Themenschwerpunkte


Spione, Chips und Taikonauten

Ob Machine Learning, Sprach- und Gesichtserkennung oder Cloud-Computing: China will bei den Schlüsseltechnologien des Jahrhunderts den Ton angeben. Jonathan E. Hillman, leitender Berater des Büros für politische Planung beim US-Außenminister, exerziert in seinem nun auch auf deutsch erschienenen Bestseller die Strategien Pekings auf dem Weg zur globalen Technologiemacht durch.

Einen Fokus legt Hillman dabei zum Beispiel auf das chinesische Beidou-Navigationssystem, das im Asien-Pazifik-Raum schon jetzt genauer ist als der amerikanische GPS-Standard. Dass diese und andere Technologien auch für militärische Zwecke genutzt werden, ist kein Geheimnis. Doch auch ohne kriegerische Interventionen kann China durch digitalen Infrastrukturausbau bereits jetzt jenseits seiner Grenzen Macht ausüben, vor allem in Schwellenländern, wo Bezahlbarkeit noch immer Vorrang vor Sicherheitsbedenken hat.

Hillmans Buch analysiert den sogenannten technologischen Kalten Krieg vor allem aus US-amerikanischer Perspektive. Von zu viel defensiven Maßnahmen, wie Exportkontrollen oder Lizenzentziehungen, hält er nichts. Auch Alleingänge ohne Europa seien nicht zielführend, schreibt Hillman. Sein Rat an die großen Demokratien dieser Welt: Schließt euch zusammen, investiert in übersehene Märkte, überlasst die Entwicklungsländer nicht den Chinesen. Im globalen Wettbewerb dürfen preiswerte Alternativen nicht allein von Huawei & Co kommen. fpe

Jonathan Hillman: Chinas digitale Seidenstraße – Der globale Kampf um die Herrschaft über die Daten, Plassen Verlag, 420 Seiten, 24,90 Euro, auch als E-Book erhältlich.

Halbleiter sind ein Instrument der Geopolitik: Es ist kein Zufall, dass die Biden-Regierung eine Reihe von Restriktionen gegen die Lieferung von Hochleistungs-Chips nach China verhängt hat. Und die EU will mit ihrem Chips-Act die Abhängigkeit von der Volksrepublik und vor allem Taiwan reduzieren. Wie aber kam es dazu? Was machte den Siegeszug des Mikrochips überhaupt möglich? Chris Miller liefert in seinem neuen Buch „Chip War – The Fight for the World’s Most Critical Technology“ die Antworten.

Der Wirtschaftshistoriker zeichnet in seinem Werk die gut 70-jährige Geschichte seit der Erfindung des Transistors und des integrierten Schaltkreises nach. Miller zeigt den Werdegang von Morris Chang und die Entstehungsgeschichte von Chip-Gigant TSMC auf und widmet sich im letzten Teil des Buches dem Versuch Chinas, in die höchste Liga der Chiptechnologie vorzustoßen. „Chip War“ ist flüssig geschrieben und leicht zu lesen. Miller ist Historiker und nicht Ingenieur, weshalb er mit technischen Details zurückhaltend umgeht. Die Erzählung des Buches ist weitgehend chronologisch und bietet einen lehrreichen Überblick über die Industrie. ari

Chris Miller: Chip War – The Fight for the World’s Most Critical Technology, Scribner, 464 Seiten, 29,99 Euro (gebunden), auch als Taschenbuch und E-Book erhältlich.

Die New York Times nennt den zweiten Roman des in Berlin lebenden taiwanischen Schriftstellers Kevin Chen „chaotisch wie das Leben selbst“. Und nicht nur die Lebenden, auch die Toten mischen mit, wenn Chen die Lebensgeschichten seines Protagonisten Keith mit denen seiner sechs Schwestern und seiner verstorbenen Eltern in 44. kurzen Kapitel überblendet. „Ghost Town“ taucht dabei tief in den Geisterglauben des taiwanischen Hinterlands ein, zeigt aber auch die weltlichen Härten kurz vor dem Ende der Militärdiktatur in den späten Achtzigerjahren.

Als homosexueller Mann stigmatisiert, flieht die Hauptfigur Keith nach Berlin, wo Nazis seinen Weg kreuzen und die Geister der Vergangenheit ihn nicht loslassen. Für sein Buch recherchierte Chen sogar in Berliner Gefängnissen. Ansonsten steht das Buch aber eher dem fantastischen Realismus eines Gabriel García Márquez nahe als der lakonischen Härte zeitgenössischer Schriftsteller:innen wie Hanya Yanagihara. fpe

Kevin Chen: Ghost Town, Europa Editions, 327 Seiten, 31 Euro (gebunden), auch als Taschenbuch erhältlich.

„Reise zum Meer der Sterne“ erzählt in Form einer Graphic Novel die Geschichte von Li Jing, einer chinesischen Taikonautin, die schon als Kind davon träumte, eines Tages zum „Silbernen Fluss“ aufzubrechen – so nannten die alten Chinesen die Milchstraße. Li wird zunächst Militärpilotin in der Volksbefreiungsarmee. Nach einem zermürbenden Trainingsprogramm, in dem sie durch Zentrifugen geschleudert wird und wochenlang unter Wasser Aufgaben lösen muss, darf sie schließlich zu ihrer ersten Weltraummission aufbrechen, als erste Chinesin im All.

Das Buch des in Friedberg lebenden Ingenieurs und Comiczeichners Markus Bindhammer basiert lose auf den Erfahrungen der ersten beiden chinesischen Taikonautinnen Wang Yaping und Liu Yang. Die schwarz-weißen Zeichnungen wirken wie Holzschnitte. Bindhammer, der zehn Jahre in China lebte, hat sich gleichermaßen von Comic-Größen wie Alan Moore, aber auch vom sozialistischen Realismus und chinesischen Scherenschnitten inspirieren lassen. Manche Seiten vereinen die Stile so vollendet, dass man sie rahmen möchte. Selbst die Baupläne der Raumkapseln werden zu symmetrischen Kunstwerken.

Inhaltlich macht „Reise zum Meer der Sterne“ das ambitionierte Weltraumprogramm der Volksrepublik mit Szenen aus dem übermenschlich disziplinierten Taikonauten-Alltag greifbar. Dazwischen sind klassische Gedichte und Exkurse in alte chinesische Sternenmythen gestreut. fpe

Markus Bindhammer: Reise zum Meer der Sterne, Drachenhaus Verlag, 100 Seiten, 19 Euro.

Chinas Einfluss auf westlichen Gesellschaften beschäftigt derzeit Politik und Wissenschaft. Dabei bleibt der Bereich konkreter Geheimdienstoperationen zur Beeinflussung des Chinabilds oft unbeachtet. Diese Lücke füllt das neue Buch „Spies and Lies“ des australischen Analysten Alex Joske. Er zeichnet nach, mit welchen Mitteln das Ministerium für Staatssicherheit (Guoanbu, 国家安全部) sich immer wieder Zugang zu Persönlichkeiten in westlichen Ländern verschafft. Diese verbreiteten dann das Narrativ von der „friedlichen Entwicklung“. In Joskes Darstellung handelt es sich dabei um einen Teil des großen Plans für den Aufstieg an die Weltspitze: Der Westen soll sich in Sicherheit wähnen, bis China seine Karten ausspielt. Um das zu belegen, trägt der Autor einen enormen Fundus an Quellen zusammen.

Deutschland wird in dem Buch des Australiers kaum erwähnt. Wer es liest, sieht jedoch auch die Einstellung deutscher Eliten zu China in einem anderen Licht. Schließlich haben auch Sie an den Wandel durch Handel geglaubt. Das entspricht genau dem Bild von China, das die Spione verbreiten wollten. Es bleibt jedoch die Frage, wie viel von dieser Denkweise auf gezielte Desinformationen chinesischer Akteure zurückgeht und wie viel davon einfach Wunschdenken der Europäer war. Auf jeden Fall aber liest sich „Spies and Lies“ enorm spannend, zumal es eine ganze Reihe authentischer Spionagegefälle erzählt. fin

Alex Joske: Spies and Lies, Hardie Grant Books, 268 Seiten, 24,04 Euro, auch als E-Book erhältlich.

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