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Drei-Kind-Politik: Chinas Planer schneiden Schnittlauch

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Chinas neues Ideal ist das einer „geburtenfreundlichen Nation.“ Dafür lässt Peking online nach Propagandalosungen suchen, die Chinas Haushalten den erlaubten Kindersegen mit der 3-Kind-Politik schmackhaft machen sollen. Die Internetgemeinde reagierte anders als erhofft – mit einem wütenden und höhnischen Shitstorm.

Wieder einmal verlangt die Kommunistische Partei von Chinas Familien, sich neu zu erfinden. Alles, was einst galt und worunter sie litten, sollen sie über Nacht vergessen: 35 Jahre Ein-Kind-Politik mit erzwungener Geburtenkontrolle, Überwachung, Abtreibung, Sterilisation und Schikanen ohne Ende durch den sich bis in ihre Schlafzimmer einmischenden Staat sollen einfach so passe sein. Kinderreichtum ist wieder erste Bürgerpflicht, beschloss das Politbüro am 31. Mai. Die Parteielite prägte als neue Losung: „Lasst uns eifrigst eine geburtenfreundliche Gesellschaft schaffen.“ (努力构建 生育友好型社会).

Der Nationale Volkskongress (Chinas sozialistisches Parlament) brauchte keine acht Wochen, um dafür mit 21 Änderungen das seit 2002 geltende Bevölkerungs- und Familienplanungsgesetz der Volksrepublik zu überarbeiten. Nur 2015 war es um einen Zusatz erweitert worden, dass Chinesen auch zwei Kinder haben dürfen. Am Dienstag vergangener Woche beriet der Ständige Parlamentsausschuss über die umfassend revidierte Neufassung. Schon freitags wurde sie nach erster Lesung durchgewunken und sofort in Kraft gesetzt.

Das Gesetz erlaubt drei Kinder, streicht alle Strafen und Geldbußen für unangemeldete Geburten und verspricht den Familien künftige staatliche Unterstützung. Die Palette reicht vom bezahlten Elternurlaub, mehr Kitas bis zu geburtenfreundlichen Anpassungen des Finanz-, Steuer-, Versicherungs- und Bildungswesen sowie beim Wohnungsbau und der Beschäftigung. Noch im laufenden Fünfjahresplan bis 2025 will die federführende Planungsbehörde NDRC erste Pflöcke für China als Willkommensgesellschaft einschlagen; auch das Alter für die Ehe und die Geburt des ersten Kindes sollen wieder gesenkt werden. 1990 heirateten Chinesen im Durchschnitt mit 21,4 Jahren. 2017 waren sie 25,7 Jahre alt.

3-Kind-Politik: Suche nach geburtenfreundlichen Parolen

Um dafür kräftig die Propagandatrommel zu rühren, rief Chinas Verein für Familienplanung zum Wettbewerb für neue geburtenfreundliche Parolen auf. Einsendeschluss ist der 15. September. Danach wird eine Jury 35 Slogans auswählen und prämieren. Die Autoren der fünf besten Werbesprüche erhalten jeweils 1.000 Yuan (umgerechnet 130 Euro).

Vielen Chinesen kommt Pekings Wandel zu abrupt. Das Netz ist voller Wut. Die Nutzer erinnern an grausame und ungesühnte Vorfälle, wo allmächtige Staatskontrolleure auf dem Land nach außerplanmäßig Hochschwangeren fahndeten. Sie zwangen die Frauen zur Abtreibung, ließen ihre Häuser zur Abschreckung der Nachbarn abreißen. Illegal geborene Babys wurden als „schwarze Kinder“ gebrandmarkt oder ihren Vätern extreme Geldbußen aufgebrummt.

3-Kind-Politik 2-Kind-Politik
Zum Frühlingsfest 2016 wurde auf Pekinger Märkten für die Zweikind-Familie geworben. Nun werden neue Plakate für die Dreikind-Familie gebraucht.

Mikroblogs zeigen Fotomontagen des weltberühmten Regisseurs Zhang Yimou, der am 9. Januar 2014 als „Sozialabgabe“ wegen Verstoß gegen die Ein-Kind-Politik für seine drei Kinder 7,48 Millionen Yuan (fast eine Million Euro) Strafe zahlen musste. Sie lassen Zhang theatralisch ausrufen: „Gebt mir meine Millionen zurück.“ Das wollen viele Zehntausende normale Chinesen auch, die Geldbußen zahlen mussten.

Rufe nach kritischer Aufarbeitung der Ein-Kind-Politik

Nachrichten-Webseiten von Parteimedien, die die neue Geburtenpolitik priesen und dafür virtuelle Prügel bezogen, schlossen wegen zu vieler „Junkmails“ (垃圾评论) ihre Kommentarfunktionen. Peking zensiert Rufe nach Übernahme der Verantwortung und nach kritischer Aufarbeitung seiner Ein-Kind-Politik. Blogger schrieben Sprüche wie: „Wenn unsere Führer uns um Entschuldigung bitten würden, brächte das mehr bringen als 100 Slogans.“ ( 领导出来道个歉比想一百条标语管用.) 

Drei Ferkelchen in der Schweine-Familie: Im Jahr 2018 gab es auf einer Briefmarke den ersten Vorboten eines Politikwechsels

Hohn und Spott über die Dreikinder-Familie versteckt sich hinter Andeutungen. Mein Favorit ist ein Wortspiel mit dem unterschiedlich geschriebenen, aber gleich ausgesprochenen Schriftzeichen „Jiu“, das entweder die Zahl Neun (九) bedeutet, oder chinesischer Schnittlauch (韭菜). Der Spruch „三三得韭“ könnte als „3 mal 3 ist 9“ verstanden werden, oder als „3 mal 3 macht (Dich) zu Schnittlauch.“ Die Lauchpflanze gilt als Synonym für das Volk. Sie wächst nach, auch wenn sie immer wieder abgeschnitten wird.

Ein Blogger schlug vor, als Antwort auf Pekings Propaganda einen Doppelspruch (对联) traditionell längs an die Haustür zu hängen: Auf der einen Seite steht: Die Eltern bringen in einem Haushalt drei Kinder zur Welt und müssen vier Großeltern pflegen. Auf der anderen Seite steht: Um acht Uhr zur Arbeit, um 21 Uhr nach Hause. Das strengt extrem an, und der Millionen-Wohnungskredit ist noch nicht abgestottert. Als Auflösung lautet der Querspruch darüber: „Das ist das Leben des Schnittlauchs“ (一个家庭,两个夫妻,生三个孩子,养四个老人。八点上班,晚九点下班,费十分力气,还百万房贷。韭菜的一生).

Volkszählung setzt KP unter Druck

Peking brennt es unter den Nägeln seit der jüngsten, im Mai erschienenen Volkszählung. China ist mit seiner Geburtenrate von 1,3 zum internationalen Schlusslicht geworden. Mit zwölf Millionen Neugeburten 2020 fürchten Demografen, dass die derzeit 1,41 Milliarden-Bevölkerung ab 2022 erstmals schrumpft. Auch das Heer der 16- bis 59-jährigen Arbeitskräfte verringert sich. Als drittes Alarmsignal ist die Alterspyramide umgekippt. Nach Angaben des 2020 China Development Report wird China schneller alt als reich. Bereits heute sind 181,6 Millionen Chinesen über 65 Jahre alt.

Warnungen vor den negativen wirtschaftlichen und demografischen Folgen der staatlichen Geburtenplanung haben Peking seine Politik ändern lassen. Dagegen fehlt jede gesellschafts- und selbstkritische Reflexion. Nur der Literatur-Nobelpreisträger Mo Yan thematisierte das Problem in seinem Roman „Der Frosch“ ( 莫言:蛙), als er das Schicksal einer Abtreibungsärztin auf dem Land nacherzählte.

Chinas erzwungene Geburtenkontrolle war furchtbar erfolgreich. Nach Schätzungen leben heute 180 Millionen Einzelkinder in der Volksrepublik. Pekings Gesellschaftsingenieure haben ganze Arbeit geleistet. Was sie dadurch in der Seele der Nation anrichteten, lässt sich kaum erahnen.

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