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Ausländer in China: Eine verschwindende Minderheit?

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Neulich erzählte mir der Präsident der EU-Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke, wie er im Pandemiejahr 2020 auf Inlandsflügen 44 Mal durch China reiste. Dem Vielflieger fiel auf, dass fast alle Passagiere Chinesen waren „Nur einmal kam mir auf einem Flughafen ein Ausländer entgegen. Das war so ungewöhnlich, dass ich mich nach ihm umdrehte.“ Wuttke kam es wie eine Zeitreise zurück in die 1980er-Jahre vor, als China sich öffnete und Ausländer eine seltene Spezies waren. Damals schwang die Hoffnung mit, dass sich die Ausländerpolitik bald ändern wird: „Sie brauchten uns für ihre Reformen, und sie wollten uns in China haben.“ Jetzt aber verspüre er den gegenteiligen Trend: „Am Schlimmsten ist: Es scheint keinen zu stören, wenn es weniger Ausländer werden.“   

Wuttke schätzt, dass in manchen Bereichen seit 2019 bereits die Hälfte der einstigen Expats China verlassen haben. Unter den Deutschen sei das zwar noch weniger drastisch als bei anderen Nationen. Doch die Auswirkungen merke jeder, am Kahlschlag in einst von Ausländern bevorzugten Wohnanlagen, oder an der Belegung von Auslandsschulen. Natürlich sei die Pandemie und Chinas radikale Abwehrmaßnahmen seit dem 28. März 2020 dafür der Hauptauslöser, vom Stopp des Auslandstourismus, den Schwierigkeiten bei Ein- und Ausreise bis zur wochenlangen Quarantäne für jeden, der nach China hineinwill. 

Die nationalistischere Stimmung in der Gesellschaft, bürokratische Hürden und neu geplante Steuern wirkten auch frustrierend. Schon 2016 warnten die großen Auslandskammern, dass sich die Mehrheit ihrer Mitglieder in der Volksrepublik nicht mehr willkommen fühlten. Wuttke sorgt sich bereits seit langem. Er will sich dazu auch bei der Vorstellung des am 23. September erscheinenden neuen Positionspapier seiner EU-Wirtschaftskammer äußern.   

Zahlen in Peking und Shanghai nehmen ab

Chinas verschwindender Ausländeranteil erscheint mit dem Anspruch, eine globalisierte Weltmacht zu sein, unvereinbar. Nach der am 11. Mai 2021 veröffentlichten Auswertung seiner jüngsten – alle zehn Jahre – durchgeführten Volkszählung lebten zum Stichtag 1. November 2020 unter 1,41 Milliarden Chinesen nur 845.697 Ausländer. Sie machen 0,06 Prozent der Bevölkerung aus. Gezählt wurden alle Ausländer, die seit drei Monaten im Land wohnten.   

Auf den ersten Blick waren es 2020 knapp eine Viertelmillion Personen mehr als die zuletzt 2010 gezählten 593.832 Ausländer. Doch nach Ausbruch der Pandemie und wegen der sich verschlechternden politisch-sozialen Atmosphäre mit ihren patriotischen bis nationalistischen Tönen stagnieren die Zahlen. In den scheinbaren Weltmetropolen wie Shanghai und Peking nehmen sie sogar absolut ab. In der 24 Millionen Superstadt Shanghai wurden noch 163.955 ansässige Ausländer gezählt, in der Hauptstadt Peking nur 62.812.

Selbst, wenn man zu den Ausländern die vom Zensus weder als Ausländer noch als Festlandchinesen erfassten 585.000 in China lebenden Bürger aus Hongkong (371.380), Macao (55.732) und aus Taiwan (157.886) addiert, steigt die Gesamtzahl auf nur 1.430.695 Personen mit internationaler Herkunft. Von ihnen leben die meisten heute in Südchinas Küstenprovinz Guangdong (418.509). Es ist die Folge der Übersiedelung vor allem von Hongkong-Chinesen, sowie der wirtschaftlichen Rolle des neu erweiterten Perlflussdelta und Guangdongs im Gegensatz zum übrigen China gelockerten Aufnahmepolitik. Sie knüpft wieder an seine historische Rolle als Eintrittspforte des Auslands für China an.  

Die Volksrepublik ist aktuell kein Einwanderungsland

Selbst aufgerechnete 1,43 Millionen Personen machen zusammen auch nur 0,1 Prozent der Bevölkerung aus. Die Vereinten Nationen stuften 2019 die Volksrepublik – die heute zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – in ihren Statistiken über weltweite Zuwanderung als Schlusslicht in der internationalen Migration ein.

Die Zahlen unterstreichen erneut, dass die Volksrepublik aktuell kein Einwanderungsland ist. Sie demonstrieren, dass sie auch nicht auf dem Weg ist, eines zu werden, weder de jure noch de facto. Das war nicht immer so: Migrationsforscher und Reformer zeigten sich 2018 in ihrem ersten Pekinger Jahresbericht zur internationalen Migration, (中国国际移民报告 2018) hoffnungsvoll, dass sich die moderne Volksrepublik dank Globalisierungspolitik und Seidenstraßen-Initiative „graduell von einem Ursprungsland für globale Emigration zu einem Destinationsland für Einwanderung entwickelt.“ Weil immer mehr Ausländer nach China kämen, um „dem chinesischen Traum zu folgen, würden sich auch die Verwaltungs- und Regierungsmaßnahmen für sie immer mehr verbessern.“

Chinas Weg führt woanders hin, wie die Farce bei seiner Vergabe von Greencards zeigt. Peking führte die für jeweils zehn Jahre gültige Aufenthaltserlaubnis nach seinem Beitritt 2001 zur Welthandelsorganisation (WTO) am 15. August 2004 ein. Doch seine Bürokratie sperrte sich gegen liberalisierte Aufnahmeregeln. In 15 Jahren bis 2019 wurden in ganz China nur knapp 20.000 Greencards an Ausländer vergeben.  

Zum Vergleich: Nach Angaben des US-Ministeriums für Heimatschutz bewilligen die sich als Einwanderungsland verstehende USA jährlich bis zu einer Million Greencards. 2019 zählten die USA 13,9 Millionen Greencard-Besitzer, von denen 9,1 Millionen berechtigt waren, US-Staatsbürger zu werden. 

Die Freunde sollen im Ausland bleiben

Chinas Justizministerium scheiterte, als es über eine öffentliche Anhörung am 29. Februar 2020 versuchte, wenigstens einen verbesserten Entwurf zum Erwerb einer Greencard durchzusetzen. Der Plan löste Proteste in den sozialen Medien aus. Blogger schimpften, dass China nicht noch mehr Ausländer brauche. Wegen der Pandemie wurde der Entwurf vorerst auf Eis gelegt.  

Schon 2016 hatte die US-Handelskammer in ihrem Pekinger Jahresgutachten über das sich eintrübende Geschäftsklima der Volksrepublik geklagt. 77 Prozent der von ihr befragten US-Firmen gaben an, sich in China immer weniger willkommen zu fühlen. Sie plagten mehr bürokratische Hindernisse und Schikanen. Auch andere ausländische Handelskammern hören ähnliche Beschwerden von ihren Mitgliederfirmen.  

Peking geht sein alter Propagandaspruch „Unsere Freunde sind in aller Welt“  (我们的朋友遍天下) auch als Slogan der Globalisierung Chinas flott über die Lippen. Nur sollen die Freunde am besten weiter im Ausland bleiben.  

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