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Deutsch-Chinesischer Countdown über Bande

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Vor exakt 50 Jahren brachten Bonn und Peking in der vorletzten Juli-Woche 1972 die Aufnahme ihrer diplomatischen Beziehungen auf den Weg. Beide spielten dabei über Bande. Das kam nicht von Ungefähr. Denn zu den Einfädlern gehörten ein Oppositionspolitiker der CDU und auf chinesischer Seite ein Xinhua-Journalist in Bonn. Die ungewöhnlichen Akteure sprangen über ihren Schatten und gerade mal elf Wochen später besiegelten die Bundesrepublik und die Volksrepublik ihr neues Verhältnis mit einem offiziellen Schriftsatz. Er wird auch das kürzeste Kommuniqué in Chinas diplomatischer Geschichte genannt.      

Wang Shu (王殊) Leiter der Nachrichtenagentur Xinhua (Neues China) in Bonn, ließ sich seine Nervosität nicht anmerken. Schon mehr als drei Stunden dauerte sein Gespräch mit CDU-Politiker Gerhard Schröder – nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter aus Niedersachsen und späteren SPD-Bundeskanzler. Doch der Satz, auf den er wartete, kam seinem Gesprächspartner nicht über die Lippen. 

Einfädler der Beziehungen zwischen China und Deutschland: Journalist Wang Shu, der 1974 Botschafter in Bonn wurde und seine Frau Yuan Jie lassen sich 2014 zu Wangs 90. Geburtstag ihr Lieblingsgericht (selbstgemachte Jiaozi) schmecken. Wang starb 2020 in Peking.
Der Einfädler: Journalist Wang Shu, der 1974 Botschafter in Bonn wurde und seine Frau Yuan Jie lassen sich 2014 zu Wangs 90. Geburtstag ihr Lieblingsgericht (selbstgemachte Jiaozi) in der Pekinger Wohnung schmecken. Wang starb 2020 in Peking.

Es war der 21. Februar 1972. Eine SPD-FDP-Koalition regierte die Bundesrepublik. Oppositionsmann Schröder, der einst Außen- und Verteidigungsminister für die Union gewesen war, führte den Vorsitz über den Auswärtigen Ausschuss des Bundestages. „Wir redeten über die Weltlage“ erinnerte sich Wang. „Aber ich dachte nur: Wann fragt er mich endlich? Draußen wurde es schon dunkel.“ Schließlich habe er alle Höflichkeit fallen lassen. „Ich unterbrach Schröder. Ob er daran interessiert sei, China in Kürze zu besuchen?“ Sein Gegenüber reagierte sofort: „Sehr gern, und wenn möglich noch in dieser Sommerpause.“   

Als mir Wang die Anekdote 25 Jahre später im Jahr 1997 erzählte, schüttelte er sich vor Lachen und tat noch immer entrüstet: „War das eine Zeitverschwendung! Und nur, weil Schröder zu vornehm war, um zuerst zu fragen.“   

Wang nahm Kontakt zu Schröder auf

Wang sollte sondieren, ob China über eine Einladung an Schröder seinem Wunsch nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Deutschland näherkommen würde. Eigentlich passte die Person Schröder nicht, weil er der Opposition angehörte. Die von Willy Brandt geführte SPD-FDP-Koalition aber hielt sich mit Kontakten zu China bedeckt, um ihre „Neue Ostpolitik“ der Aussöhnung mit Moskau und Ostberlin nicht zu belasten.  

Pekings Politik, Moskau heftig zu attackieren und Annäherungs-Pingpong mit den USA zu spielen, löste Fantasien in der CDU/CSU aus, die „China-Karte“ zu spielen. Wang berichtete darüber nach Hause. Positiv hob er vor allem Schröder hervor. Als Diplomat der alten Schule und Ex-Außenminister sei er kompetent und als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschuss überparteilich genug, um die amtierende Regierung nicht vor den Kopf zu stoßen, falls China ihn einladen sollte.  

Wang nahm Kontakt auf. Er wusste nicht, dass auch Schröder darüber nachdachte, wie er zu einer Einladung kommen könne. Frau Brigitte schrieb in den 1988 gemeinsam veröffentlichen Erinnerungen: „Mission ohne Auftrag“: „Wir werden bestimmt nach China reisen, hat mir mein Mann an einem Tag im Januar 1972 gesagt.“ Noch kein deutscher Politiker hatte bis dahin China besucht.  

Erst 16 Jahre später schrieb Gerhard Schröder (CDU) über seinen Pekinger Reisecoup 1972, mit dem er und Chinas Wang Shu den Countdown zur Aufnahme der deutsch-chinesischen diplomatischen Beziehungen einfädelten. Mitautoren der Erinnerungen "Mission ohne Auftrag" (Gustav Lübbe, 1988) sind Frau Brigitte und Wang Shu.
Erst 16 Jahre später schrieb Gerhard Schröder (CDU) über seinen Pekinger Reisecoup 1972, mit dem er und Chinas Wang Shu den Countdown zur Aufnahme der deutsch-chinesischen diplomatischen Beziehungen einfädelten. Mitautoren der Erinnerungen „Mission ohne Auftrag“ (Gustav Lübbe, 1988) sind Frau Brigitte und Wang Shu.

Fünf Monate, am 19. Juli, saß das Ehepaar Premier Zhou Enlai in Peking gegenüber. Wie sich Wang erhofft hatte, hatte Schröder Kanzler Brandt und Außenminister Scheel vor Reiseantritt informiert, ihr Einvernehmen auch für sein vertrauliches Memorandum eingeholt, das er als Blaupause für kommende offizielle Verhandlungen nutzen wollte. Zhou billigte den Entwurf. Schröder und Vizeaußenminister Qiao Guanhua unterzeichneten ihn am 20. Juli.  

Kommuniqué zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen

So startete der Countdown zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen, der nach 40 Tagen und acht Verhandlungsrunden zum offiziellen Vertrag führte. Am 11. Oktober 1972 paraphierte ihn der nach Peking angereiste Außenminister Walter Scheel für die SPD-FDP-Koalition. Diplomat Luo Guowen 罗国文 nennt die Vereinbarung in seinem neuen zweibändigen Buch „Zwischen China und Deutschland“ (中德之间) „Chinas kürzestes Kommuniqué zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen“ (最短的建交公报).  

Es besteht aus nur einem Satz: „Die Regierung der Volksrepublik China und die Regierung der Bundesrepublik Deutschland haben am 11. Oktober 1972 beschlossen, diplomatische Beziehungen aufzunehmen und in kurzer Zeit Botschafter auszutauschen.“ Im Kommuniqué stehen weder die „fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz“ noch das „Ein-China Prinzip“ der Taiwan-Frage. Aber auch kein Wort zur Berlin-Frage. Doch Peking akzeptierte den Vertretungsanspruch Bonns für Weltberlin. Nur willigte es in eine pragmatische Lösung ein. China habe einem von der deutschen Seite mündlich verlesenen Text zugestimmt, wonach Westberlin von Bonn vertreten werde. Genauso dürfe Bonn das auch verkünden. 

Am 20. Juli 1972 signierten Gerhard Schröder (CDU) und Vizeaußenminister Qiao Guanhua in Peking die erste gemeinsame Absichtserklärung zur baldigen Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Das ging so unkompliziert schnell vor sich, dass in die deutsche Fassung ein fehlendes "r" im Namen Schröders nachträglich eingefügt werden musste.
Am 20. Juli 1972 signierten Gerhard Schröder (CDU) und Vizeaußenminister Qiao Guanhua in Peking die erste gemeinsame Absichtserklärung zur baldigen Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Das ging so unkompliziert schnell vor sich, dass in die deutsche Fassung ein fehlendes „r“ im Namen Schröders nachträglich eingefügt werden musste.

Scheel würdigte Jahrzehnte später die Rolle Wang Shus und Schröders als Einfädler: „Beziehungen mit China? Für uns wollte das wohlüberlegt sein. Dass China Schröder als Eisbrecher wählte, war ein guter Griff: Vor seiner Reise hatten wir eine ausführliche Unterhaltung mit ihm. Nach seiner Rückkehr besuchte er mich in meinem Urlaubsort in Österreich, um über seine Eindrücke zu berichten.“   

Mao: Treiber hinter Aufnahme der Beziehungen

Hinter der Eile und der simplen Prozedur steckte – wie wir heute wissen – auch Kalkül, von Premier Zhou Enlai im Auftrag Mao Zedongs. Der Vorsitzende brütete nach Aufnahme der Volksrepublik in die UN 1971 und nach dem spektakulären Peking-Besuch von US-Präsident Nixon im Februar 1972 über weitere Befreiungsöffnungen nach, um der sowjetischen Bedrohung zu entgehen. Maos Motto lautete: „Im Osten öffnen wir uns nach Japan, im Westen nach Deutschland.“ Im September nahmen Peking und Tokio Beziehungen auf, im Oktober war Bonn an der Reihe.

Zhou drängte Schröder, alles zu tun, dass sich Peking mit Bonn noch vor der Bundestagswahl Ende 1972 auf diplomatische Beziehungen verständigen könne. „Für unsere Länder besteht nicht die Frage der Normalisierung, sondern einfach die der Aufnahme diplomatischer Beziehungen.“ Das sei anders als mit Japan und berühre auch nicht die Taiwan-Frage. Für die sei „entscheidend, dass Deutschland nie Beziehungen zu Chiang Kai-shek hatte. Das ist Adenauer zu verdanken.“  

Heute sind die 70-seitigen Wortprotokolle der Gespräche Schröders mit Peking zugänglich. Sie zeigen, wie Chinas Diplomaten auf ihn einredeten, der Sowjetunion nicht über den Weg zu trauen. „Wir verwenden für sie gerne ein Wort, über das sie sich sehr ärgern: Die neuen Zaren“, sagte Qiao. Sie „halten sich an keine Verträge.“ Drastisch warnte Zhou vor Moskaus „nicht aufhörender Begierde nach Expansion.“ Peking habe „den Eindruck, dass die jetzige Administration der USA das begriffen hat.“ China sei vorbereitet, falls die Sowjets gegen den Osten vorgingen. Aber sei Europa es, wenn es gegen den Westen ginge? Wenn sich dort „ein falsches Sicherheitsgefühl ausbreiten würde infolge der Ratifizierung der Ostverträge und der Berlin-Vereinbarung, wäre das sehr gefährlich.“  Zhou: „Ich sage das Ihnen, weil Ihre Partei das versteht, und sagen Sie das nicht Ihrer Regierung, weil die SPD das nicht versteht.“

Wangs Beschützer: Mao Zedong

Wie sich die Zeiten nach 50 Jahren ändern. Heute verteidigt Peking unter Xi Jinpings Führung Putins Angriffskrieg auf die Ukraine. Während SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz am 17. Juli in einem Gastbeitrag in der FAZ schreibt: „Putins Umgang mit der Ukraine und anderen Ländern in Osteuropa trägt neokoloniale Züge. Ganz offen träumt er davon, nach dem Modell der Sowjetunion oder des Zarenreichs ein neues Imperium zu errichten.“ Und in seiner Regierungserklärung verspricht er: Deutschland müsse seine „China-Politik an dem China ausrichten, das wir real vorfinden.“

Nach 50 Jahren - Zeit der Erinnerung: In zwei Bänden
Nach 50 Jahren – Zeit der Erinnerung: In zwei Bänden „Zwischen China und Deutschland“ (Weltwissen-Verlag 2020) enthüllt Diplomat und Deutschlandexperte Luo Guowen auf 745 Seiten, wie es zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen kam und zieht sein Fazit.

Für den Journalisten Wang Shu, der 20 Jahre lang als Korrespondent in Asien und Afrika arbeitete, wenig Englisch und Französisch konnte, war alles neu, als er Ende 1969 nach Deutschland geschickt wurde. Sein Vorteil war: „Ich kam ohne festgelegte Meinungen oder ideologische Vorurteile an“. Doch das war auch gefährlich, unter den misstrauischen Augen seiner Heimatredaktion und in einer vergifteten innenpolitischen Atmosphäre voller Intrigen. Als Wang mir das erzählte, unterbrach uns seine Frau Yuan Jie: „Ich habe damals Todesängste ausgestanden“.  

Wang hatte aber, ohne es zu wissen, in Mao einen mächtigen Beschützer. Der kritzelte auf einem von Wangs Berichten sogar: „Der taugt zum Botschafter“, was Wang tatsächlich 1974 in Bonn wurde. Denn der Vorsitzende brütete nach dem blutigen Grenzscharmützel 1969 mit der Sowjetunion über die veränderte Weltlage, die China zur Öffnung nach Westen zwinge. Wangs Berichte kamen ihm gerade Recht.

China wusste mehr über die Deutschen als umgekehrt. Diese kamen 1972 in ein von der Kulturevolution schwer gezeichnetes Land. Dabei kam es zu einem ungewollt komischen Fauxpas. Außenminister Scheel hatte für sein Abschiedsbankett im Oktober in der großen Halle des Volkes aus Deutschland eingeflogene Spezialitäten auftischen lassen. Der stolze Chefkoch begrüßte alle Eingeladenen und wollte wissen, wie es ihnen schmecke, schildert Diplomat Luo. Mit seiner weißen Kochmütze verschreckte er jedoch die chinesischen Gäste, darunter hochrangige Beamte. Sie fühlten sich an die hohen weißen Schandhüte erinnert, mit denen Rotgardisten sie einst schaulaufen ließen. Luo beschreibt die damalige Gefühlslage in der Halle des Volkes mit einem deutschen Wort. Er setzt es in Klammern (Schock).  

Den sich rasant entwickelnden Beziehungen seither schadete es nicht.    

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