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China bastelt sich sein Wort des Jahres   

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Immer am 20. Dezember laden Pekinger Sprachexperten aus Verlagen, Medien und Universitäten die Öffentlichkeit zur Bekanntgabe ihrer online gewählten, jeweils zehn populärsten chinesischen Worte und Slogans für das zu Ende gehende Jahr ein. Seit 2006 machen sie das jährlich so. Anfangs sollte ihre Liste nur zeigen, wie die Chinesen die Lage bei sich und im Ausland sehen und bewerten. Sie diente auch als Barometer für die Stimmung im Volk und als Alarmsignal für die Pekinger Führung.

Seit dem Amtsantritt Xi Jinpings 2013 entscheidet die Partei, was das Volk zu denken hat und bestimmt und zensiert die Worte schon in den Auswahllisten. Kein Wunder, dass das Ergebnis auch 2022 der Partei gefällt. Als Worte des Jahres machten „Stabilität“ in China und der siegreiche „20. Parteitag“ das Rennen. Kriege, Konflikte und Chaos prägen dagegen das Ausland. Für eine Zeitenwende gibt es keinen Platz in Pekings Wortwahl.    

Chinas Worte des Jahres 2022 als Gegensatz. Im Inland alles bestens – im Ausland alles schwierig. Zhan (oben links) ist das internationale Wort des Jahres und bedeutet „kriegerische Zeiten“. Wen (oben rechts) steht für stabile Entwicklung in China. Unten links: Populärstes internationales Schlagwort bedeutet „Russisch-ukrainischer Konflikt“. Inlandsschlagwort Nummer Eins: „20. Parteitag der Kommunistischen Partei“. Die Kalligrafie stammt von Schriftsteller Liang Xiaosheng.

Olaf Scholz‘ Bonmot von der Zeitenwende wurde von der Gesellschaft für deutsche Sprache erwartungsgemäß zum Wort des Jahres 2022 erkoren. Anfang Dezember machte der Kanzler seine Sprachschöpfung in einem weiteren Essay auch international hoffähig. Er definierte Zeitenwende als „epochalen tektonischen Wandel“, nachdem sowohl der russische Angriffskrieg auf die Ukraine als auch Pandemie, Klimawandel, Inflation und politisches Chaos die Welt gleichzeitig erschütterten.   

Folgerichtig kürten die Lexikografen von „Collins English Dictionary“ den Begriff „Permacrisis“ zum britischen Wort des Jahres. Der erst in den 1970er-Jahren in Umlauf gekommene Ausdruck kennzeichne eine derzeitige „länger anhaltende Instabilität und Unsicherheit“. Tokios Sprachkommission „Kanji Aptitude Testing Foundation“ ging noch einen Schritt weiter. Sie wählte das Kanji 戦 (japanisch sen gesprochen) aus, ein einst aus dem Chinesischen übernommenes Schriftzeichen. Es bedeutet Krieg. Vor 20 Jahren hatte Tokio „sen“ schon einmal zum Wort des Jahres erhoben. Auslöser war, so wie heute der Ukraine-Überfall, der Al-Qaida-Terrorangriff am 11. September 2001 auf die USA und dessen Folgen für die ganze Welt. Selbst Peking zeigte sich damals geschockt.   

Das ist heute in China anders. Zwar wählte es wie Japan ebenfalls das Zeichen für Krieg 战 (戦) zum Wort des Jahres 2022, aber nur innerhalb seiner Auswahlkategorie für internationale Wörter (国际字). Sie stehen für die volksrepublikanische Sicht auf das Ausland, haben mit China aber ansonsten nichts zu tun. Das für China gewählte Wort des Jahres (国内字) heißt wen (稳), „Stabilität“. Peking lässt auch bei der Wahl der zehn populärsten Schlagworte oder Slogans für das Jahr 2022 zwischen innen und außen unterscheiden. An erster Stelle unter seinen neuen zehn nationalen Schlagworten (国内词)  steht der Slogan vom siegreichen „20. Parteitag der Kommunistischen Partei“ (党的二十大). Auf der Liste internationaler Schlagworte  (国际词) rückte der Ausdruck „russisch-ukrainischer Konflikt“ (俄乌冲突) nach oben. 

In Japan steht Krieg auch für 2022. Tokios Sprachkommission „Kanji Aptitude Testing Foundation“ kürte das Kanji 戦 zum Wort des Jahres 2022. Der Abt des Kiyomizu-Klosters Seihan Mori pinselte das Kanji auf eine Riesenleinwand.

Wie absurd die Listen und ihre Wortwahl aufgestellt sind, zeigt sich an Putins Überfall auf die Ukraine. Er darf in China nicht Krieg genannt werden. Peking spricht von ihm als „Konflikt“, obwohl Russland seit zehn Monaten die Ukraine zerbombt, beide Seiten Zehntausende Tote beklagen und Millionen Ukrainer Flüchtlinge wurden. Xi Jinping steht seinem Kampfgefährten Putin sogar bis in die Sprachformulierung zur Seite.    

Anfangs ging Chinas Suche nach den Worten des Jahres noch professionell vor sich. Für die Vorschlaglisten mit jeweils zehn Wörtern und Begriffen, die online zur Abstimmung gestellt werden, sind eigentlich Experten des Nationalen Zentrums für Sprachforschung (国家语言资源监测与研究中心), aus Buch- und Online-Verlagen, Universitäten und Internetplattformen zuständig. Sie stützen sich auf ihre ganzjährige Auswertung millionenfacher Daten aus den Print-, TV- und Onlinemedien und filtern daraus Worte und Begriffe nach ihrer Häufigkeit und Bedeutung heraus.

Doch heute erteilt die Partei alle Regieanweisungen. Zur Farce wurde das einen Monat dauernde diesjährige Vorauswahl-Verfahren für Chinas Worte des Jahres. In den Vorschlaglisten tauchten Begriffe wie „Null-Covid“ (动态清零) oder Lockdown-Politik nicht auf, obwohl sie China das ganze Jahr lang im Griff hielten. Seit Peking am 7. Dezember eine 180 Grad Kehrtwendung in seiner Pandemie-Bekämpfung machte, sind diese Worte sogar tabuisiert worden. So findet sich in den für 2022 ausgewählten zehn Schlagworten des Jahres 2022 nur mit dem Ausdruck „präzise Prävention und Kontrolle“ (精准防控) eine verschleiernde Umschreibung wieder. Die Worte Pandemie oder Omikron-Variante dürfen nur in der Liste der internationalen Worte oder Slogans des Jahres auftauchen.   

Triumphierend bejubelte die Volkszeitung das am 20. Dezember in einer Pekinger Großveranstaltung bekanntgemachte Ergebnis zur Wahl von Chinas Wort des Jahres unter der Überschrift:  „Stabilität steht an erster Stelle!“ (稳“字当头!). Sie tat so, als ob es eine Riesenüberraschung gewesen sei. Chinas englischsprachige Tageszeitung „China Daily“ feierte in ihrer Mittwochsausgabe die Wahl unter einer anderen Überschrift: Der „20. Parteitag wurde zum Top-Schlagwort des Jahres gewählt“. Das Blatt lobte auch weitere angeblich als Top-Schlagworte des Jahres gekürte Propagandafloskeln, von „Chinas Modernisierung“ (中国式现代化) bis zur „vollprozeduralen Volkdemokratie“ (全过程人民民主), als welche sich Chinas Diktatur im Parteikauderwelsch gerne selber anpreist.    

Seit 2006 wählt China Worte und Slogans des Jahres. Hier die Nummern eins von 2018 bis 2021. Links Wort und Slogan für China – rechts für das Ausland.
2018: „Kämpfen“ und „40 Jahre Reformen“ – „Rückschritt“ und „Handelsprobleme“
2019: „Stabilität“ und „ich und mein Vaterland“ – „Schwierigkeit“ und „Handelsprobleme“
2020: „Volk“ und „befreit aus Armut“ – „Pandemie“ und „Corona“
2021: „Ordnung“ und „100 Jahre KP“ – „Pandemie“ und „Metaverse“.

Die offiziell orchestrierte Suche nach den Worten des Jahres provozierte kritische Blogger, sich einzumischen. Sie plädierten für ein im Netz populäres, aber ständig gelöschtes Wort. Es heißt bai (白, weiß). In Kombinationen wie „weiße Revolution“ oder „weißer Zettel“ ist es zum Symbol für die öffentlichen Proteste gegen Pekings Null-Covid Politik geworden. Im Netz tauchte oft auch das Zeichen yang (阳) auf. Es bedeutet positiv, also mit Corona angesteckt zu sein. Blogger setzten das Zeichen mit dem genauso ausgesprochenen Zeichen yang (羊) gleich, ein „Schaf“ zu sein. Seid keine Schafe, rufen sie ihren Lesern zu. Zwei Tage freuten sich mehr als 100.000 Netizens über das Onlinewort cao (操, eigentlich: handhaben, treiben). Dann hatten auch die Zensoren verstanden, dass das ein Slangwort für den ausgestreckten Mittelfinger war, mit der subversiven Botschaft an die Partei: „Ihr könnt mich mal“.  

Ein weiterer Blogger bot für 2022 und 2023 zwei Wörter an. Auf das vergangene Jahr passe 封 (feng) für „im Lockdown eingesperrt sein“ und auf das kommende Jahr folge 疯 (feng): „2023 drehen wir völlig durch“ (我一下选两,明年就省啦! 22年是“封“,23年是“疯).

Die offizielle Suche nach dem Wort des Jahres 2022 ließ viele (dazu aber nicht eingeladene) Blogger ihre Gegenvorschläge machen. Die Zensur löschte sie rasch. Ein Blogger schlug gleich zwei Zeichen vor – für 2022 封 (feng, im Lockdown) und für 2023 疯 (feng, verrückt werden).

Doch allem Internetspott zum Trotz: So stark wie dieses Jahr hat die Partei noch nie Einfluss auf eine ihr genehme Wahl eines Wortes des Jahres genommen. Das war zu Beginn der Regentschaft Xi Jinpings 2013 noch anders. Die Sprachkommission hatte zwar schon damals Xis politische Schlüsselworte oben auf ihre Vorschlagslisten gesetzt. Vor allem galt es, die Zeichen meng (梦) für Xis Traum, Chinas Nation reich und stark zu machen, und lian (廉) für seine Säuberungskampagne gegen korrupte Beamte, zu Worten des Jahres 2013 zu machen. Doch 100.000 Online-Wähler stimmten anders ab. 42 Prozent wählten das Schriftzeichen fang (房) für Wohnung an erste Stelle und 25 Prozent mai (霾) für Smog. Ihre Alternativworte spiegelten den Frust wider, dass ihr Traum von der eigenen Wohnung unbezahlbar und unerfüllbar war. Mit mai protestierten sie gegen die Luftverschmutzung.

Im Jahr 2013 sagte mir Verlagschef Liu Zuochen von „Commercial Press“, der federführend das Projekt „Wort des Jahres“ leitete: „Wir wollen mit unserer Suche nach Wörtern und Begriffen des Jahres unserer Regierung zugleich einen wichtigen Hinweis geben: Was will das Volk? Was denkt es? Wie hat es sich in diesem Jahr gefühlt?“    

Bereits 2009 hatte das als Wort des Jahres mehrheitlich gewählte bei (被) Pekings Politikern zu denken gegeben. Bei wird als Passivzeichen gebraucht und stand für den Zorn der Bürger, von einer allmächtigen Partei-Bürokratie immer mehr entmündigt und fremdbestimmt zu werden. Sie wehrten sich sprachlich: Wenn Pekings offizielle Zahlen das Ausmaß der Inflation schönfärbten, reagierten sie darauf mit der Passivform:  „Wir wurden preisstabilisiert“. Wenn die Propaganda sie zu glücklichen Chinesen erklärte, sagten sie: „Wir wurden beglückt“. Selbst die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua wertete damals die Wahl von bei zum Wort des Jahres als latentes Signal für ihren „Ruf nach mehr Freiheit“ und Eigenbestimmung. Südchinas Zeitung Nanfang Dushibao kommentierte, dass die Bürger in einer Situation, wo offene Kritik und Opposition nicht geduldet werden, mithilfe eines Wortes „Bewusstsein zeigen, ihre bürgerlichen Rechte wahrnehmen zu wollen.“     

Bloggerwiderstand gegen die manipulierten Worte des Jahres 2022. „Welches Zeichen wählen Sie?“ 53 Schriftzeichen stehen zur Wahl, von denen jedes in Kombination mit anderen Zeichen Kritik an den Herrschenden bedeutet. Das erste Zeichen links oben heißt bai (weiß) und steht für die Protestaktion gegen die Null-Covid-Politik.

Heute würde Xi Jinpings Partei nicht nur solche Kommentare unterbinden. Sie lässt erst gar nicht zu, dass die Wahl von Chinas Wort des Jahres den Online-Wählern überlassen wird. Mutige Bürger protestieren im Katz und Maus-Spiel mit der Zensur. Nach der Veröffentlichung der offiziellen Worte des Jahres stellten Blogger am Mittwoch unter der Überschrift „Welches Wort würde Sie wählen?“ 53 einzelne Schriftzeichen zur Auswahl ins Netz. Verbunden mit anderen Worten werden aus ihnen kritische Begriffe, die Xis Parteiherrschaft herausfordern. Die Liste beginnt mit dem Zeichen für Weiß, Chinas neuer Protestfarbe. Mancher Blogger redet nicht durch die Blume, sondern versucht es über die Sprache. Selbst wenn es schwer ist, verstanden zu werden.

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