Themenschwerpunkte


„Datenzentren müssen stromsparender werden“

Huawei-Vorstandschef Liang Hua hält eine Rede.
Liang Hua, Vorstandsvorsitzender von Huawei

Huawei im geopolitischen Machtkampf zwischen USA und China

Frank Sieren: Herr Liang, führt der geopolitische Machtkampf zwischen den USA und China dazu, dass sich nun zwei technologische Standards herausbilden werden? Die Europäer betrachten das mit großer Sorge. Kaum ein anderes Unternehmen leidet darunter mehr als Huawei.

Liang Hua: Ich denke, die Standards werden sich global weiter vereinheitlichen. Die globale Vernetzung bringt die Menschheit voran. Das geht nur mit offener Zusammenarbeit und gemeinsamen Standards. Der große Trend jenseits der Politik, jenseits der gegenwärtig gegenläufigen Strömungen, geht eindeutig in diese Richtung.

Auch bei Huaweis 5G-Technologie? Huawei kann seine Weltmarktführerschaft zwar ausbauen. Über die Nutzung des 5G-Equipments von Huawei ist die Welt sowohl aus Datensicherheits-, als auch aus geopolitischen Gründen ja gespalten.

Die Entwicklungsgeschichte spricht dafür: Bei 2G gab es noch viele verschiedene technische Standards. Später wurde GSM immerhin ein einheitlicher Standard in Europa. Bei 3G gab es zunächst drei Varianten: CDMA2000, WCDMA und Chinas TD-SCDMA. Am Ende hat sich WCDMA durchgesetzt. Bei 4G gab es noch zwei Standards, LTE und WiMAX; letzteres stammt aus den USA. LTE wurde schließlich bestimmend. Bei 5G gibt es global nur noch einen Standard. Ich sehe nicht, dass sich das nun wieder ändern wird. Vor allem, weil die Menschheit globale Interkonnektivität benötigt, und weil Technologie auf einheitlichen Plattformen am besten funktioniert. Verschiedene Standards in verschiedenen Ländern erhöhen die Kosten signifikant, zum Beispiel bei der Chipproduktion und beim Aufbau von Netzwerken. Nur offene Zusammenarbeit und gemeinsamer Erfolg bringen uns alle technologisch voran.

Ist das nicht blauäugig? Am Ende läuft es doch geopolitisch so: Je erfolgreicher Huawei oder China sind, desto unerbittlicher werden die Versuche der USA, die chinesischen Wettbewerber aus dem Weltmarkt zu drängen.

Technische Standards und Marktpräsenz sind zwei Paar Schuhe. Der Versuch der USA, Huawei auszuschließen, hat mit Technologie nichts zu tun. Aber wir sind überzeugt, dass die Marktkräfte auf Dauer stärker sind als die politischen. Deswegen fokussieren wir weiterhin einfach darauf, die besten Produkte für unsere Kunden herzustellen.

Das HarmonyOS Betriebssystem

Ihrem Betriebssystem HarmonyOS, das Sie wegen der US-Sanktionen viel früher auf den Markt bringen mussten als Sie wollten, fehlt die App-Vielfalt von Android und IOS noch. Ihr Smartphone-Verkauf ist dramatisch eingebrochen.

Immerhin haben bereits 25 Millionen Menschen ihre Smartphones zu HarmonyOS 2.0 upgegradet.

Android hat 2,5 Milliarden Nutzer.

Ja, aber wir haben gerade erst angefangen. Die Vorteile unseres Betriebssystems werden sich schnell durchsetzen. Denn sie machen das Leben der Kunden einfacher. HarmonyOS ist ein System für alle IoT-Geräte, also für das Internet of Things. Das haben die Wettbewerber nicht. Zumal sich die einzelnen Geräte zu einem Supergerät addieren lassen.

Und die Apps?

Immer mehr App-Partner arbeiten mit dem Ökosystem. Derzeit sind es bereits mehr als 200 App-Provider, und mehr als 2,3 Millionen Entwickler testen und entwickeln ihre Apps für unsere Huawei Mobile Services, kurz HMS. Wir werden mit immer mehr Apps, immer mehr HMS-basierten Smartphones eine immer bessere Experience für unsere Nutzer anbieten können. Wir sind bereits das global drittgrößte Ökosystem und arbeiten eng mit Entwicklern und IoT-Geräteherstellern weltweit und stellen eine dritte Alternative für sie dar.

Die deutschen Kunden fragen sich: Wann wird das Harmony-Betriebssystem in Deutschland auf Augenhöhe mit den gängigen Systemen sein?

In China können Huawei-Smartphones jetzt bereits auf Harmony 2.0 upgegradet werden. Die Anzahl der Apps in unserer App-Galerie hat sich von 2019 bis 2020 bereits verzehnfacht. Trotzdem haben wir noch nicht alle Apps, die unsere Nutzer wollen. Wir müssen das Nutzererlebnis weiter verbessern.

Huaweis Beitrag zum autonomen Fahren

In einem anderen Bereich ist Huawei als neuer Spieler in den Markt gekommen: Autonomes Fahren. Sie sind spät dran. Was können Sie besser als Ihre Wettbewerber?

Wir haben uns entschieden, keine Autos zu bauen. Wir bleiben bei unseren Stärken. Wir wollen ein Zulieferer und Partner für die Autohersteller sein und nicht gleichzeitig ein Wettbewerber. Unsere Stärke ist IKT, also Informations- und Kommunikationstechnologie. Durch das autonome Fahren werden die Autos immer weiter vernetzt – miteinander und in der Cloud. Ein dramatischer Umbruch für die Industrie.

Wie werden die Autos sich verändern?

Autos werden in Zukunft mobile Datenzentren. Sie werden sehr schnell große Mengen an Daten sammeln, verarbeiten, weiterschicken oder speichern müssen. Darin sind wir ziemlich gut. Gleichzeitig bieten wir Komplettlösungen an, also auch die Datenerfassung: Lidar, Radar und Kameras.

Die in Huawei-Smartphones verbauten Kirin-Chips gehören zu den fortschrittlichsten weltweit. Um sie herstellen zu lassen, braucht Huawei bisher US-Produktionstechnologie. Doch der ehemalige Präsident Donald Trump hat auch den asiatischen Herstellern verboten, für Huawei zu produzieren, wenn sie US-Technologie benutzen. Nun müssen Sie Partner finden, die ohne US-Technologie in der gleichen Qualität produzieren können. Wie lange wird es dauern, bis das soweit ist?

Alle Marktteilnehmer suchen derzeit nach Wegen, wie sie von politischen Einflüssen unabhängiger werden können. Jene in Europa und China, aber auch die taiwanesischen Marktführer und die aus Südkorea. Alle investieren massiv in diesem Bereich. Denn die Restriktionen der Amerikaner haben das Vertrauen in die globale Chip-Industrie erschüttert. Ein großes Problem. Wir hoffen sehr, dass das Vertrauen wiederhergestellt werden kann, und alle Marktteilnehmer wieder für eine Zusammenarbeit offen sind.

Herausforderung Klimawandel und Umweltschutz

Die zunehmende Vernetzung produziert immer mehr Daten. Um diese zu managen, braucht Huawei immer mehr Strom. Das schadet dem Klima. Muss Huawei umdenken?

Das ist eine große Herausforderung. Statistiken zeigen, dass Datenzentren bereits heute etwa ein bis zwei Prozent des globalen Stromes verbrauchen. Das ist viel – und eine Herausforderung beim Klimawandel. Auch für uns.

Was machen Sie dagegen?

Wir arbeiten in drei Bereichen am Thema Umweltschutz. Erstens an der Reduzierung von CO2-Emissionen, zweitens an der Förderung erneuerbarer Energien und drittens an unserem Beitrag zur Kreislaufwirtschaft. Zunächst einmal müssen wir als Unternehmen für Informations- und Kommunikationstechnik den Stromverbrauch reduzieren. Für ersteres benutzen wir bei unseren Ausrüstungen Technik, die umweltfreundlich ist. Doch viel wichtiger: Die Datenzentren insgesamt müssen stromsparender werden. Unsere neuesten Datenzentren verbrauchen schon 20 bis 30 Prozent weniger, um die Hardware zu kühlen – der Bereich, der am meisten Energie frisst.

Wie bekommt man das hin?

Wir haben Icooling-Lösungen entwickelt, die mithilfe von künstlicher Intelligenz Datenzentren beibringen, wie, wo und wann man Strom sparen kann. In unserem Cloud-Datenzentrum in Langfang bei Peking zum Beispiel läuft diese Lösung schon. Unsere KI-Systeme optimieren die Temperatur ständig und aufgrund kumulierter Erfahrungen besser als jeder Mensch. So sparen wir allein in diesem Zentrum 13.000 Tonnen CO2 pro Jahr.

Haben Sie auch Einfluss darauf, welchen Strom Sie bekommen? Chinas Stromproduktion hängt noch zu knapp 70 Prozent an der Kohle. Das ist nicht sehr umweltfreundlich.

Wir unterstützen erneuerbare Energien mit unserer Abteilung Digitale Energie und sind bereits mit Fotovoltaik-Lösungen und Energiespeicherprodukten im Geschäft. Ich war kürzlich in Qinghai, einer dünn besiedelten Provinz am Nordostrand des Himalaya. Dort haben wir geholfen, in der Wüste eine 200 Quadratkilometer große Anlage mit Sonnenkollektoren aufzubauen. Sehr beeindruckend. Wir haben smarte Lösungen zur Steuerung dieser Anlage und Energiespeicherungsprodukte entwickelt. Das Neue an dieser Anlage ist zum Beispiel, dass die Bodenverdunstung um 30 Prozent reduziert wird – und so mehr Gras unter den Solarpaneelen wachsen kann, das Schafen als Nahrung dient. Damit wird mehr erneuerbare Energie produziert und das Einkommen der Schäfer erhöht – eine wirkliche Synergie zwischen Technologie und dem Ökosystem als auch zwischen New Energy und klassischer Industrien.

Benutzen Sie bereits überwiegen Öko-Strom bei Huawei?

Wir sind auf dem Weg dorthin. Unser Forschungszentrum in Chengdu wird ausschließlich mit erneuerbarer Energie betrieben. Wir bauen immer mehr Datenzentren im Westen des Landes, wo es viel Wind, viel Sonne und viel Wasser gibt, um daraus Strom herzustellen. Außerdem ist es viel kühler dort. Und wir werden immer besser im Bereich der Kreislaufwirtschaft.

Der Strom aus alternativen Energien hat ja einen großen Nachteil. Er hängt vom Wetter ab und ist damit sehr unbeständig. Müssen Sie dann doch zurück zu Kohle, um die Schwankungen auszugleichen?

Die Lösung dafür ist die Energiespeicherung. Damit beschäftigen wir uns intensiv. Wir arbeiten derzeit an diesem Problem und glauben, es ist lösbar.

Aber schaffen Sie es denn mit solchen Projekten, ihren Stromverbrauch insgesamt zu senken oder nur das Wachstum des Stromverbrauchs? Sie arbeiten schon an 6G. Die Datenmengen, die Sie verarbeiten müssen, werden ja exponentiell größer.

Die Datenzentren werden sicherlich größer, und wir brauchen mehr davon. Ich glaube dennoch, dass unser Stromverbrauch insgesamt sinken wird. Ein Beispiel: Der Energieverbrauch pro Bit von unserem 5G beträgt nur ein Zehntel des Verbrauchs pro Bit von 4G. Wichtiger ist jedoch, dass wir beim Klimawandel den Stromverbrauch ganzheitlich betrachten. Zum Beispiel verhindern Videokonferenzen, dass die Menschen mit dem Flugzeug reisen, um sich zu treffen. Zwar brauchen die Datenzentren dafür mehr Strom. Aber die Energiemenge, die durch weniger Reisen gespart wird, ist viel größer.

Wie hat sich das Umweltbewusstsein bei Huawei entwickelt? Wurden Sie von der Regierung gezwungen?

Wir haben uns schon sehr früh mit Umweltschutz befasst. Unser erstes Umwelt-, Gesundheits- und Sicherheitskomitee trat bereits 2003 zusammen. Damals ging es hauptsächlich um internen Umweltschutz. Also zum Beispiel um die Nutzung umweltfreundlicher Materialien. Seit 2009 bereits geben wir einen Nachhaltigkeitsbericht heraus. In dem Maße, in dem wir international erfolgreich wurden, waren wir gezwungen, uns an den Standard der jeweiligen Länder anzupassen. Und wir sind in 170 Ländern aktiv.

Huaweis Pläne für die Zukunft: Digitale Vernetzung in Europa

Auf welchen technologischen Bereich werden Sie in Zukunft ein besonderes Augenmerk legen?

Wir arbeiten natürlich an vielen Themen gleichzeitig. Aber sehr wichtig für uns in den nächsten Jahren wird die digitale Vernetzung der kleinen und mittelständischen Unternehmen sein. In Europa gibt es 25 Millionen solcher Betriebe, und erst 17 Prozent von ihnen sind vernetzt. Bei den Konzernen sind es bereits 50 Prozent. Hier können wir viel zur Wettbewerbsfähigkeit Europas beitragen.

Welches technologische Gebiet interessiert Sie denn persönlich am meisten?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe darüber noch nie nachgedacht, weil wir so viele verschiedene Bereiche haben – Vernetzung, Computing, Konsumgüter oder Cloudservices. Je länger ich nachdenke, desto eher würde ich sagen: 5G-Computing wird die Geschäftsmodelle und damit die Wirtschaft und am Ende unser aller Leben dramatisch verändern. So wie damals die Elektrizität.

Der 1964 geborene Liang Hua ist der Vorstandsvorsitzende von Huawei, dem international erfolgreichsten chinesischen Unternehmen. Der Technologiekonzern hat seinen Hauptsitz in Shenzhen. Liang arbeitet bereits seit 1995 bei Huawei, vor allem im Technologiebereich. Zuvor hat er in Wuhan im Fach Maschinenbau promoviert.

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