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Zehnmal wollte die Partei Xi Jinping nicht haben

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Die Zeiten sind vorbei, als westliche Nachrichtensprecher Regieanweisungen erhielten, wie sie den Nachnamen von Xi Jinping aussprechen sollen. „So wie das Wort Ski.“ Heute ist ihnen der Name vertraut, sind längst Dutzende Biografien über Chinas mächtigsten Führer seit Mao erschienen.

Doch wer die Person dahinter zu ergründen sucht, tappt weiter im Dunkeln. Das liegt an Xi Jinping selbst. Seit er Ende 2012 zum Partei- und Staatschef aufstieg, lässt er sich nicht mehr interviewen, gibt sich keine Blöße. Bis auf seine offiziellen Vorträge zu wichtigen Anlässen oder auf Auslandsreisen werden seine anderen Aufsätze und Reden von der Propaganda erst nach geraumer Zeit und meist nur in ausgewählten Passagen veröffentlicht.

Als Provinzfunktionär verhielt er sich ungezwungener, auch gegenüber Reportern. Er erzählte ihnen über seine privilegierte Kindheit und später bitteren Jugend, nachdem sein revolutionärer Vater Xi Zhongxun bei Mao 1962 in politische Ungnade fiel und erst 1978 rehabilitiert wurde. Die ganze Familie wurde in Sippenhaft genommen. Xis frühere Interviews sind eine der wenigen Quellen, um seine Persönlichkeit zu verstehen.

Der erste Band mit Biografien von Trägern des Doktortitels in der Provinz Fujian (2003)

Das trifft auch auf einen Lebenslauf zu, den Xi Jinping selbst verfasste. Er schrieb ihn für ein 2003 erschienenes Lexikon mit Biografien von 381 Doktoranden aus Fujian, mit deren akademischen Talent sich die Küstenprovinz brüstete. Xi, der von August 1999 bis September 2002 als Vizechef und dann als Gouverneur die Provinz regierte, leitete auch das Beraterkomitee zur Herausgabe des Lexikons (fujian boshi fengcai 福建博士风采). 

Er reihte sich selbst unter die 381 Doktoranden ein und verfasste einen zweiseitigen Text über sich. Er schrieb darin, dass er von März 1998 bis Januar 2002 an der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Tsinghua-Universität in Peking promovierte. Für seine Arbeit „Forschungen zum Aufbau des Agrarmarkts“ erwarb er den Doktortitel. Wie er (und ob er selbst) es bewältigte, den Doktor zu machen, obwohl er gleichzeitig im Fulltime-Job Provinzchef von Fujian war, verrät er nicht.

Ich entdeckte das Lexikon, das im Juni 2003 öffentlich mit einer Auflage von 2.000 Exemplaren erschien, in einem Second-Hand Buchladen in Peking. Xi Jinping schildert seinen Werdegang in der Ich-Form. Nachdem er im Chaos der Kulturrevolution als 15-Jähriger seine Pekinger Mittelschulausbildung im Dezember 1968 abbrechen musste, verbrachte er die folgenden sieben Jahre bis 1975 mit Feldarbeit in einer Dorfbrigade in Nordchinas Provinz Shanxi. 

Die Doppelseite, auf der sich der spätere Präsident selbst vorstellt

Xis Lebenslauf beginnt so: „1969, bin ich von Peking aus in die Produktionsbrigade Liangjiahe der Volkskommune Wenanyi gekommen, um dort ‚Wurzeln‘ zu schlagen. (…) Ich war sehr weit von zu Hause weg, völlig ohne Verwandte. (…) Anfangs waren wir 20 bis 30 Jugendliche mit Schulbildung, die aus Peking in das Dorf kamen. Alle stammten aus Funktionärsfamilien der Armee. Nach einem halben Jahr waren die meisten wieder weg, gingen in den Armeedienst. Nach einem Jahr waren alle fort. Nur ich blieb zurück. Ich fühlte mich sehr einsam.“

Zehn Anträge auf Parteimitgliedschaft

Zum ersten Mal enthüllt Xi Jinping selbst, wie er in seinen sieben Jahren auf dem Land immer wieder vergeblich versuchte, der Partei beitreten zu dürfen. Das wurde ihm wegen der politischen Verfolgung seines Vaters nicht erlaubt. „Ich schrieb zehnmal Anträge, um in die Partei aufgenommen zu werden. Aber sie wurden wegen meiner Familiensituation nicht angenommen.“ (我先后写过十份入党申请书,由于家庭的原因,都未.)

Heute muss es Xi Jinping als große Genugtuung empfinden, dass die Partei, die ihn erst 1974 aufnahm, sich von damals knapp 30 Millionen Mitgliedern auf 95 Millionen mehr als verdreifacht hat und bedingungslos auf ihn hört. Er ließ sogar ihre Statuten ändern, um sein „Xi Jinping-Denken“ als Leitideologie für die neue Ära schriftlich zu verankern.

Jungbauer Xi kämpfte gegen alle Widrigkeiten des Landlebens an, arbeitete hart. So sei er von der Dorfgemeinschaft schließlich akzeptiert worden: „Jeden Abend kamen alte und junge Bauern zu mir, plauderten mit mir über Geschichte und die aktuelle Lage. (…) Meine Wohnhöhle wurde zum Treffpunkt. Auch der Parteisekretär der Brigade kam, um sich mit mir zu besprechen. (…) Schließlich befürwortete er meine Parteiaufnahme. Er sorgte dafür, dass ich später Leiter der Parteizelle unseres Dorfes wurde.“

Xi über Xi: „Ich bin nicht anfällig für Irrlehren.“

Xi Jinping hoffte nun, in Peking studieren zu dürfen. Die Tsinghua-Universität hatte für 1975 zwei Studienplätze für die gesamte Bauernregion ausgelobt. Von seinem Dorf wurde Xi nominiert. Doch wegen seines politisch geächteten Vaters wurde er auf der nächsthöheren Ebene blockiert: „Der für Bauernstudenten verantwortliche Universitätssachbearbeiter traute sich nicht. Er leitete meinen Antrag an die oberste Universitätsleitung weiter. Sie sollte entscheiden.“ Das, so schreibt Xi, „aber wurde zu meiner Chance.“ Denn die Tsinghua-Universität geriet „im Juli, August und September 1975“ in den Strudel einer kulturrevolutionär geprägten politischen Kampagne gegen den sogenannten „rechten Wind der Restauration“.

Die beiden (ultralinken) Universitätsleiter, deren Namen er als Chi Qun und Xie Chengyi angibt, hatten keine Zeit, sich um neu aufgenommene Studenten zu kümmern. So entging ihrer Aufmerksamkeit auch der Bauernstudent Xi. Er schreibt: „Zu dieser Zeit kam mein Vater gerade aus der Verbannung und wurde zur Arbeit in eine Fabrik in Luoyang geschickt. Diese Fabrik verwandte sich dann in einem Brief an die Tsinghua für mich: ‚Die Probleme von Genossen Xi Zhongxun gehören zu den Widersprüchen im Volk. Sie sollten nicht verhindern, dass seine Kinder studieren oder arbeiten dürfen.‘ Das reichte als Empfehlungsschreiben aus, damit ich auf die Universität gehen konnte.“

Xi Jinping studierte Chemie. Als er 1979 sein Studium absolviert hat, wird er vom damaligen Verteidigungsminister und Politbüromitglied Geng Biao (ein Freund von Xis inzwischen völlig rehabilitierten Vater) als Sekretär eingestellt. Aber auf eigenen Wunsch lässt Xi sich 1982 in die Kreisstadt Zhengding in der Provinz Hebei transferieren und fängt dort als Vize-Parteisekretär an. Er schreibt, dass damals viele nicht verstehen, warum er Peking verlässt. „Außer mir gingen noch andere auf die unterste Verwaltungsebene zurück, wie Liu Yuan (der Sohn des ehemaligen von Mao zu Tode verfolgten Staatspräsidenten Liu Shaoqi). Wir beide gelangten unabhängig voneinander zur gleichen Ansicht, uns den Arbeitern und Bauern anschließen zu wollen.“

Tatsächlich ist der Weg über die Arbeit in den Provinzen ein klassischer Weg, um politische Karriere in der Volksrepublik machen zu können. Von 1982 an beginnt Xis 25 Jahre dauernder Aufstieg über vier Provinzen, bis er 2007 ins Pekinger Zentrum der Macht gelangt.

In seinem 2003 geschriebenen Lebenslauf reflektiert Xi Jinping nirgendwo kritisch, was ihm widerfahren ist, auch wenn er einräumt, ungerecht behandelt worden zu sein. Er zieht das Fazit, dass er durch seine sieben Jahre Erfahrungen auf dem Bauernland „bodenständig“ wurde. Er sei „nicht anfällig für Irrlehren“, lasse sich durch nichts erschüttern und könne mit allen Schwierigkeiten fertig werden, „um voran zu kommen.“ 

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