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Wettbewerb um die Arktis – Chinas eiskalte Pläne

Für einen kurzen Moment lässt Sergej Lavrov die diplomatische Maske fallen. „Jedem ist seit Langem vollkommen klar, dass dies unser Territorium ist“, sagte Russlands Außenminister vergangene Woche im Hinblick auf die Arktis. „Das ist unser Land.“ Als Russland wenige Tage später den Vorsitz des Arktischen Rates übernahm, sollte also nicht nur den acht Ratsmitgliedern (Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen, Island, Kanada, Russland und den USA) klar sein: Moskau erhebt Anspruch auf die gesamten 1,2 Millionen Quadratkilometer jener eisigen Region.

Und so zeigte sich Norwegens Außenministerin Ine Marie Eriksen Søreide schon im Dezember tief besorgt: „Wir beobachten in der Region ein selbstbewusstes Russland.“ Aber auch neue Akteure würden plötzlich in die „strategisch wichtigste Region“ hineindrängen. Damit meint Søreide vor allem China.

Rohstoffe und kurze Seewege

Im Januar 2018 veröffentlichte Peking erstmals eine eigene Arktis-Strategie. In einem Weißbuch wird als Ziel formuliert, die Region „zu verstehen, zu beschützen, zu entwickeln und an der Verwaltung teilzuhaben, damit die gemeinsamen Interessen aller Staaten und der internationalen Gemeinschaft gesichert werden können.“ Doch hinter den diplomatischen Floskeln stecken Pekings eigene Interessen: Ressourcen und Rohstoffe ausbeuten, kurze Seewege nutzen und vor allem Mitentscheiden über die Zukunft der Region. „China ist schon lange in der Arktis engagiert, aber erst mit diesem Weißbuch hat Peking klar dargelegt, wie umfassend Chinas Interesse in Wirklichkeit ist“, sagt Marc Lanteigne von der Arctic University im norwegischen Tromsø im Gespräch mit China Table.

Tatsächlich gehört der Nordpol niemandem. Im UN-Seerechtsübereinkommen ist festgelegt, dass die fünf Staaten mit Land innerhalb des Polarkreises – Russland, die USA, Kanada, Dänemark und Norwegen – lediglich eine an ihrem jeweiligen Festland beginnende, 320 Kilometer breite Wirtschaftszone beanspruchen dürfen. Russland jedoch sieht das gesamte Polargebiet als eine einzige Fortsetzung seines Landgebiets unter Wasser. Lange Zeit interessierte diese Diskussion vor allem akademische Zirkel, Geologen und Kartografen. Denn die Arktis war von meterdickem Eis bedeckt, selbst an Land machten die extremen Bedingungen das Leben fast unmöglich.

Die Arktis im Fokus der Geopolitik

Doch nun schmilzt das Eis. Die Nordostpassage ist im Sommer inzwischen befahrbar; die Nordwestpassage könnte bald folgen. Beide würden die Seewege zwischen Asien, Amerika und Europa enorm verkürzen. Zudem werden durch den Klimawandel bislang unzugängliche Rohstoffe, Seltenen Erden und Edelmetalle plötzlich greifbar. Schätzungen zufolge schlummern in der Arktis rund 13 Prozent der weltweiten Öl- und 30 Prozent der Gasvorkommen. Diamanten, Kupfer, Platin und Zink werden dort ebenso vermutet wie auch Seltene Erden, die für die Produktion von Smartphones und Autobatterien unerlässlich sind. Auch Sand und Kies, den die Bauindustrie derzeit so dringend benötigt, wären zu holen.

All das hat man auch in Peking registriert. Hier sieht man die sich öffnenden Seewege durch die Arktis als integralen Bestandteil der „Neuen Seidenstraßen“. Das Prestigeprojekt von Staatspräsident Xi Jinping – bestehend aus Land- und Maritimer Seidenstraße – soll mit einer Polaren Seidenstraße komplettiert werden. „Infolge der Klimaerwärmung werden die arktischen Schifffahrtsrouten voraussichtlich zu wichtigen Transportrouten für den internationalen Handel werden“, heißt es in Chinas Weißbuch zur Arktis.

Im Vergleich zu den Wegen über den Suez- und den Panamakanal würde die Nordostpassage die Transportzeit von Asien nach Europa um bis zu 40 Prozent auf 15 Tage verkürzen. Chinesische Investoren sind deshalb angehalten, sich an Projekten und Unternehmen in der Region zu beteiligen. Die chinesische Reederei Cosco schickt schon jetzt Schiffe auf die arktische Reiseroute. Mit der „Xuelong“-Flotte (Schneedrache) will Peking nicht nur das arktische Eis, sondern auch das russische Monopol in dieser entscheidenden Schiffsklasse brechen – und so der Volksrepublik den Weg durch die Arktis ebnen. Der damalige US-Außenminister Mike Pompeo bezifferte die Größenordnung von Chinas Aktivitäten in der Arktis: Zwischen 2012 und 2017 habe die Volksrepublik fast 90 Milliarden US-Dollar in die Region investiert, sagte Pompeo vor dem Arktischen Rat.

„Fast-Arktisstaat“

Doch China hat ein Problem: Die Volksrepublik ist kein Arktis-Staat, weshalb sie keine territorialen Ansprüche erheben kann. „Um seine Pläne zu rechtfertigen, versucht China, eine arktische Identität zu schaffen“, erklärt Arktis-Experte Lanteigne. Hierfür hat sich Peking einen besonderen Schachzug ausgedacht – und sich schlicht als „Fast-Arktisstaat“ definiert. So versucht Peking, eine konzeptionelle Verbindung in die Region herzustellen: Man sei von den klimatischen Veränderungen in der Arktis direkt betroffen – etwa durch heftigen Niederschlag in Peking, eisige Winter in Shanghai oder eine zunehmende Verschmutzung an der chinesischen Ostküste. All das rechtfertige, dass man mehr Einfluss auf die Region nehme.

Angesichts solch weitreichender Pläne reagieren die tatsächlichen Arktis-Staaten misstrauisch: In Grönland hat die Partei „Inuit Ataqatigiit“ die Parlamentswahl im April gewonnen, nachdem sie sich im Wahlkampf gegen den Abbau Seltener Erden durch chinesische Firmen stark gemacht hatte. Finnlands Regierung hat chinesische Pläne für die Mitfinanzierung einer Eisenbahn gestoppt.

Ärger mit den Arktis-Anrainern

Schwedens Beziehungen zu China sind ohnehin angespannt, seit Gui Minhai, ein Hongkonger Buchhändler mit schwedischem Pass in China wegen „illegaler Bereitstellung von Informationen im Ausland“ im Gefängnis sitzt. Stockholm wiederum verärgerte Peking, als man den chinesischen Telekommunikationsanbieter Huawei vom Aufbau des landesweiten 5G-Netzes ausschloss. Norwegen bekam den Zorn Pekings zu spüren, als Liu Xiaobo 2010 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Prompt brach der Verkauf von Norwegens wichtigstem Exportartikel Lachs in China ein – offiziell wegen verschärfter Veterinärkontrollen.

Das Verhältnis zwischen Kanada und China ist ebenfalls mehr als schwierig: Meng Wanzhou, Tochter des Huawei-Gründers, steht auf Betreiben der US-Behörden seit Ende 2018 in Vancouver unter Hausarrest. Ihr wird Bankbetrug im Zusammenhang mit der Umgehung von Sanktionen gegen Iran vorgeworfen. Als ungleich härtere Vergeltung sperrte Peking die beiden Kanadier Michael Kovrig und Michael Spavor in China ins Gefängnis. Und im Konflikt zwischen China und den USA bedeuten Pekings Ambitionen in der Arktis ein weiteres Spannungsfeld.

„Das schränkt Chinas Möglichkeiten enorm ein“, sagt Arktis-Experte Lanteigne. Aber die Front ist nicht so geschlossen wie sie erscheint. Pekings Trumpf ist seine wirtschaftliche Stärke. „Bei uns in Norwegen drängen die Regionen an der Arktis die Regierung in Oslo zu einer Zusammenarbeit mit Peking.“ Auch in den anderen Staaten lassen sich ähnliche Entwicklungen feststellen.

Der Schlüssel liegt in Moskau

Doch Peking hat noch einen anderen potenziellen Verbündeten: Russland (China.Table berichtete zur möglichen Kooperation Russlands mit China gegen den Westen). Ausgerechnet das Land, das gerade den Vorsitz des Arktischen Rates übernommen hat und das selbst die gesamte Arktis für sich beansprucht. Neben einer beeindruckenden Eisbrecherflotte baut man seit Jahren seine militärische Präsenz in der Region aus: Stützpunkte werden verstärkt, neue Waffen wie Unterwasserdrohnen mit Nuklearantrieb getestet, jährlich eine militärische Großübung im eisigen Norden abgehalten. Hinzu kommt die Ausbeutung der Rohstoffe. Allein die Produktion von Flüssigerdgas will man bis 2035 verzehnfachen.

Doch die Exploration ist teuer. Hinzukommen die westlichen Sanktionen wegen der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim. Sie unter­binden, dass russi­sche Energieunternehmen neue Anleihen erhalten oder energiebezogene Ausrüstung und Technologie an Russland geliefert wird. Und so bleibt Russland als Partner einzig China. Es ist eine schwierige Beziehung. Doch Peking scheint es zu gelingen, eine Balance zwischen Vorpreschen und diplomatischer Rücksicht zu erzielen.

Klar ist: Um die neue Schlüsselregion für die Weltwirtschaft ist ein intensiver Wettbewerb entbrannt. Jahrzehntelange haben die acht Arktis-Anrainer ihre Interessen informell austariert. Meist reagierte man auf aktuelle Anlässe. Doch nun betritt mit China eine neue Großmacht die arktische Bühne. Lanteigne warnt: „Die Institutionen, die seit Jahrzehnten die Entpolitisierung und Stabilisierung der Arktis garantiert haben, sind womöglich nicht widerstandsfähig genug, um diesen neuen Anforderungen standzuhalten.“ Denn China hat einen strategischen Plan. Peking weiß, was man will und wie man es erreichen kann.

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