Themenschwerpunkte


„Mit moralisierenden Belehrungen kommt kein Dialog zustande“

Botschafter Michael Schaefer deutsch-chinesischer Austausch

Herr Botschafter, das Programm „Zukunftsbrücke“ hat in den vergangenen zehn Jahren mehr als 240 junge Menschen mit Berufserfahrung aus China und Deutschland zusammengebracht. Können Sie noch einmal erzählen, wie es zu diesem Erfolg kam?

Die Idee zu diesem Projekt hatte ich schon 2008, ein Jahr nach meiner Ankunft als Botschafter in China. Schon damals fehlten informelle Kanäle, um strittige Themen zwischen Deutschland und China vertrauensvoll zu besprechen. Wir wollten daher einen Prozess aufbauen, der neue Wege nachhaltiger Verständigung eröffnet. Vorbild war die Atlantik-Brücke. Es sollte ein über einen längeren Zeitraum gehendes Programm sein, in dem künftige Führungspersönlichkeiten aus beiden Ländern zusammenkommen. Jedes Jahr 15 junge Führungskräfte aus jedem Land, nicht nur „Fachidioten“, sondern spannende Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft. Wir wollten dadurch möglichst viele verschiedene Perspektiven in den Austausch über gemeinsam interessierende Themen einbringen.

Das klingt ambitioniert.

Durchaus, aber es ist erstaunlich schnell zur Realisierung gekommen. Im Rahmen seines Chinabesuchs Ende 2008 nahm der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Idee sehr positiv auf. Gemeinsam konnten wir bei dieser Gelegenheit gleich auch Bernhard Lorentz, damals Chef der Stiftung Mercator, für die Durchführung des Projekts gewinnen. In der Erklärung der beiden Regierungschefs beim Besuch von Bundeskanzlerin Merkel in China 2010 wurde die Zukunftsbrücke dann erstmals von beiden Regierungen begrüßt – neben der mutigen Ausstellung der drei staatlichen Museen Berlin, Dresden und München zur Kunst der Aufklärung. Bei den ersten deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen 2011 in Berlin wurde die deutsch-chinesische Zukunftsbrücke dann offiziell aus der Taufe gehoben.

Die Unterstützung von ganz oben hat dann gewirkt?

Ja, das war sehr wichtig. Beide Regierungen haben damit die Schirmherrschaft übernommen. Schon 2012 hat das erste Camp der Zukunftsbrücke in Hangzhou stattgefunden, danach jährlich, rotierend einmal in China, einmal in Deutschland. Neben Peking und Berlin ging es auch immer an einen zweiten Ort in der Provinz im jeweiligen Land. Inhaltlich lag von Anfang an ein Schwerpunkt auf Nachhaltigkeitsthemen – mit unterschiedlichen Facetten. Neben Energie und Klima standen beispielsweise die soziale Dimension oder die Neuordnung internationaler Partnerschaften zur Diskussion. Selbst kontroverse Themen wie das jeweilige Menschenrechtsverständnis wurden intensiv und spannend diskutiert.

Inwiefern?

Beide Seiten entdeckten immer wieder falsche Vorstellungen von der eigenen Gesellschaft beim jeweils anderen. Umso wichtiger war es, aktiv zuzuhören und sich auf die jeweils andere Perspektive einzulassen. Im Mittelpunkt stand immer das persönliche Verstehen, das sogenannte Bonding. Regelmäßige Alumni-Treffen wie jetzt am Wochenende dienen dazu, diese Bande zu vertiefen. Es soll eben kein einmaliger thematischer Austausch sein, sondern die Schaffung eines nachhaltigen Netzwerks.

Das ist ein schönes Ziel – aber der Austausch mit China ist auch immer schwieriger geworden. Wie geht es dem Programm heute?

Wir haben bis 2019 jedes Jahr ein Camp veranstaltet, 2020 und 2021 ging das wegen Corona nicht mehr. In diesem Jahr ist der ursprünglich von beiden Regierungen avisierte Zehnjahreszeitraum abgelaufen. Ob der Prozess in eine zweite Phase gehen wird, ist derzeit noch offen, aber angesichts der vorherrschenden Spannungen zwischen beiden Seiten eher unwahrscheinlich…

…also aufgrund der Anfeindungen und Sanktionsrunden.

Wann sich die Lage wieder entspannt, muss man weitersehen. Ich bin überzeugt, dass beide Seiten den Wert eines solchen Austauschprozesses verstehen. Wir in Europa müssen besser verstehen, was China antreibt – umgekehrt müssen wir erklären, wie unsere Gesellschaften ticken und was unsere Visionen sind.

Auch in China gibt es Vorurteile?

Natürlich. Zum Beispiel wird überhaupt nicht verstanden, woher unser Interesse an den individuellen Menschenrechten kommt. Die Diskussion wird in China oft als Vorwand gesehen, das chinesische Gesellschaftsmodell an den Pranger zu stellen. Das ändert sich, wenn man den Chinesen erklärt, dass gerade die massiven Menschenrechtsverletzungen in und durch Deutschland im 20. Jahrhundert bei uns ein besonderes Bewusstsein für die Wichtigkeit individueller Rechte geschaffen haben. Wenn ich persönlich erzähle, wie mich meine Herkunft aus Deutschland geprägt hat, dann steigt die Bereitschaft, mir zuzuhören.

Dennoch wollen viele Deutsche ihre chinesischen Gesprächspartner vor allem belehren. Das ist vermutlich wenig hilfreich?

Das gilt auch für andere Länder des Westens. Wir machen uns vorschnell unser Bild von der anderen Seite. Den Vertretern des Westens mangelt es oft am Willen, gemeinsame Chancen und Interessen zu sehen. Die belehrende Sprache findet sich aber zunehmend auch auf chinesischer Seite.

Derzeit sind die Beziehungen ziemlich angeschlagen, die EU und China belegen sich mit Sanktionen, der Austausch ist auf einem Tiefpunkt. Wie brechen wir das jetzt wieder auf?

Wir müssen die Kanäle nutzen, die es noch gibt. Ein Beispiel sind Kooperationen der Umweltministerien. Klima und Biosphäre sind ein „global common good“, globales Gemeinschaftseigentum. Hier bestehen konkrete gemeinsame Interessen der Europäer und der Chinesen, aber auch der Amerikaner.

Institutionen mit Chinabezug klagen jedoch derzeit darüber, dass gar keine Veranstaltungen mehr stattfinden, auf denen sie Gesprächsbereitschaft signalisieren können.

Das stimmt, insbesondere der Spielraum für Zivilgesellschaft wird in China immer enger. Wir sollten von deutscher Seite immer wieder Dialogangebote machen. In der Vorbereitung können wir unseren chinesischen Gesprächspartnern ohne jede Form von Paternalismus sagen: Wir sind an wirklichem Austausch interessiert. Eine moralisierende Haltung schadet hier nur. Stattdessen sollten wir versuchen, zu verstehen, wo Chinas Interessen liegen und unsere eigenen Interessen erklären. Wir müssen mit kritisch-konstruktivem Blick an das Land herangehen, keinesfalls naiv-blauäugig, aber doch in dem Wissen, dass wir gerade mit einer so gewichtigen Gesellschaft auch künftig einen Austausch haben müssen, und überlegen müssen: Wie kriegt man das hin?

Und? Wie kriegt man das hin?

Uns muss immer bewusst sein, wie wichtig ehrlicher Dialog und gegenseitiges Vertrauen sind – gerade angesichts so großer Unterschiede. China ist Partner, Wettbewerber und strategischer Rivale in einem, wie die EU festgestellt hat. Wir müssen uns von dem Wunschdenken verabschieden, dass China unsere Interessen und Werte teilt. Ganz direkt: China war nie eine Demokratie, war nie ein Rechtsstaat, und die Wahrscheinlichkeit, dass es sich dahin entwickelt, ist gering. Wir waren schon immer systemische Rivalen; was sich geändert hat ist, dass China Großmacht geworden ist.

Also sollen wir alles abnicken, was China macht?

Natürlich nicht. Aber wir brauchen China und China braucht uns bei der Bewältigung zentraler Herausforderungen. Kooperation bleibt unerlässlich. Aber China darf sich natürlich nicht außerhalb des Völkerrechts stellen. Das Folterverbot oder der Schutz von Menschenrechtsanwälten gilt für China genauso wie in europäischen Ländern. China muss sich auch in Hongkong an das Völkerrecht halten, also an den Übergabevertrag mit Großbritannien. An solchen Stellen muss Europa nicht nur bereit sein, eine klare rote Linie zu ziehen, sondern auch klar kommunizieren, was passiert, wenn China diese rote Linie überschreitet.

Wo verläuft die nächste rote Linie?

Eine gewaltsame Vereinigung Taiwans mit China markiert eine rote Linie. Europa sollte in diesem Falle bereit sein, Taiwan zu unterstützen. Und es sollte klarmachen, welche Handlungsmittel es einzusetzen bereit ist, um seine Ankündigungen umzusetzen. Europa muss auch hier glaubwürdig sein. Wir sollten mit Augenmaß, aber auch mit Selbstbewusstsein an die Rivalität mit China herangehen.

Umso wichtiger ist der zivilgesellschaftliche Austausch, bevor es überhaupt zu solchen Krisenszenarien kommt. Auf welcher Seite sehen Sie mehr guten Willen zum Dialog?

Auf Regierungsebene ist der gute Wille derzeit auf beiden Seiten nur sehr eingeschränkt vorhanden. Zivilgesellschaftlich ist er sehr viel größer. Die deutschen Stiftungen beispielsweise sind bereit, ihren Beitrag zu leisten und einen Austausch mitzutragen, in welcher Form auch immer. In China ist das schwieriger, weil die Zivilgesellschaft immer mehr in ihrer freien Entwicklung beschränkt ist. Das ist sehr bedauerlich, und ich glaube, dass sich die chinesische Regierung hiermit keinen Gefallen tut.

Gibt es in China überhaupt noch geeignete Ansprechpartner?

In China gibt immer noch zahlreiche Organisationen und Institutionen, die gesprächsbereit sind. Beispielsweise Thinktanks wie das Center for China and Globalization, oder die Universitäten. Wir sollten immer wieder versuchen, Dialogformate zu eröffnen, die von beiden Seiten getragen werden.

Sie meinen große Fachkonferenzen?

Nein, ich bin vielmehr für kleine Dialogformate. Große Konferenzen sind zu öffentlich, um frei reden zu können. Die Veranstaltungen sollten themenbezogen sein, aber einen vertraulichen Austausch zulassen. Mit der BMW Foundation haben wir in den letzten Jahren das Format „Global Table“ entwickelt, in dem wir circa 30 kluge Köpfe aus unterschiedlichen Regionen der Welt zusammenbringen. Sowas kann man natürlich auch innerhalb einer Region oder bilateral machen.

Die Themensetzung spielt vermutlich ebenfalls eine Rolle?

Es geht darum, sich auf gemeinsame Interessen zu konzentrieren. Umwelt und Klima sind solche Themen. Jeder Einzelne sollte die Bereitschaft mitbringen, an notwendigen Veränderungsprozessen mitzuarbeiten. In jedem Falle ist es essenziell, dass ein respektvoller Dialog auf Augenhöhe stattfindet.

Michael Schaefer (72) ist als ehemaliger Diplomat und Stiftungs-Chef ein Vollprofi in der Sphäre des deutsch-chinesischen Austauschs. Von 2007 bis 2013 war er Botschafter in Peking, danach für acht Jahre Vorstandsvorsitzender der BMW Foundation. Er ist weiterhin Mitglied der Trilateralen Kommission, einer Denkfabrik für den Austausch zwischen Amerika, Europa und Asien.

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