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China kommt über den deutschen Wahlkampf

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

China-Bashing gehört zum Standard-Repertoire im US-Wahlkampf (China.Table berichtete). Es schwappt nun nach Europa über. Auch in Deutschland beziehen die Parteien vor der Bundestagswahl Position, wo für sie die Volksrepublik noch Partnerin ist, oder schon „Wettbewerberin und systemische Rivalin.“ Das Berliner China-Forschungsinstitut Merics verglich die Wahlprogramme und zog ein Fazit: „Anders als in vorangegangenen Wahlkämpfen spielt China diesmal eine größere Rolle. Nahezu alle Parteien werfen einen kritischen Blick auf China.“

Seit den jüngsten G7- und Nato-Treffen schwinden Pekings Hoffnungen, ein dank Merkel und Macron China gegenüber positiv eingestelltes Europa wie gewohnt weiterhin gegen die Konfrontationskurs fahrenden USA ausspielen zu können. Die Global Times zeigte sich irritiert über die neue Festlegung in der CDU, China sei „heute die größte Herausforderung für die Außen- und Sicherheitspolitik.“ Dazu passten nicht die versöhnlicheren Signale des Kanzlerkandidaten Armin Laschet. Vergangene Woche warnte er im Interview mit der „Financial Times“, einen „kalten Krieg mit China“ anzuzetteln. Verwirrt fragte die Global Times, was denn nun gelte. 

Das war einst ganz anders, als deutsche Politiker wetteiferten, wer in Peking und beim Diktator Mao Zedong höher im Kurs stand. Sie hofften damit im deutschen Wahlkampf punkten zu können. Der Diplomat Wang Shu erlebte das als Augenzeuge hautnah mit. Er kam 1969 als Korrespondent für Xinhua in die damalige Bundeshauptstadt Bonn, fädelte die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1972 mit ein. 1974 stieg er als Quereinsteiger zum chinesischen Botschafter auf, nachdem Mao auf eine seiner Analysen über deutsche Politik anerkennend kritzelte: „Der taugt dazu.“ Im September 2020 starb Wang in Peking. Er wurde 95 Jahre alt.

Der ehemalige chinesische Botschafter in Bonn, Wang Shu (verstorben im September 2020), bei seinem 90. Geburtstag mit seiner Frau Yuan Jie

Ich durfte den diplomatischen Doyen, nachdem er in Pension ging, mehr als ein Dutzend Mal zu Hause besuchen. Oft erzählte er unter dröhnendem Lachen Anekdoten, wie deutsche Politiker um Chinas Gunst buhlten. CSU-Oppositionschef Franz Josef Strauß gelang es als Erstem, mit Mao im Januar 1975 eine Stunde lang zu sprechen. Bundeskanzler Helmut Schmidt verlangte darauf von Peking gesichtswahrende Gleichbehandlung, als er im Oktober 1975 zum Regierungsbesuch kam. Doch der 82-jährige Mao war zu altersschwach, um ein Treffen mit ihm vorab garantieren zu können. Am 30. Oktober 1975 und mitten in einer Unterredung mit dem damaligen Vizepremier Deng Xiaoping kam für Schmidt die erlösende Nachricht. Mao habe jetzt für ihn Zeit. Darauf ließen Deng und Schmidt „buchstäblich alles stehen und liegen“, um zu Mao zu eilen. Obwohl der kaum noch sprechen konnte, war er geistig in der Lage, mit Hilfe seiner Assistentinnen das Gespräch mit Schmidt zu führen.

Noch absurder war, was Wang mithörte, als er nach dem fast ein- und dreiviertel Stunden dauernden Treffen bei der Rückfahrt Schmidts mit im Wagen saß. Der Bundeskanzler rekapitulierte nicht etwa seinen gerade geführten Meinungsaustausch mit Mao über die Weltlage, ihre unterschiedlichen Ansichten zur Sowjetunion, oder über Philosophen und Strategen wie Kant und Clausewitz. Wichtig war für Schmidt nur eines. Er jubelte, als der ebenfalls mitfahrende, damalige Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle ihm gratulierte: Schmidts Gespräch mit Mao habe 100 Minuten gedauert, 20 Minuten länger als das von Mao mit Strauß.

Tags darauf beim Aufstieg auf die Große Mauer wollte Schmidt von Wang wissen, bis wohin Strauß einst gekommen sei. Demonstrativ stieg er dann weiter: „Für mich gibt es keine andere Wahl. Ich muss höher kommen“. Dann habe er mit einem Fernglas in die Landschaft geschaut und gefeixt, er könnte keinen (Helmut) Kohl sehen, „nur Chinakohl.“ In seiner Autobiografie „Maos Mann in Bonn“ schrieb Wang Shu, dass die mitreisenden Journalisten die Schlagzeile kreierten: „Der Bundestagswahlkampf hat an der Großen Mauer begonnen.“

Wahlkampf-Tourismus nach Peking

In Pekings Botschaft in Bonn häuften sich die Anfragen deutscher Politiker nach China-Reisen. Strauß hätte am meisten gedrängt. Wang schlug ihm Herbst 1974 vor. Doch Strauß wollte nicht zur gleichen Zeit wie CDU-Oppositionsführer Helmut Kohl kommen, der sich für September 1974 angesagt hatte. Also wurde seine Reise auf Januar 1975 verschoben, was nun Schmidt verprellte. Der wollte im März oder April 1975 seinen Antrittsbesuch als Kanzler in Peking machen. „Ich hatte damals alle Hände voll zu tun, die Termine für Strauß und Schmidt so zu managen, dass keiner vor den Kopf gestoßen wurde.“

Chinas Einladung an Sowjetunion-Basher Strauß, noch vor Kanzler Schmidt zu kommen, löste in Deutschland innenpolitische Kontroversen aus, wurde sie doch als Affront gegen die Ost- und Entspannungspolitik der SPD gesehen. Strauß erklärte später, was ihn mit Peking verband: Mao sei es um die Eindämmung der Sowjetunion gegangen. Daher unterstützte Mao die europäische Einigung. Europas Politik, so vertrat Strauß, dürfe sich nicht nur in Richtung USA orientieren, sondern „muss auch in der Volksrepublik China einen Partner sehen, der zur Erhaltung des Gleichgewichts beiträgt.“ 

Daher war Strauß zu allem bereit, um Mao zu treffen. Das geschah auf heute unvorstellbare Weise. Während seines Besuchs der Großen Mauer verschwanden Strauß, seine Frau Marianne und zwei Mitarbeiter am 16. Januar 1975 plötzlich. In einer Zeit ohne Internet und Handy fiel das anfangs weder den mitgereisten Journalisten noch deutschen Botschaftsangehörigen auf. Selbst Wang bleib außen vor. Erst spät nachts tauchte der verschollene CSU-Chef wieder in seinem Pekinger Hotel auf. Er sagte nur: „Ich war am Ussuri“.

Es war wie ein Coup. Höchste Parteifunktionäre hatten die Vierergruppe mit Strauß unauffällig abgefangen, sie zum Flugplatz gebracht, wo Deng als Mitflieger schon wartete. Strauß stellte keine Fragen, als er hörte, dass Mao ihn sehen wollte.

Er erfuhr nicht mal, wohin sie zwei Stunden lang flogen. Erst vor wenigen Jahren enthüllte eine chinesische Chronik, dass ihr Ziel die 1.450 Kilometer entfernte, südwestliche Provinzhauptstadt Changsha war, wo Mao in einem Staatsgästehaus überwinterte. So wie Strauß ließ er auch andere Politiker konspirativ einfliegen, etwa Edward Heath oder Henry Kissinger. Alle machten mit, versprachen Stillschweigen. Nebenbei: Keinem der Gäste fiel auch nur im Traum ein, den Diktator nach Chinas Umgang mit Menschenrechten zu fragen.

Mao und Strauß verstanden sich bestens

In Strauß Memoiren „Erinnerungen“, die nach seinem Tod erschienen, schrieb er, dass Mao die Westeuropäer vor ihrer „Finnlandisierung“ durch die Sowjetunion warnte. Er und Strauß verstanden sich auf Anhieb, bestätigte Chinas Chronik. Mao gefiel, als Strauß ihm sagte: Er würde auch ein in Zukunft wirtschaftlich und industriell starkes China als friedenserhaltend ansehen, vor dem sich Europa nicht fürchten würde. „Sehr gut“, antwortete Mao. „Ihr braucht uns nicht zu fürchten.“

Das sieht man in Europa heute anders. Die damaligen Begegnungen muten wie eine Botschaft aus einer anderen Welt und Zeit an. Der Kalte Krieg der Supermächte und Pekings Furcht vor der Sowjetunion trieben China und den Westen einander in die Arme. Auf den Fährten von Strauß und Schmidt wandelten danach – aus wirtschaftlichem und Interessen-Kalkül – Kohl, Schröder und Merkel.

Doch Peking tritt heute an die Stelle Moskaus. Im bundesdeutschen Wahlkampf mit einer positiven Chinakarte trumpfen zu wollen, ist keine Option mehr.

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