Themenschwerpunkte


Rolf Langhammer – Ahnenforschung in China

Rolf Langhammer, Wirtschaftswissenschaftler mit tiefer China-Kenntnis.
Rolf Langhammer, Wirtschaftswissenschaftler mit tiefer China-Kenntnis.

Vor zwanzig Jahren begab sich Rolf Langhammer auf eine Reise. Sie führte ihn bis ins China des frühen 20. Jahrhunderts, in ein zersplittertes, von Warlords regiertes Land zwischen Tradition und kultureller Erneuerung. Und schließlich sogar bis ins neuzeitliche Shanghai. Orientieren konnte er sich anhand der vielen Spuren, die sein Großvater während der Jahre im Ausland hinterlassen hatte: Briefwechsel mit der Familie in Deutschland, eine Passagierliste und ein Visum. Aus einem Dachbodenfund wurde Detektivarbeit und Rolf Langhammer zum Ahnenforscher.

Langhammer, 75, war lange Professor am Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW). Sein Spezialgebiet sind Entwicklungs- und Handelsfragen, besonders im asiatischen Raum. Er diente als Berater sowohl für eine Reihe internationaler Organisationen (EU, Weltbank, OECD) als auch für die Bundesministerien für Wirtschaft und wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Heute ist Rolf Langhammer vor allem als Gutachter und in der Wissenschaftskommunikation tätig. Dass es zwischen Deutschland und China quasi keine Forschungsbeziehungen gibt, bedrückt ihn. Doch trotz der vielen Probleme ist die Volksrepublik für ihn weiterhin ein wichtiger Themenschwerpunkt.

Handel mit chinesischem Haar

Als sein Großvater starb, war Langhammer selbst erst ein paar Monate alt. „Zum Glück gibt es noch viele Postkarten aus der Zeit“, sagt er. Als die Dokumente damals auf einem Dachboden auftauchten, ist er alles durchgegangen, er hat recherchiert und sich Stadtpläne von damals besorgt. Er wollte verstehen, wer sein Großvater war. Auf der Passagierliste des Reichspostdampfers „Bayern“, einem vergilbten Papierstück aus dem Jahre 1906, steht: „Von Europa nach Japan.“ Eine Zeile tiefer: „Nach Shanghai“. Und dann: O. J. Langhammer. „Das ist er. Oskar Johannes Langhammer. Mein Großvater“, sagt Rolf Langhammer.

Der Großvater war in China lange für ein Hamburger Handelshaus tätig. Import, Export. Ein besonders gefragtes Gut war chinesisches Haar – für den Perückenmarkt in Europa. Hin und wieder verschickte der Großvater Dollarnoten zu den Verwandten im von der Hyperinflation gebeutelten Deutschland.

Der Großvater öffnet noch heute Türen

Dass Langhammer selbst einmal nach Shanghai fliegen und sich auf die Spuren seines Großvaters begeben würde, stand außer Frage. Er legte den Stadtplan von 1930 auf einen aktuellen, verglich Straßennamen und Häuserfronten – bis er 2012 vor dem Haus stand, das sein Großvater bewohnt hatte. So gewaltig die Veränderungen in Stadt und Land auch sind, das Haus im Art Déco-Stil sei dasselbe geblieben. Was ihm dabei durch den Kopf ging? „Wie gut es uns als Enkelgeneration doch geht.“

Wenn Langhammer heute nach China reist, nimmt er gerne die Aufenthaltsgenehmigung seines Großvaters mit – ein 1920 vom Warlord Chen Jiongming ausgestelltes Dokument. Augenzwinkernd sagt Langhammer, dass jeder Grenzbeamte vor Ehrfurcht erzittert, wenn das Dokument vorgezeigt wird. Das ist natürlich ein Scherz. Aber das Dokument findet bei seinen Kontakten im Land viel Anklang. „Jeder Chinese, dem ich das bislang zeigte, betrachtete mich sofort als alten Freund Chinas. Mit seiner Unterschrift und dem Schreiben geht man in China durch eine offene Tür“, sagt Langhammer. Die Chinesen seien eben sehr traditionsbewusst. Tim Winter

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