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Nora Sausmikat – ein Leben für Chinas Zivilgesellschaft

Nora Sausmikat, Leiterin China Desk der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald e.V.
Nora Sausmikat, Leiterin China Desk der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald e.V.

Als Nora Sausmikat Ende der Achtziger Jahre im alten Teehaustheater von Chengdu auf der Bühne steht, berichten Zeitungen und Fernsehen über die junge Europäerin, die Chinesische Oper beherrscht. Sie hat lange für diesen Moment trainiert. Sausmikat trägt einen riesigen, bunten Kopfschmuck und ein traditionelles Kostüm, führt Kopfstimme und Akrobatik auf. „Ich habe mich gefühlt wie ein kleiner Star“, sagt sie.

In Chengdu verbringt die Sinologie-Studentin ab 1988 einen zunächst unbeschwerten Auslandsaufenthalt, unterrichtet junge Chinesen in Englisch, entdeckt köstliche Lebensmittel auf dem Markt hinter der Sichuan-Universität. China und seine Kultur, vor allem aber seine Menschen mit ihrer großen Gastfreundschaft wachsen ihr schnell ans Herz. Sie erlebt politische Diskussionen mit chinesischen und ausländischen Intellektuellen, wähnt sich in einer anscheinend offenen Kultur. „Es herrschte Aufbruchsstimmung“, sagt Sausmikat.

Die Erlebnisse von 1989 waren prägend

Der Juni 1989 verändert alles. Hunderttausende oft junge Menschen demonstrieren im Frühjahr in vielen chinesischen Städten für Demokratie, auch in Chengdu. In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni eskaliert die Lage in Peking. Panzerkolonnen rollen an, das chinesische Militär schlägt die aufkeimende Demokratiebewegung brutal nieder. Wie viele Menschen sterben, ist bis heute unklar – einige Quellen sprechen von Tausenden Toten. Auch in Chengdu erlebt Nora Sausmikat auf der Straße, dass Panzer rollen und Tränengas die Sicht vernebelt.

Das Tiananmen-Massaker versetzt das Land in Schockstarre – und verändert das Studentenleben von einem Tag auf den anderen. „Die meisten anderen Studierenden verließen das Wohnheim, brachten sich in Sicherheit“, sagt Sausmikat. Nur sie und eine Australierin bleiben zunächst zurück, Freunde und Lehrkräfte der Universität verschwinden in Polizeigewahrsam.

Schließlich zieht sich auch Sausmikat ins 2000 Kilometer entfernte Xiamen zu einem Freund zurück. Sie erlebt ein Land in Angst und Aufruhr. An einem Bahnhof wird sie Zeugin einer öffentlichen Auspeitschung. In den Zügen will niemand über die vergangenen Ereignisse sprechen – die Regierung gibt das Narrativ vor, die Gewalt sei von den Demonstrierenden ausgegangen. Während Nora Sausmikat noch in China ist, fällt in Berlin die Mauer. Die Zeitung China Daily berichtet darüber in einer Randnotiz auf der letzten Seite.

Aufbau des China-Programms der Stiftung Asienhaus

Geprägt von den Erlebnissen, widmet sich Nora Sausmikat bald vermehrt politischer Forschung. „Themen wie Partizipation und Meinungsbildung haben mich nie mehr losgelassen“, sagt sie. Die chinesische Zivilgesellschaft prägt seitdem ihren Lebensweg. Sie schreibt ihre Doktorarbeit über Erinnerungskultur chinesischer Generationen und verbringt mehrere lange Forschungsaufenthalte in China. Heute leitet Sausmikat den China Desk der Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald mit Sitz im westfälischen Sassenberg.

Der Weg dorthin führt sie zunächst aber über Köln, wo sie ab 2008 am Aufbau des China-Programms der Stiftung Asienhaus intensiv beteiligt ist. Sie entwickelt ein Austauschprogramm zwischen europäischen und chinesischen NGOs. „Wir wollten Schranken abbauen, Vertrautheit durch persönliche Begegnungen schaffen und langfristige Partnerschaften aufbauen.“ Ein Ziel sei zudem gewesen, in Deutschland ein differenzierteres Bild von China und seiner vielfältigen Gesellschaft zu vermitteln. „Rund um die Olympischen Spiele in Peking 2008 war die Berichterstattung sehr einseitig negativ“, findet sie.

Auch weil sie ab den 2000er-Jahren eine erneute Öffnung der chinesischen Gesellschaft erlebt hatte, geduldet von einer Regierung, die – viele Jahre nach 1989 – wieder mehr Austausch und Pluralismus zuließ. Damals lernte sie zahlreiche Chinesinnen und Chinesen kennen, die sie bewunderte, weil sie „auch mit Widrigkeiten immer kreativ“ umgingen.

NGOs müssen Slogans der Partei herunterbeten

2013 tritt Staatspräsident Xi Jinping sein Amt an. Zum zweiten Mal nach 1989 wird Sausmikat mit einem radikalen Wendepunkt im Kurs der chinesischen Regierung konfrontiert. Dieser kommt allerdings schleichender daher. Xi habe nach und nach einen totalitären Personenkult etabliert, der Austausch mit chinesischen NGOs sei immer schwieriger geworden, sagt Sausmikat. Heute gebe die Regierung genau vor, über welche Themen gesprochen werden dürfe. Es sei kein Problem, sich etwa über technische Lösungen zum Klimaschutz auszutauschen. „Doch alles, was sich um Menschenrechte dreht, ist tabu.“

2019 endet das Austauschprogramm der Stiftung, auch weil Fördergelder auslaufen. „Es war für mich aber auch zunehmend schwer, dahinter zu stehen“, sagt Sausmikat. Die chinesischen Partner konnten nicht mehr frei reden, immer mehr einschränkende Bedingungen mussten unterschrieben werden. NGOs müssten heute die Slogans der Partei herunterbeten. „Es ist kaum noch möglich, ein Austauschprogramm so zu gestalten, dass es für alle Beteiligten ungefährlich ist.“

Urgewald folgt der Spur des Geldes

Sausmikat beginnt 2019 ihre neue Tätigkeit bei Urgewald, verfolgt nun einen anderen Ansatz: Der Dialog innerhalb eines offiziellen Programms ist gezielter politischer Arbeit gewichen. „Ich wollte mich nicht mehr mit Kompromissen zufriedengeben.“ Urgewald setzt sich mit Chinas Rolle in der Welt auseinander ­- und seiner Finanzwirtschaft. „Wir folgen der Spur des Geldes“, sagt Sausmikat. Schließlich sei kein großes Bauprojekt, das Menschenrechte missachte – wie bei Zwangsumsiedlungen -, ohne Geldgeber möglich.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht etwa die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank (AIIB) mit Sitz in Peking. „Wir prüfen, welche menschenrechtlichen und ökologischen Folgen die von der AIIB finanzierten Projekte haben.“ Da die multilaterale Bank auch deutsches Steuergeld erhalte, sei dies ein effizienter Hebel, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. „Wir machen Druck auf Investoren, Banken und die Politik.“ Zudem sei man Anlaufstelle für chinesische Kleinbauern oder Klimaschützer.

Ihr Blick auf China hat sich geändert: „Lange habe ich gegen zu einseitig negative Berichterstattung angekämpft. Leider ist die Realität heute so, dass man eher Gefahr läuft, Menschenrechtsverletzungen zu übersehen.“ Jan Wittenbrink

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