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Diana Mickevičienė – Litauens verbannte Botschafterin

Diana Mickevičienė
Litauens Botschafterin in China hat hautnah miterlebt, wie Chinas Machtapparat Zähne zeigt.

„Es kam beides zusammen: Ein ganz neues Leben für mein Land, und ein ganz neues Leben für mich“, sagt Diana Mickevičienė, wenn sie über Ihre Jugend spricht. Sie ist 18 Jahre alt, als Litauen 1990 die Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärt. Ein historischer Moment. Doch die Herrscher in Moskau versuchen am 13. Januar 1991, Litauens Freiheitsdrang mit Waffengewalt zu ersticken. Mickevičienė ist in dieser Nacht auf den Straßen von Vilnius unterwegs und muss mitansehen, wie russische Spezialeinheiten das Feuer auf ihre Kommilitonen eröffnen.

Aufhalten können die Soldaten Litauens Unabhängigkeit nicht, aber sie hinterlassen Narben, die auch Mickevičienė bis heute prägen. „Freiheit zu verlieren und sie wiederzugewinnen, ist Teil meiner Geschichte“, sagt die heute 48-Jährige. In der neugewonnenen Freiheit studiert Mickevičienė Philosophie, Geschichte und Internationale Beziehungen.

Und sie qualifiziert sich damit für den diplomatischen Dienst Litauens, der auf der Suche nach frischem Personal ist. Für Mickevičienė ist die Diplomatie ihr Tor zur Welt, nach einer Jugend hinter dem Eisernen Vorhang. Was sie begeistert: Als Diplomatin kann sie Litauens Geschichte erzählen. Die Geschichte der sowjetischen Unterdrückung, aber auch die Erfolgsgeschichte des jungen demokratischen Litauens.

Chinesische Einschüchterungsversuche

2020 wird sie als Botschafterin nach China berufen. Das Verhältnis zwischen Litauen und China hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon merklich abgekühlt. 2019 hatten chinesische Nationalisten friedliche Demonstranten in Vilnius attackiert, die sich mit den Protesten in Hongkong solidarisierten. Ein Schock-Moment für Litauen, das genau an diesem Tag die eigene Unabhängigkeit von der sowjetischen Repression feierte.

Nach weiteren Einschüchterungsversuchen tritt Litauen 2021 enttäuscht aus Chinas 17+1 Format aus. Damit wird auch das Leben für Mickevičienė schwieriger, denn die Botschafterin wird fortan von allen offiziellen Terminen ausgeladen. Kurz darauf eröffnet Taiwan eine Vertretung unter dem Namen „Taiwan-Büro“ in Vilnius. Peking ist erzürnt, weist Mickevičienė aus – und verhindert seither fast alle Exporte von Litauen nach China. In Peking wird es jetzt richtig ungemütlich. China stuft den Status der Botschaft in Peking herunter, kappt Litauen von der diplomatischen E-Post, simuliert einen Bombenalarm im Botschaftsgebäude und gibt dem Personal sieben Tage, um China zu verlassen.

„In sieben Tagen mussten wir unser ganzes Leben in China aufgeben, mit Familien, Bankkonten und Haustieren“, erinnert sich Mickevičienė. Am Ende begleiten westliche Diplomaten das litauische Personal bis zum Flughafen – aus Angst, dass die Kollegen aus Litauen mit den auslaufenden Akkreditierungen ins Visier der Grenzpolizei geraten. „Wir haben verstanden: Weil wir als kleines Land gegenüber China aufstehen, wollen sie an uns ein Exempel statuieren“, fasst Mickevičienė zusammen.

Für die Zukunft wappnen

Und sie verbindet ihre Analyse mit einer Botschaft. Die EU müsse sich besser aufstellen, damit kleinere Mitgliedsländer nicht unter die Räder von Chinas Wirtschaftsmacht geraten. Das Anti-Coercion-Instrument (ACI) der Europäischen Kommission sei ein Schritt in die richtige Richtung. „Wir brauchen Instrumente, die der anderen Seite zeigen: Der Binnenmarkt ist unsere Stärke, nicht unsere Schwäche.“

Außerdem hat sie eine klare Botschaft an Deutschland: Die Abhängigkeit vom chinesischen Markt nehme Deutschland den politischen Handlungsspielraum. „Die Situation mit russischem Gas sollte Deutschland die Augen geöffnet haben“, so Mickevičienė. Jonathan Kaspar Lehrer

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