsamt die Erholung der Weltwirtschaft und heizt die weltweite Inflation an.

Die im April veröffentlichten, offiziellen Wirtschaftsstatistiken für China spiegelten mit ihrer schlechter als erwarteten Entwicklung deutlich den weiter zunehmenden Abwärtsdruck auf die chinesische Wirtschaft wider. Die Industrieproduktion in China ging im Jahresvergleich um 2,9 Prozent zurück, was im Wesentlichen auf den Rückgang der Wertschöpfung in der Automobilindustrie um über 31 Prozent zurückzuführen ist. Zwischen den einzelnen Provinzen und Regionen gibt es dabei jedoch erhebliche Unterschiede. Regionen mit pandemiebedingt-strengen Abriegelungen litten stärker als andere. Die Industrieproduktion im Jangtse-Delta (wo Shanghai liegt) und in der nordöstlichen Region (wo Jilin liegt) gingen um 14,1 beziehungsweise 16,9 Prozent zurück. Diese ungünstige Entwicklung beschränkte sich nicht auf den Industriesektor. Auch der Dienstleistungssektor (der von den drei Wirtschaftssektoren am meisten zum BIP-Wachstum Chinas im Jahr 2021 beitrug) litt erheblich. So sanken die Einzelhandelsumsätze in China im April um 11,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Lockdowns belasten Wachstumsziele

Enttäuschend war auch die Entwicklung des Caixin China General Composite PMI, einer der Frühindikatoren für makroökonomische Trends. Er beruht auf Umfragen bei Privatunternehmen und erfasst diverse Geschäftsaspekte wie Umsatz, Auftragseingänge, Beschäftigung und Lagerbestände. Der Index fiel von 43,9 im März auf nur 37,2 im April, wobei der China Composite PMI mit einem Wert unter 50 auf eine allgemein rückläufige Tendenz bei den Geschäftsaktivitäten hindeutet. Für diesen Rückgang spielte auch die starke Abnahme der Auftragseingänge, insbesondere der Auftragseingänge aus dem Ausland, eine Rolle.

Vor diesem Hintergrund hat der IWF im April die Prognose für das chinesische Wirtschaftswachstum in diesem Jahr auf nur noch 4,4 Prozent gesenkt. Die neue Prognose liegt weiter unter dem offiziellen Wachstumsziel Chinas von 5,5 Prozent. Und der IWF war nicht allein. Auch mehrere führende Investmentbanken korrigierten im selben Monat ihre China-Prognosen in die gleiche Richtung. So lagen die Prognosen von Goldman Sachs, Citi, Morgan Stanley und J.P. Morgen für China mit Werten zwischen vier und 4,3 Prozent sogar noch niedriger als die des IWF.

Die chinesische Regierung ist sich der Herausforderungen bewusst, vor denen die chinesische Wirtschaft steht. Einige chinesische Experten sind weiterhin davon überzeugt, dass ein BIP-Wachstum von rund 5,5 Prozent immer noch möglich ist, wenn China mit seiner dynamischen Null-Covid-Politik bald Erfolg haben kann und wirksame antizyklische Maßnahmen ergreift. Das groß angelegte Konjunkturpaket, das Ende Mai angekündigt wurde, signalisiert die Entschlossenheit der chinesischen Regierung, die chinesische Wirtschaft wiederzubeleben. Es soll auch zeigen, dass die chinesische Regierung bereit ist, alles zu tun, was nötig ist. Es umfasst sechs Hauptaspekte, darunter:

  • fiskalpolitische Maßnahmen zur Unterstützung von Unternehmen und zur Stabilisierung der Beschäftigung,
  • finanzpolitische Maßnahmen zur Erleichterung der Kreditvergabe und zur Unterstützung insbesondere von Klein- und Kleinstunternehmen sowie Privatpersonen bei der Bewältigung von Liquiditätsproblemen,
  • Maßnahmen zur Stabilisierung der industriellen Lieferketten,
  • Maßnahmen zur Förderung von Konsum und Investitionen,
  • Maßnahmen zur Gewährleistung der Energiesicherheit und
  • sozialpolitische Maßnahmen.

Zu den 33 geplanten Maßnahmen gehören beispielsweise die Bereitstellung zusätzlicher Mehrwertsteuererstattungen in Höhe von über 140 Milliarden Yuan für Unternehmen aus einer erweiterten Anzahl von Sektoren, die Unterstützung für die Luftfahrtindustrie bei deren Ausgabe von Anleihen in Höhe von 200 Milliarden Yuan, die Gewährung zusätzlicher Notkredite in Höhe von 150 Milliarden Yuan für die zivile Luftfahrtindustrie, die Unterstützung bei der Ausgabe von Anleihen für den Eisenbahnbau in Höhe von 300 Milliarden Yuan sowie die Lockerung der Beschränkungen für den Autokauf und die teilweise und vorübergehende Steuersenkung für den Erwerb von Personenfahrzeugen.

Wird das Konjunkturpaket Wirkung entfalten?

Doch wie groß ist angesichts des Inflationsdrucks, der hohen Unsicherheit über die Entwicklung der Coronavirus-Pandemie in China und der bereits kontinuierlich steigenden Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP der politische Spielraum der chinesischen Regierung, um die chinesische Wirtschaft effektiv zu beleben? Schätzen chinesische Experten und westliche Experten den politischen Spielraum der chinesischen Regierung in dieser Hinsicht unterschiedlich ein? Gibt es darüber hinaus unterschiedliche Einschätzungen zu den Stärken oder Schwächen der chinesischen Wirtschaft? Unterscheiden sich westliche und chinesische Experten in ihrer Einschätzung der entscheidenden wirtschaftlichen Herausforderungen für China und wie diese das chinesische Wirtschaftswachstum beeinflussen könnten? Welche Rolle spielen der internationale Handel und ausländische Investitionen, damit China sein BIP-Wachstumsziel erreichen kann (oder auch nicht)? Wird das Konjunkturpaket die erhoffte Wirkung erzielen? Was können China und die chinesische Regierung noch oder sonst tun, um die wirtschaftliche Entwicklung des Landes zu unterstützen?

Diese Fragen sollten unter Expertinnen und Experten aus China und dem Westen eingehender diskutiert werden. Die kommende Global China Conversation # 11, „Kann China sein BIP-Wachstumsziel von 5,5 Prozent für 2022 erreichen?“ bringt daher Helge Berger (IWF) und Justin Yifu Lin (Peking Universität) zusammen, um diese und andere damit zusammenhängende Fragen zu diskutieren.

Wan-Hsin Liu ist Senior Researcherin in den Forschungszentren „Internationaler Handel und Investitionen“ und „Innovation und internationaler Wettbewerb“ am Kiel Institut für Weltwirtschaft. Sie ist außerdem Koordinatorin des Kieler Zentrum für Globalisierung.

Silas Dreier ist Koordinator der Global China Conversations an der China-Initiative des Kiel Institut für Weltwirtschaft. Er studiert außerdem den Master in China Business and Economics an der Universität Würzburg.

Dieser Beitrag entsteht im Rahmen der Veranstaltungsreihe ,,Global China Conversations“ des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Am Donnerstag, den 16. Juni 2022 (14.00 Uhr, MESZ) diskutieren Helge Berger, Leiter der China-Mission des IWF und stellvertretender Direktor in der Abteilung Asien und Pazifik des IWF, und Justin Yifu Lin, Professor und Ehrendekan der National School of Development an der Universität Peking, über das Thema: „Kann China sein BIP-Wachstumsziel von 5,5 Prozent für 2022 erreichen“. China.Table ist der Medienpartner dieser Veranstaltungsreihe.

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