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Chinas Kompass weist nach Süden

Von Johnny Erling

Rot aufleuchtende Anzeigetafeln in den Aktienmärkten von Shanghai und Shenzhen verheißen Anlegern Kursgewinne. Die Farbe Grün steht für Verluste. Das ist eine der Andersartigkeiten, worin sich Chinas Börsen von denen in Europa unterscheiden, wo Grün die Farbe der Hoffnung ist. Paradox ist auch, dass sich auf dem Börsenparkett massenweise Hausfrauen und Rentner tummeln. 96 Prozent aller Anleger am Kapitalmarkt sind individuelle Personen oder Kleinstfirmen, notiert die Börsenaufsicht (China Securities Regulatory Commission). Ende 2020 hielten 177,77 Millionen Privatleute A-Aktien-Konten in China, fast doppelt so viele Klein-Spekulanten wie Deutschland Einwohner hat.   

Der Massenandrang der „laobaixing“ (Chinas Volk) wird vom rascheren Zufluss ausländischen Kapitals und Indexfonds angeheizt, seit Beijing von 2019 an den Zugang zu seinen Börsen erleichterte. Internationales Kapital investierte bis vergangenen August 451 Milliarden US-Dollar. Xinhua meldete, dass allein 2020 der Shanghai-Komposit-Index um fast 20 Prozent und der Index in Shenzhen um mehr als 40 Prozent stiegen.  

Rot für den „sozialistischen Aktienmarkt“

Warum blitzt das Kursfeuerwerk in Rot? Laut Shanghais „Jiefang Ribao“ wurde Rot bei der Gründung der ersten Börse im Dezember 1990 gewählt, um den  „sozialistischen Aktienmarkt“ in China vom Kapitalistischen Markt abzugrenzen. Einer anderen Quelle zufolge hätten die ersten Staatsmakler in Shanghai ihre Software von Taiwans Börse abgekupfert, wo Rot für Gewinne steht.  

Einzelne Beispiele, warum in China vieles diametral anders als bei uns erscheint, lassen sich alle erklären, aber nicht das Phänomen einer fast in Gänze verkehrten Welt.  Sprachkundige Missionare und Reisende gingen dem nach. China-Resident und Kenner William R. Kahler (1862-1941) schrieb in seinem 1910 in Shanghai erschienenen und heute als Kultbuch in den USA nachgedruckten „Chinese Hotch Potch“, er sei erst von Chinesen auf diese Frage gestoßen worden; „Warum macht ihr mit der rechten Hand alles so, was wir mit unserer Linken tun?“  Kahler fand so zu seiner Theorie des „left-handedness“. Alles würde von Chinesen mit „links“ gemacht, ob sie vom Pferd absteigen, sich das Kleid aufknüpfen oder Windrichtungen mit Westnord (Xibei) angeben, statt Nordwest zu sagen. Und der Kompass heiße im Chinesischen „Nadel, die nach Süden zeigt“ (zhinan). Geschrieben werde von rechts nach links und gelesen werde ein Buch von hinten nach vorn. Was Wunder, dass die Trauerfarbe Weiß statt Schwarz ist und (Vor)-Namen hinter den (Nach)-Namen) stehen.     

Kahler irrte. Chinesen sind gar kein Volk von Linkshändlern. Ist also alles nur Zufall? Oder steckt tiefere Bedeutung dahinter, wenn Chinesen von sich sagen, sie leben „unter dem Himmel“ (tianxia), während Ausländer sich „auf der Erde“ wähnen? Der in Beijing lebende,  vom „Spiegel“ als Weltklasse-Philosoph gewürdigte Zhao Tingyang versucht gerade,  dahinter liegende Prinzipien einer Weltordnung zu ergründen. Das ist aufregend genug, um sein Buch „Alles unter einem Himmel“ (Suhrkamp) auch hierzulande zum Bestseller werden zu lassen.  

„Die Seele Chinas“

Der Jahrzehnte in China arbeitende Kulturforscher Richard Wilhelm, Gründer des Chinainstituts in Frankfurt, verwarf die Theorie der Verkehrten Welt. Vor 100 Jahren kritisierte er in „Die Seele Chinas“, dass die Suche nach „Verschiedenheit der kulturellen Umgebungen“ oft nur dazu da sei, um europäischer „Überheblichkeit gegenüber den Chinesen“ Vorschub zu leisten. „Dass die chinesischen Frauen ihre Füße schnürten statt wie die Europäerinnen ihre Hüften galt als entsetzliche Perversität- Alles was anders war, war schlecht.“  

Man sollte kulturelle Andersartigkeiten, die in China vielerlei Einflüssen vom Yin-Yang Dualismus, Buddhismus bis zur höflichen Etikette ihr Entstehen verdankten, von ihrer komischen Seite nehmen, riet der Ost-West-Essayist Lin Yutang. Ihn amüsierte, wie sich Ausländer zur Begrüßung wild ihre Hände schüttelten, während Chinesen sich gesittet verbeugten und dabei nur ihre eigenen Hände drückten. Heute würde Lin ulken, dass in Zeiten von Corona darin mehr Weisheit stecke, als sich albern mit den Füßen zu kicken.  

Akzeptanz anstelle des schnellen Urteil

Auch dem Sinologen Jörg M. Rudolph, erster Delegierter der Deutschen Wirtschaft in Beijing und Gründungspräsident der Deutschen Handelskammer in China (1999) ließ das chinesische Anderssein keine Ruhe. Rudolph, der später am Ostasieninstitut des FH Ludwigshafen lehrte, trug in seinem China-Infodienst „Xiu Cai“ Beispiele dafür zusammen, „dass die chinesische Welt anders gepolt ist. Wer auf und mit dem Planeten China zurechtkommen will, muss mehr tun, als nur die Vorderseite der Kulissen zu betrachten.“ In China sei das „Totenhemd“ ein „Kleid des langen Lebens“ (shouyi) und ein „Stehaufmännchen“ ein „Mann, der nicht umfällt“ (budaowen).  

Die Debatte ist eröffnet, ob China und seiner Weltsicht eine Sonderstellung aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit zukommen, wie Andrew Sheng zum Jahr des Ochsen in der „South China Morning Post“ fragt. Er beruft sich auf Vordenker wie Jacques Gernet und dessen Hauptwerk „Die chinesische Welt“ und warnt, nicht nur auf die Herausforderung der USA und des Westens durch Chinas „Exzeptionalismus“ zu achten. Auch Indien und der Islam ticken anders.    

Manch Gegensätzliches ist nur grotesk. Parteihistoriker haben aufgearbeitet, wie in den Anfängen der Kulturrevolution im Juli 1966 Beijinger Rotgardisten per Revolutionsverordnung durchsetzten, dass alle Ampelanlagen von Grün auf Rot umgeschaltet wurden: „Laufen bei Rot – Stoppen bei Grün“  (红灯行,绿灯停) . Das Verkehrschaos zwang den damaligen Premier Zhou Enlai die Wortführer in einer Beijinger Mittelschule aufzusuchen. Er erklärte ihnen, warum Rot für die Unfallverhütung und zum Segen des Volkes unverzichtbar sei. Die Hitzköpfe zogen ihr Dekret zurück. Chinas Verkehrte Welt wurde zumindest für Millionen Radfahrer in Beijing wieder sicher. 

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