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Andreas Walther – Künstler zwischen den Kulturen

Andreas Walther sucht den interkulturellen und spirituellen Austausch zwischen Deutschland und Taiwan.

„Das Spannende an der Gesellschaft Taiwans ist, dass viele vormoderne kulturelle Inhalte und Werte erhalten geblieben sind und bis heute gelebt werden“, sagt der freischaffende Künstler Andreas Walther begeistert. Während seines Studiums an der Hochschule für Künste in Bremen knüpfte er Kontakte zu Studierenden aus Taipeh, reiste Ende der 90er-Jahre zum ersten Mal selbst nach Taiwan. „In den darauffolgenden Jahren wuchs der Wunsch, die verschiedenen Lebensweisen meiner Heimat und Fernost möglichst sinnvoll aufeinander zu beziehen.“ Walther reiste immer wieder dorthin, seine künstlerischen Arbeiten sind ein Ausdruck des interkulturellen Dialogs. Seine stillen Naturfotografien erinnern mit ihren nebligen Leerstellen an chinesische Tuschemalereien.

Aber auch in den Bereichen Video, Grafik und Installation spürt Walther dem nach, was sich zwischen den Welten nicht in konkrete Worte fassen lässt, das die Kunst aber einfangen kann. „Manchmal reicht schon eine Reise ins europäische Ausland, um zu erfahren, wie sehr sich die persönliche Konstitution verändert, wenn man sich außerhalb des Vertrauten bewegt.“ Diese Erfahrung der Unverbundenheit, in der sich ein Mensch im Fremden neu vernetzen kann, hält Walther für elementar. „Man kann sich vorstellen, wie tiefgreifend dieses Erleben ist, sobald man sich in einer Kultur befindet, die grundlegend mit dem Vertrauten bricht.“

Bis heute ist er ein engagierter Förderer des interkulturellen Austauschs zwischen Taiwan und Deutschland, entwickelte entsprechende kuratorische Projekte und lädt jedes Jahr taiwanische Künstlerinnen und Künstler ein, ihre Arbeiten in seiner Heimatstadt Gießen vorzustellen. Auch umgekehrt zeigt er deutsche Künstler in Taiwan. „Jede Kultur hält ihre ganz eigenen Erkenntnisse und Werte bereit, von denen in anderen Kulturen bisweilen nicht einmal eine Ahnung existiert“, sagt Walther.

In die Natur vertrauen – auch in die eigene

„Was ich persönlich in Taiwan gefunden habe, ist der Naturbegriff des Daoismus.“ Der Mensch als körperliches Wesen gilt im Daoismus als Teil der Natur, die zentrale daoistische Idee geht von einem natürlichen Weg der Dinge und Wesen aus, einem Von-sich-aus-so-sein. „Für mich bedeutet das, in die Natur zu vertrauen, auch in die eigene“, sagt Walther. „An dieser Erkenntnis kann sich das Ich beruhigen, das in unserer leistungsorientierten Welt permanent aufs Neue aufgerieben wird.“ Seine Werke und kuratorischen Projekte versuchen, den daoistischen Naturbegriff nach Europa zu vermitteln und die Vorrangstellung von Geist über Körper zu hinterfragen, die sich in der Moderne etabliert hat.

Polare Konstellationen wie zwischen Körper und Geist oder dem Benannten und Unbenannten sind wiederkehrende Themen in Walthers Arbeit. Auch seine konkrete Lebenswirklichkeit erzählt von diesen Gegensätzen. Er lebt zwischen Deutschland und Taiwan, ist jeweils drei bis sechs Monate im einen Land, bevor er zurück ins andere reist.

„Die größte Bereicherung ergibt sich für mich aus dem fortwährenden Wechsel zwischen den Kulturen“, sagt Walther. Dabei ist die Dauer seiner Aufenthalte bewusst gewählt: Nie taucht er so tief in die Kultur ein, dass ihre Besonderheiten für ihn alltäglich, fast unmerklich werden. „Aus der Erfahrung des steten Wechsels meiner Lebenswirklichkeiten lässt sich vieles über das ‚als Mensch in der Welt sein‘ erfahren.“ Svenja Napp

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