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Nis Grünberg – Reisefieber ohne Chance auf schnelle Heilung

Nis Grünberg ist Lead Analyst bei Merics und forscht unter anderem zur nachhaltigen Entwicklung Chinas.
Nis Grünberg ist Lead Analyst bei Merics und forscht unter anderem zur nachhaltigen Entwicklung Chinas.

Die Eindrücke seiner ersten China-Reise sind Nis Grünberg nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Noch heute übermannt ihn beim Gedanken daran seine Gefühlswelt so intensiv, dass es dem Halbdänen glatt die deutsche Sprache verschlägt. „Mindblowing“, sagt der Lead Analyst des Berliner Forschungsinstituts Merics im Gespräch mit China.Table stattdessen: einfach überwältigend. Vor 18 Jahren war das, und seitdem war für Grünberg klar, dass er China, das er bis dato nur als abstrakte Vorstellung aus dem Studium kannte, sein Berufsleben widmen wollte – und er hat dieses Versprechen an sich selbst eingelöst.

Mit seiner Forschung zur Kommunistischen Partei Chinas, ihrer Elitenpolitik und zuletzt verstärkt auch zur nachhaltigen und grünen Wende der chinesischen Wirtschaft gilt Grünberg längst als einer der wichtigsten China-Erklärer in Deutschland. Leitmedien gibt er regelmäßig Interviews zu chinesischer Politik und zu den Veränderungen, denen das Land unterworfen ist.

Es sind theoretische Fragen, von denen Grünberg zu Beginn seines Studiums nie gedacht hätte, dass sie ihn eines Tages beschäftigen könnten. An der Freien Universität Berlin beginnt er 2003 ein Magister-Studium der Ethnologie und stößt dabei eher durch Zufall in einem Studienkatalog auf die Volksrepublik. Er wählt Chinastudien als seinen Schwerpunkt und beginnt, Mandarin zu lernen. „Das hat mir gelegen“, stellte er schnell fest. Er ging später nach Kopenhagen, studierte Chinastudien zunächst im Bachelor und dann im Master. Danach promovierte er.

Im Studienkatalog auf China gestoßen

Als es ihn 2004 dann zum ersten Mal in das Land zieht, war die Vorstellung eines Chinas als künftige Wirtschaftsmacht in Deutschland zwar schon existent. Aber eine konkrete Idee, wie das Land selbst, aber auch die Welt mit einer mächtigen Volksrepublik aussehen würde, kursierte noch nicht. Nur langsam stellte sich heraus, was es bedeutet, wenn ein Land dieser Größe wirtschaftlich erwacht. Welche Konsequenzen das beispielsweise für unseren Planeten hat.

Die Frage, die Grünberg aktuell umtreibt, beschäftigt sich genau mit diesen Dimensionen: Kann China die Energiewende nachhaltig und effizient gestalten? Die Antwort ist noch offen. China hat zwar den Vorteil, dass es Ressourcen sehr schnell in eine Richtung lenken kann, beobachtet Grünberg. Ob es aber auch den damit verbundenen Kulturwandel und damit die gesamte Umstellung hin zu Erneuerbaren Energien schafft, kann aktuell noch niemand vorhersagen.

Doch Grünbergs wahre Leidenschaft, sagt er, liegt bis heute nicht im Theoretischen, sondern in der „Erkundung des fernen Paradieses“. Wann immer es die Studienzeit zuließ, setzte er sich in den Flieger oder den Zug nach Fernost und reiste quer durchs Land. Als Reiseleiter führte er dänische Touristen durch China und sicherte sich so ein Visum und kostenlosen Transport. „Die meiste Zeit meiner Zwanziger habe ich in China verbracht, auch wenn ich dort nie vollständig hingezogen bin“, erinnert er sich. Südchina, besonders die Provinz Yunnan, gefiel ihm besonders gut.

„Wir verlieren das Verständnis füreinander“

Entsprechend schmerzt den 40-Jährigen inzwischen kaum mehr als die strengen Einreisebesdingungen ins Land. „Die menschliche Dimension fehlt völlig“, sagt er. „Hier geht gerade das Verständnis zwischen China und dem Rest der Welt verloren, das Persönliche und die Nuancen. Das ist hochgefährlich für das gegenseitige Miteinander“, ist er überzeugt. Zumal seine Erfahrungen von einst mit den aktuellen Entwicklungen nicht mehr Schritt halten und dringend aufgefrischt werden müssten. „Ich habe damals ein China kennengelernt, das es heute so nicht mehr gibt und das Studenten, die mal ein halbes Jahr an einer Eliteuniversität in Shanghai studiert haben, nie kennenlernen werden“, sagt Grünberg.

Denn so gut Open-Source-Daten für Analysen zu wirtschaftlicher Entwicklung heute sind, können sie dennoch die menschliche Komponente nicht ersetzen – den Austausch und die Frage: Was beschäftigt die Menschen wirklich? All das lässt sich seit Pandemiebeginn nicht mehr herausfinden. Ginge es nach Grünberg, würde er sich sofort in ein Flugzeug setzen und wieder einmal durchs ländliche China touren. Doch dafür muss das Land sich öffnen. Ob das noch einmal passiert? „Ich hoffe“, sagt Grünberg. Nils Wischmeyer

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